29.07.2017

Ohne Fett und Zucker

Der Roman Die Chefin von Marie NDiaye fragt nach dem Preis, den Frauen für schöpferisches Glück zahlen. Von Claudia Voigt
ZU KOCHEN BEDEUTET für viele Frauen nicht einfach nur die Zubereitung eines Essens. Dafür ist diese Tätigkeit über Jahrhunderte zu sehr Teil der weiblichen Gängelung gewesen, eine niedere Aufgabe in den Augen der Männer, allein den Frauen vorbehalten. Wer Köchin von Beruf war, zu einer Zeit, als Frauen ein eigenständiges Leben noch verwehrt wurde, musste meist miese Arbeitsbedingungen hinnehmen. Und noch in den Nachkriegsjahren, als eine Hausfrau und Mutter in der BRD selbstverständlich auch das Essen für ihre Familie zubereitete, war die Rede davon, eine Frau sei an den Herd gefesselt. Unter den gefeierten Spitzenköchen sind bis heute weniger Frauen als Männer, das mag auch an dieser verqueren Geschichte liegen.
Eine Köchin ist die Heldin des neuen Romans von Marie NDiaye. Und weil die Französin zu den klügsten Schriftstellerinnen der Gegenwart zählt, verschränkt sie die Lebensgeschichte ihrer Heldin und deren Leidenschaft fürs Kochen mit den Fragen, ob eine Frau, die sich einer Berufung verschrieben hat, noch eine Liebende sein kann, ob es in ihrem Leben einen Mann geben kann und was die Geburt und die Erziehung eines Kindes für sie bedeuten müssen.
Muss die bedingungslose Hingabe an die Kunst – ausgerechnet an die des Kochens – mit der Preisgabe des Frauseins bezahlt werden? Ist die Obsession für einen Beruf ohnehin nur um einen emotionalen Preis zu haben, egal ob Mann oder Frau? Über viele Seiten hat das Buch Die Chefin. Roman einer Köchin einen essayhaften Charakter. Doch der ruhige, melodiöse Ton von NDiayes Sprache trägt den Leser leicht durch die langen, gedankensatten Sätze.
Bis zum Ende des Romans bleibt die Chefin eine distanzierte Figur, die einfach die Chefin heißt, ihr Name wird erst auf den allerletzten Seiten genannt. Marie NDiaye hat eine komplizierte Konstruktion gewählt, die sich aber erstaunlich schwerelos entfaltet. Der Erzähler ist ein junger Koch, der als 19-Jähriger in das Restaurant der Chefin kam, in das "La Bonne Heure" in Bordeaux. Schon als Kind hatte ihn der Ort angezogen. Vor allem aber hatte er sich in ein Zeitungsfoto der Chefin verliebt. Es zeigte sie mit offenem Haar, ein Zufall, die Chefin würde sagen: ein Irrtum, niemals wieder wird der Erzähler sie anders als mit einem streng gebundenen Knoten sehen.
Vom ersten Tag an bemüht er sich um ihre Nähe, er bemüht sich auch um ihre Liebe, doch er ahnt, wie aussichtslos diese Sehnsucht ist. Nach und nach erwirbt er sich aber das Vertrauen der Chefin, in langen Nächten, in denen ihn die Müdigkeit fast ohnmächtig werden lässt, während sie nach Restaurantschluss neue Kreationen ausprobiert und ihm aus ihrem Leben erzählt. Seine grenzenlose Verehrung bringt ihn dazu – und das ist die Grundkonstruktion des Romans –, nach ihrem Tod eine Art Biografie zu schreiben, die sich aus seinen Beobachtungen und ihren Erzählungen zusammensetzt. Die Biografie einer Frau, die unerkannt bleiben wollte, erzählt von einem Mann, der sich als unzuverlässiger Erzähler entpuppt, denn er ist stärker in ihr Leben verstrickt, als es viele Seiten lang scheint. Manchmal wird der Leser direkt angesprochen: "Was wollen Sie eigentlich genau wissen?" NDiaye betreibt ein literarisches Spiel, das man erst einmal wagen und bewältigen muss.
Von Anfang an fasziniert die Figur der Köchin durch ihr sperriges Wesen. Sie ist als Kind von Landarbeitern aufgewachsen, von freundlichen, stoischen Menschen, die auf den Feldern eines Dorfes in Südwestfrankreich Rüben ausgruben. 1950 oder 1951 soll sie geboren sein. Andere Orte und Daten markiert NDiaye auffällig genau.
Mit 14 Jahren verließ die Chefin die Schule und kam als Küchenhilfe zu einem Ehepaar namens Clapeau. Während der Sommerferien muss sie deren Köchin vertreten, sie ist da gerade 16 Jahre alt, und in einer kleinen Küche, die von einem breiten Pinienstamm verdunkelt wird, entdeckt sie ihre schöpferische Kraft. Zum ersten Mal erlebt sie die elektrisierende Spannung, die davon ausgehen kann, mit einer Arbeit völlig eins zu sein. "Wie habe ich nur eine solche Glanzleistung vollbringen können?"
Das ist nur Auftakt dieses eigensinnigen Romans. Später wird die Chefin Mutter einer Tochter, deren Geburt sie in eine tiefe Niedergeschlagenheit treibt und die einen existenziellen Konflikt aufreißt, der ihr Leben lang andauern wird. Die Parallelen zwischen der Kunst zu kochen und der Kunst, einen Roman zu schreiben, klingen immer wieder an. An einer Stelle heißt es über die Speisen der Chefin, es seien "Kompositionen von einer zarten, so schlichten und strengen Schönheit, dass sie dem Blick nur auffielen, wenn dieser offen und zu derartiger Verzückung bereit war, wenn er es wünschte". Damit sind auch die Prosa Marie NDiayes und deren unaufdringliche Brillanz perfekt beschrieben.
Marie NDiaye: Die Chefin. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp; 334 Seiten; 22 Euro. Erscheint am 7. August.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 31/2017
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