29.07.2017

Dünen des Geistes

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erschienen ab 1939.
● Im neuen Roman von Robert Menasse, Die Hauptstadt, der im September erscheint, soll der österreichische Außenminister einen Fragebogen für eine Frauenzeitschrift ausfüllen; sein Pressesprecher hilft ihm dabei:
Die privaten Fragen. Zum Beispiel: Lieblingsbuch.
Was schlägst du vor?
Es ist in Österreich Tradition, dass Politiker bekennen: "Der Mann ohne Eigenschaften". Drunter geht es eigentlich nicht. Und Tabu ist auf jeden Fall ein lebender Autor. Die Leut wollen keinen Lebenden.
Na gut, dann sind wir gut österreichisch. "Der Mann ohne Eigenschaften". Den hat ja schon, so viel ich weiß, der Kreisky geliebt.
Und der Sinowatz, der Klima und der Gusenbauer.
Nur die Roten?
Nein, auch der Mock, der Khol und sogar der Molterer.
Na drunter kann ich nicht gehen.
Ja, drunter kann man nicht gehen, drüber aber auch nicht. Das ist die Crux des Buches, das war schon die Crux seines Autors. Denn Scheitern kann man ja nur am Großen, und schließlich war das Buch so groß geworden, dass es niemand mehr lesen mag, aber jeder es für seine Pflicht hält, so zu tun als ob. Zeit, damit aufzuhören.
Gut 1600 Seiten Torso, ein Ausklang in Entwürfen, die weder Auflösung noch Erlösung bringen: Zeitlebens fand Robert Musil, der 1942 überraschend starb, nicht mehr hinaus aus seinem labyrinthischen Versuch, der Welt mit seiner titelgebenden Hauptfigur zu zeigen: "Der Mensch ist nicht komplett und kann es nicht sein. Gallertartig nimmt er alle Formen an, ohne das Gefühl der Zufälligkeit seiner Existenz zu verlieren. Auch ihn, wie alle Personen meines Romans, enthebt die Mobilisierung der Entscheidung."
Der genügsame Bruder Lustig dieses Vorhabens ist der Zauberberg, auch so ein Panorama der europäischen Gesellschaft kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit einem Helden beinahe ohne Eigenschaften (wenn auch, verglichen mit dem scharfsinnigen Ulrich, Hans Castorp erst recht Tor ist und bleibt) – aber eben auch ein Roman, von dem der verdrossene Musil sagte, "in seinen ,geistigen Partien' ist er wie ein Haifischmagen". Das ist so gut gesehen wie gesagt. Doch ist Musils Versuch, der Nummernrevue à la Thomas Mann weiträumig aus dem Wege zu gehen, zu einer Dünenlandschaft geraten, in der, wer sich nicht ohnehin verirrt, auf irgendeiner sanften, klug formulierten Erhebung in Schlummer versinkt.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 31/2017
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