29.07.2017

Eintagsmenschen

Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen. Erschienen 1939.
● Das ist doch vollkommen uninteressant, ob und, wenn ja, in welchem Maße dieses Buch ein Widerstandsbuch gewesen ist, damals, 1939, als es in Deutschland erschien. Hitler selbst, das hat Ernst Jünger stets stolz angedeutet, hatte die Bedenken kleingeistiger Zensoren beiseitegewischt und das Erscheinen von Auf den Marmorklippen in dem von ihm regierten Deutschland nicht verhindert. Ob der tyrannische Oberförster, der hier beschrieben wird, ein Abbild Görings ist oder sogar Hitlers selbst, darüber haben sich Generationen von Germanisten später den Kopf zermartert.
Die idyllische Todeslichtung Köppels-Bleek hier im Buch ist ein frühromantisches Konzentrationslager, dessen Beschreibung selbst Ernst Jünger, der ansonsten nicht für übermäßige Selbstkritik bekannte Autor, später "etwas zu rosig" nannte. Im Ernst. Das war 1972, als er schrieb: "Vielleicht habe ich die Schinderhütten noch etwas zu rosig ausgemalt."
Bei der Wiederlektüre war ihm dabei offenbar entgangen, dass er nicht nur die deutschen KZ rosig ausgemalt hatte, sondern seine ganze Romanwelt so fleißig mit überparfümierten Kunstblumen umstellt hatte, dass man als Leser überhaupt keinen Vergleich mit irgendeiner realen Wirklichkeit da draußen ziehen kann und will.
Man muss es auch nicht. Die Welt, wie Ernst Jünger sie in den Marmorklippen beschreibt, ist ohnehin zu Recht dem Untergang geweiht. Ihr ist der alte Adel verloren gegangen, sie ist verkommen und verludert, reif für den letzten Brand. Der Erzähler wohnt in lichten Höhen oder fernen Tiefen, fernab vom massenhaften Sterben des Pöbels. "Ich hörte dort unten nicht die Kinder weinen und die Mütter klagen, auch nicht das Kampfgeschrei der Sippenbünde und das Brüllen des Viehes, das in den Ställen stand. Von allen Schrecken der Vernichtung stieg zu den Marmorklippen einzig der goldene Schimmer auf. So flammen ferne Welten zur Lust der Augen in der Schönheit des Unterganges auf."
Schade, dass man die Bewohner dieser fernen Welten nicht vorher gefragt hat, ob sie einverstanden sind, "zur Lust der Augen" von irgendwem aufzuflammen. Für den wahren Herren-Dichter spielt das aber natürlich auch gar keine Rolle.
Es ist ein schauderhaftes Buch. Die harmlosen Teile lesen sich so, als sei Hermann Hesse in ein Rotweinfass gefallen. Das sind Passagen einer zeitentrückten Landweinseligkeit, nur leider viel zu betrunken, um noch lesbar zu sein. Alles so überorchestriert, als habe der Autor entweder überhaupt kein Vertrauen in seinen eigenen Stil, sodass er meint, jedes Bild vervielfachen zu müssen, um sich dem Leser verständlich zu machen. Oder so voller Übervertrauen in sich selbst, dass es ohnehin keine Rolle spielt, mit wie vielen Blumen er die bereits vorhandenen reichhaltigen Blumendekorationen noch übermalt.
Leider ist das alles aber keineswegs harmlos. Sondern von einer brutalen, menschenverachtenden Kälte grundiert. Die Mitleidlosigkeit, mit der hier der notwendige Untergang (warum noch mal?) herbeigesehnt wird, ist das eine. Aber diese kalte Verachtung, mit der normale Menschen, Nichtadelige, Frauen vor allem, geschildert werden, das ist widerwärtig und dumm. Ernst Jünger kann für sich reklamieren, in diesem Buch das erstaunliche Wort "Eintags-Menschen" für besonders wertlose Individuen erfunden zu haben: "Wenn das Gefühl für Recht und Sitte schwindet und wenn der Schrecken die Sinne trübt, dann sind die Kräfte der Eintags-Menschen gar bald versiegt. Doch in den alten Stämmen lebt die Kenntnis des wahren und legitimen Maßes, und aus ihnen brechen die neuen Sprossen der Gerechtigkeit hervor. Aus diesem Grunde wird bei allen Völkern dem edlen Blute der Vorrang eingeräumt."
Eintags-Menschen, schwaches Blut, ohne Adel. Können weg. "Die Korrekturen las ich schon beim Heer", hat uns Jünger in den später hinzugefügten "Adnoten" mitgeteilt. Und dass eine Beschwerde des Reichsleiters Bouhler bei Hitler ohne Ergebnis blieb. "Über die Einzelheiten wurde ich ziemlich genau unterrichtet; auch das strengste Regime ist durchlässig."
Wenn der literarische Kanon eines Landes dazu da ist, den wertvollen Teil unserer Kultur zu bewahren, der Teil, auf dem wir aufbauen und immer weiterbauen wollen, dann gehört dieses Buch von Ernst Jünger da nicht hinein.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 31/2017
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