29.07.2017

Ein Ego-Problem

Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Erschienen 1809.
● Romane sind oft grausam, weil das Leben grausam ist. Menschen leiden, an der Liebe zum Beispiel oder am Leben, Menschen verlieren sich und finden sich, Menschen verraten oder vertrauen einander, alles innerhalb der Zeiten, in Revolutionen oder im alltäglichen Nichts. Romane sind oft grausam, Romanautoren sollten es eher nicht sein. Sonst verpassen sie es, die Fülle ihrer Figuren zu sehen.
Und das ist das Problem mit Goethes Wahlverwandtschaften – ein Roman, so heißt es als Genrebezeichnung, der doch eigentlich vor allem eine Versuchsanordnung ist, über die Liebe, so heißt es, aber ich bin da nicht so sicher. Ich glaube, es geht um etwas anderes. So kalt und grausam, wie Goethe seine Figuren über die Bühne ihres Lebens schiebt, scheint es doch eher so, als wolle er vor allem eines zeigen: wie clever der Autor ist.
Goethe, könnte man moderner sagen, hat ein Egoproblem. Er will lieber beweisen, wie klug er ist, als dass er sich die Mühe macht, dreidimensionale Menschen zu entwerfen. Er schreibt kühl und klar und ohne Empathie. Er erhebt sich über seine Figuren, weil er es kann. Er führt sie vor, das Ehepaar Charlotte und Eduard und deren jeweiliges Liebesinteresse zu Otto, dem Hauptmann, und Ottilie, der anschmiegsamen jungen Frau. Er verbindet ihr Leben und Schicksal mit der Ästhetik und Logik der Landschaftsgestaltung und der Chemie, er legt die Modelle der Wissenschaft über die Leidenschaften der Menschen, er insistiert auf seinem Versuch und setzt ihn durch gegen den Willen derer, die er geschaffen hat.
Das ist besonders auffällig – und besonders schade –, weil die Wahlverwandtschaften ein Werk auf der Kippe der Zeit sind. Sie sind von der schematischen Konstruktion her ein Gebilde des 18. Jahrhunderts mit deutlich französischem Einfluss, aber ohne das erotische Lust-Intrigantentum etwa von Choderlos de Laclos und seinen Gefährlichen Liebschaften. Und sie sind von der seelensuchenden Ambition her ein Werk, das auf das späte 19. Jahrhundert verweist – aber die Figuren, sosehr sie sich bemühen, leben nicht, sie gewinnen ihre Liebe nicht und verlieren sich selbst unter den Augen des Autors.
Sie sind verdammt zu einem Leben im Klischee: Die Männer sind Tatmenschen, die Frauen sind duldsam, sie erleiden die Liebe mehr, als dass sie sie gestalten. Das gilt für Charlotte, die ihre Leidenschaften opfert, und auch für Ottilie, deren Vorstellung von Liebe in gewisser Weise in der Mimikry liegt, sie imitiert die Handschrift von Eduard, sie will werden wie er, sie will Liebe, um sich aufzugeben. Die finale Grausamkeit des Todes von Charlottes Kind mit dem Hauptmann verbindet die beiden schließlich auf eine Art und Weise, die die wilde Liebe verdammt und in den Bereich der Schuld verweist.
Zwischen den vier Liebessuchenden hat Goethe – es wirkt entweder wie ein Fehler oder doch wie ein heimliches Versprechen – ein Paar platziert, das dem Schematismus des Lebens wie des Autors entgegentritt und sich durch Leidenschaft emanzipiert. Es sind zwei Adlige, die die herrenlose Liebe leben, die sich dem Körper und der Lust ergeben, die sich aufschwingen zum Meister ihres Verlangens und ihres Lebens – alles Dinge, die Goethe seinem Versuchspersonal störrisch verweigert.
Und so bleibt es dabei, dass Goethe die Liebe verstellt, anstatt sie zu entblößen. Er nimmt sie auch nicht, wie es angelsächsische Romanautoren so oft tun, als Mittel, um die ökonomischen und sozialen Verhältnisse zu beschreiben oder zu kritisieren. Er lässt sie, am Ende doch romantisch, die heimliche Kraft sein, die waltet, wie sie will. Seine Wahlverwandtschaften sind ein scheinaufklärerisches Unternehmen, das am Ende das Individuum opfert. Da ist kein Aufschwingen, keine Feier. Da ist kein Spiel.
Das ist das sehr Deutsche an diesem Roman: Die Welt bleibt letztlich außen, die Figuren agieren in einem Kokon, sie verspinnen sich in sich selbst, und manche meinen, das sei dann schon das Leben.
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 31/2017
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