29.07.2017

Männerkitsch, leider

Max Frisch: Montauk. Erschienen 1975.
● Altmänner-Eitelkeit, dargeboten von einem Autor im Büßerkleid. Max Frisch, der sich ein Schriftstellerleben lang in seinen Stücken und Romanen an Fragen der Identität und der Nichterzählbarkeit des eigenen Lebens abarbeitete, hat die späte, 1975 veröffentlichte Erzählung Montauk als maximal aufrichtigen Erlebnisbericht deklariert. "Denn ich bin es, den ich darstelle", heißt es im Montaigne-Motto des Textes. Referiert wird das Liebeswochenende eines älteren europäischen Mannes von über 60 Jahren mit einer ziemlich genau halb so alten, rothaarigen Amerikanerin, sein Staunen über die offenbar noch existierende Wirkung seiner maskulinen Erscheinung (und seines Ruhmes) auf das andere Geschlecht, sein Versagen im Bett. Stolz und Zerknirschung sind die Triebkräfte dieses Buches, das man als eine Bilanz von Liebesdesastern bezeichnen darf. Völlig zu Recht wird die meist locker schwingende Sprache gepriesen, in der hier von katastrophalen männlichen und menschlichen Verfehlungen, von halb oder ganz erzwungenen Abtreibungen, von hässlichen Zerwürfnissen mit Expartnerinnen die Rede ist. Die heitere Leichtigkeit des Tons ist zugleich eine Schwäche dieses Buches. "Es sind nicht die Frauen, die mich hinters Licht führen; das tue ich selber", heißt es einmal. Zu Beginn huldigt der Erzähler der Schönheit seiner jungen amerikanischen Gefährtin, die überraschend mit ihm eine Liebesnacht zugebracht hat, er bewundert "ihr kleines Gesäß in der knappen Hose", auch "ihren leichten und flinken Gang". Und weil es eine Stärke dieses Buches ist, dass es viele Einwände zur Sprache bringt, die den Leserinnen und Lesern einfallen könnten, streiten der Schriftsteller aus Europa und seine junge Begleiterin einmal tatsächlich darüber, was Kitsch ist und was nicht. Die Erzählung Montauk ist in ihrem Kern leider Männerkitsch, der sein Verfallsdatum überschritten hat. Jeder literarische Kanon ist nicht bloß dazu da, herausragende Bücher einer bestimmten Zeit als deren atmosphärisch-historische Zeugnisse zu benennen; sondern er verfolgt auch den Zweck, lesebegeisterte Menschen, gerade jüngere, für die Kraft eines Autors und die Möglichkeiten der Literatur zu begeistern. Es ist schade und falsch, dass nicht Max Frischs sehr viel lebendigerer und verrückterer Roman Stiller aus dem Jahr 1954 – der ein Millionenerfolg war – auserkoren wurde, nachwachsende Generationen für diesen Autor zu gewinnen, sondern dieses grüblerische Alterswerk, in dem ein Schriftsteller die Wonnen der Melancholie austestet. Er empfinde sich auf der Straße als "Walross ganz und gar", behauptet der Erzähler einmal. Leider sagt das beim Wiederlesen heute mehr über die Schwerfälligkeit des Helden von Montauk aus als über das literarische Gewicht seiner Lebensbeichte.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 31/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Männerkitsch, leider

  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug