29.07.2017

Bourgeoisie, die halt lächerlich ist

Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel. Erschienen 1892.
● Wir lasen Theodor Fontanes Roman Frau Jenny Treibel in der Oberstufe. Heute bedauere ich es. Weniger für mich, ich hatte diese plumpe Imitation eines Gesellschaftsromans rasch vergessen, als für meine Mitschülerinnen und Mitschüler. Viele wählten Berufe, in denen sie nicht mehr oft zum Lesen kommen. Wie sinnvoll hätte man die Zeit nutzen können? Wir gingen in Saarbrücken zur Schule – nie werde ich verstehen, warum wir nichts von Ludwig Harig lasen. Es hätte für alle einen großen Unterschied gemacht.
Woran aber erinnert man sich, wenn man sich an Fontanes Treibel erinnert? An eine lächerliche Frau. Der Autor hat sie sich so ausgedacht, schön lächerlich. Dann zeigt er dem Leser einen ganzen Roman lang, wie lächerlich sie ist. Viel Überredungskunst war nicht vonnöten, denn das Bürgertum galt in Deutschland ohnehin meist als lächerlich: Nicht edel wie der Adel, nicht fromm wie der Klerus, nicht zackig wie das Militär und nicht unschuldig wie die Armen. Fontane unterscheidet zwischen guten Bildungsbürgern und der Bourgeoisie, die halt lächerlich ist und bleibt.
Dass sich Interessen und Ideale nicht ausschließen, sondern gegenseitig befördern können – auf diese Idee kommt Fontane nicht. Schade, sie hätte Deutschland einiges erspart. Seine Figuren haben die Komplexität eines Handpuppentheaters für Krabbelgruppen, die Geschichte selbst erfindet jeder minderbegabte Serienautor, wenn man ihn nachts um drei weckt in zehn Sekunden, und der Stil verrät die Absicht. Das einzig Positive: Man liest dieses Ding sicher nur einmal. Es eignet sich als Krankenlektüre, wenn man sich durch die Erfahrung von Schmerz und Elend kein gutes Buch verderben möchte. Fontane-Profis mögen das lesen oder Menschen, die böse eine Wette verloren haben, oder eben Schülerinnen und Schüler, die Pech hatten. Wer sich für das Bürgertum des 19.Jahrhunderts interessiert, möge Flaubert lesen.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 31/2017
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