29.07.2017

Vergewaltigung mit Ansage

Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug. Erschienen 1811.
● Klumpfüßig und kahlköpfig, wie er ist, hat der Dorfrichter Adam die junge Eve in ihrer Kammer aufgesucht, um sie zu erpressen. Er verspricht Eve, nach einer gemeinsamen Liebesnacht dafür zu sorgen, dass ihr Geliebter Ruprecht nicht zum Militärdienst nach Indonesien geschickt wird, wo er leicht an einem Fieber sterben könnte: "War's gelb, war's scharlach, oder war es faul?"
Worum sich alles dreht in Der zerbrochne Krug, das ist die Idee, dass ein jungfräuliches Mädchen einem alten Mann Sex gewähren soll, zutiefst unglücklich, weil sie nur auf diese Weise das Leben des jungen Mannes retten kann, den sie eigentlich begehrt und liebt. Eine Vergewaltigung mit Ansage.
Doch es ist nicht etwa Eves Leid, das Kleist in seinem Theaterstück beschäftigt. Die Hauptrolle gehört dem Dorfrichter. Er wird in der Kammer von Ruprecht überrascht, kann gerade noch unerkannt fliehen, zerbricht dabei einen Krug und verliert im Obstspalier des Gartens seine Richterperücke. Am nächsten Tag soll er über sein eigenes Vergehen zu Gericht sitzen. Anders als in Sophokles' König Oedipus, der Tragödie aller Tragödien, in der Oedipus den Mörder seines Vorgängers Laios sucht, ohne zu ahnen, dass diese Suche bei ihm selbst enden wird, wissen in Der zerbrochne Krug von Anfang an alle, was gespielt wird. Das allein ist schon öde.
Das Stück ist eine nicht enden wollende Gerichtsverhandlung, denn Adam versucht die Wahrheit zu verdunkeln, während Eve sich nicht traut, die Wahrheit auszusprechen. Die verzweifelte Frau wird in eine Komplizenschaft gezwungen, mit dem Mann, der seine Macht missbraucht. Doch während sie eine blasse Nebenfigur bleibt, stiftet Adam, der Ankläger und Angeklagte, jede Menge Verwirrung, um seine Schuld zu verschleiern. Was Kleist ein "Lustspiel" nannte, zieht sich quälend in die Länge. Die Unterwerfung einer Frau dient nur als Anlass für ein geheimnisloses Hin und Her.
Kleist soll eine Wette abgeschlossen haben, bevor er mit der Arbeit an diesem Stück begann, er wollte seinem Freund Ernst von Pfuel beweisen, auch ein Talent für Komik zu haben. Nein, hat er nicht. Schon die schwere Symbolik der Namen steht dem entgegen – Adam, Eve, der Gerichtsschreiber heißt Licht; die Zeichenhaftigkeit der Gegenstände ist aufdringlich – die verlorene Perücke, der zerbrochene Krug. Dem Stück ist seine Machart viel zu sehr anzumerken, es fehlt ihm der Seelengehalt vieler anderer Werke Kleists. Prinz von Homburg etwa gehört mit seiner betörenden Sprache und seiner inhaltlichen Ambivalenz zu den besten deutschen Dramen. Der zerbrochne Krug dagegen sollte umgehend von allen Schullehrplänen gestrichen werden. Das kann man Zehntklässlern nicht antun.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 31/2017
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