29.07.2017

Franz, die Laborratte

Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz. Erschienen 1929.
● Manche Bücher kann man nur befreien, indem man sie hasst. Berlin Alexanderplatz zum Beispiel. Der arme Alfred Döblin und die Tausenden von Seiten, die er sonst so in seinem Leben geschrieben hat. Nahezu vollständig verschwinden sie hinter diesem einen Roman; niemand kennt irgendwas von Döblin – außer Berlin Alexanderplatz. Das verdammte Buch steht als Granitmonument in der Literaturgeschichte herum und nimmt dem bedauernswerten Mann und seinen anderen Büchern alles Licht. Wenn man es umwirft, tut man allen einen Gefallen: Die anderen sind wieder sichtbar und können selbst in die Welt hinausschauen (Und es behaupte niemand, Bücher hätten keine Augen! Die haben noch ganz andere Organe, um sich ihre Leser zu suchen!) – und Berlin Alexanderplatz könnte man vielleicht sogar mal wieder auf den Nachttisch legen und lesen. Mit Granitmonumenten geht das nicht.
Und ist es bei näherer Betrachtung nicht eh ein reichlich missglückt gewähltes Denkmal? Kommt es nicht immer anmaßend und latent zynisch, wenn akademisch gebildete Schriftsteller sich in den "kleinen Mann" oder die "einfache Frau" hineinversetzen wollen? Die Vorrede zu Berlin Alexanderplatz legt nahe, die Geschichte von Franz Biberkopf als Moritat zu lesen, eine schaurige Ballade mit Moral, archaisch künstlich, zugleich Groschenliteratur. Trotzdem erzählt Döblin nah an seiner Figur, nur dass diese von vornherein eine Funktion innerhalb der experimentellen Erzähltechnik zu erfüllen hat. Der Autor ringt in seiner bildungsbürgerlich mythischen Überhöhung des Geschehens weniger mit dem Schicksal seines Franz, als er sich an seiner eigenen Allmacht über das Schicksal berauscht. Döblins Franz ist nichts als seine literarische Laborratte.
Rückblickend wirken die ästhetischen Mittel, die in Berlin Alexanderplatz die Großstadt erfahrbar machen sollen, ziemlich in die Jahre gekommen. Walter Benjamin hat schon in einer zeitgenössischen Rezension Döblins Montagetechnik hervorgehoben. Seltsamerweise hat sich die damals noch brandneue Montagetechnikkunstform, der Film, weit besser gehalten. Der Döblin dagegen ist gut angestaubt. Ein Grund dafür könnte sein, dass Bilder viel unmittelbarer wirken und so eine Suggestivkraft entfalten, die Wörtern immer fremd bleibt. Sprache unterliegt immer dem Paradoxon, dass sie zugleich Wirklichkeit einfangen und sich vom Leib halten will. Sprachliche Montage bleibt denn auch immer ein intellektuelles Spiel, während die filmische keinen Widerspruch duldet und Wirklichkeit herstellt (und sei diese Wirklichkeit auch noch so surreal). Es ist fast logisch, dass Berlin Alexanderplatz in gleich zwei Verfilmungen zu Ruhm gekommen ist – beide besser als das Buch selbst.
Wahrscheinlich war Berlin Alexanderplatz nie Avantgarde, sondern von Anfang an hoffnungslos veraltet – weil es der Großstadt wie ein entlaufener großbürgerlicher Pudel hinterherhechelt, anstatt ihr ins Gesicht zu pissen.
Von Juliane Liebert

DER SPIEGEL 31/2017
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