29.07.2017

Das unselige Predigen

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise. Erschienen 1779.
● Es ist das berühmteste Stück der deutschen Aufklärung, es ist toleranzeuphorisch, menschenfreundlich, universalistisch, es hat eine klare Botschaft, die über jeden Zweifel erhaben ist – und genau das ist sein Problem. Nathan der Weise, geschrieben 1779 von Gotthold Ephraim Lessing, rennt offene Theatertüren ein, es ist der Pädagogen und Pastoren liebstes Stück, ein Lehrstück vom großen Einverständnis. Einst mag die Botschaft, dass die drei monotheistischen Religionen gleichviel wert seien, provokant gewesen sein, heute ist sie harmlos, hier im säkularisierten Westen, aber selbst wenn sie nicht harmlos wäre: Theater mit Botschaft ist immer bäh. Nathan der Weise zielt nicht auf den denkenden Zuschauer, sondern auf den meinenden, auf den Zuschauer, der sich nicht irritieren, sondern bestätigen lassen will, auf den Zuschauer, der nicht seinen Intellekt oder gar seinen Geschmack schulen, sondern seine Moral beweisen will, kurz: auf den Zuschauer, der Kunst eigentlich gar nicht mag. Lessing, ein protestantischer Pastorensohn, nannte die Bühne seine "Kanzel", auf der er "predige", sein Ziel: die Zuschauer zu erziehen. Dummerweise hat er, der zum Begründer des deutschen Nationaltheaters wurde, auch Generationen von Theatermachern erzogen. Nathan der Weise ist das erste weltanschauliche Ideendrama, keine Kunst, sondern Kunstpädagogik. Mit ihm beginnt das unselige Predigen der deutschen Schauspielhäuser. Sollen all die Lessing-Epigonen doch bitte Leitartikel schreiben, aber keine Literatur, sollen sie doch auf die Kanzel steigen, aber nicht auf eine Bühne.
Von Tobias Becker

DER SPIEGEL 31/2017
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