29.07.2017

Terror der Helligkeit

Ihr Kampf: Linda Boström Knausgå rd, frühere Ehefrau des Entblößungsromanciers Karl Ove Knausgård, hat einen zarten Roman über ein stummes Mädchen geschrieben. Von Volker Weidermann
DASS FRAUEN ZURÜCKSCHLAGEN, das gibt es ja gar nicht so selten in der Geschichte der Weltliteratur. Besser gesagt: zurückschreiben, also kämpfen mit literarischen Mitteln. Tolstois Ehefrau Sofia schrieb ihre Version der fatalen, frauenfeindlichen Kreutzersonate, Ingeborg Bachmann baute ihr uferloses Todesarten-Projekt auf dem als Fundamentalangriff empfundenen Roman Mein Name sei Gantenbein ihres früheren Geliebten Max Frisch auf. Und Alice Carey, die Lynn aus Frischs Montauk, arbeitet bis heute an ihrer Version jenes Wochenendes in den Hamptons.
Wer hätte in unseren Tagen mehr Grund, zum literarischen Gegenschlag auszuholen, als sie, Linda Boström Knausgård, bis vergangenen Herbst Ehefrau Karl Ove Knausgårds, jenes Mannes, der mit seinem sechsbändigen Entblößungskunstwerk Min Kamp einen der erstaunlichsten literarischen Welterfolge unserer Zeit feierte? Hat er doch auf diesen 4500 Seiten keineswegs nur sich selbst entblößt, sondern vor allem die Menschen um sich herum, die Menschen, die er liebt und die er hasst. Und am nacktesten, schutzlosesten – und, ja, auch liebevollsten – schilderte er darin seine an bipolarer Störung erkrankte Ehefrau Linda. Überfordert, selbstmitleidig, stets zu Vorwürfen gegenüber dem fleißigen Ehemann bereit, das sind die dunklen Seiten, die der Norweger der Welt von seiner Frau präsentiert.
Als sie das alles, alles gelesen hatte, was er den Lesern überall über sie mitzuteilen hatte, hat sie ihn nur gefragt, so schildert er es uns, den Lesern: "Was sollen wir jetzt tun, Karl Ove?"
Nun erscheint ihr erstes Buch auf Deutsch. Es ist insgesamt ihr viertes, die ersten drei wurden noch nicht übersetzt. Es heißt Willkommen in Amerika, und es ist leise, zart, reduziert, knapp, mit ganz kurzen Sätzen und sehr diskret. Nein, das ist kein literarischer Gegenschlag. Schon beim Lesen der ersten Zeile ist klar, dass ein Mensch, der solch tastend-leise Prosa schreibt, in solchen Kategorien niemals denken oder gar schreiben könnte.
Es ist die Geschichte eines kleinen Mädchens, das nicht mehr spricht. Es heißt Ellen, ist elf Jahre alt, und seine Familie wird von einer Mutter beherrscht, die alles in das Licht einer großen Heiterkeit taucht. Sie ist Schauspielerin von Beruf und im sonstigen Leben auch. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, eine helle Familie zu regieren. Helligkeit soll überall herrschen, Fröhlichkeit, beharrliche gute Laune. Leider macht da zum Beispiel ihr Ehemann nicht mit. Er ist – so erlebt ihn das Mädchen – ein Mann der Finsternis. Unklar, ob er die Lügen des Lichts seiner Frau so gut durchschaut hat, dass ihm nur noch die Wahrheit der Schwärze bleibt. Oder ob seine Frau ihm untreu war, ob sie seine Schwärze fürchtet und ihn deshalb aus der Familie stößt. Klar ist: Der Vater muss weg. Seine Depression wächst und wächst, dagegen ist die Lichtsimulation der alleinherrschenden Mutter auf Dauer machtlos.
Mit den Augen dieses Mädchens schauend, lernen wir langsam die Abgründe in dieser Familie kennen. Die Sehnsucht Ellens, ihr Vater, der Störenfried, der alle hinabzieht in seine Dunkelheit, möge verschwinden. Obwohl es, kindlich weise, genau weiß, dass seine Mutter ihn ins Unglück einst hineingezogen hat, weil sie ihn aus einer ländlichen Zufriedenheit, in der er aufgewachsen war, herausgezerrt hat. Das genüge nicht, nur Fußball und Angeln, das sei doch kein Leben. Und ihn dann mitnahm in die große Stadt, wo sie ihr Glück finden wollte und er sein Unglück fand.
Es ist die Geschichte vom langsamen Wachsen einer Depression. Die alles Licht aufsaugt, egal wie hell man spricht: "Wir sind eine helle Familie, sagte sie manchmal, meine Mutter, obwohl mein Vater nur auf dem Bett lag und an die Wand starrte, solange er lebte."
Der Vater muss weg. Das ist Ellen klar, und sie betet jede Nacht und schließt einen Pakt mit Gott: "Töte meinen Vater", so der Auftrag des Mädchens an den Allmächtigen. Er erhört das Flehen. Der Vater stirbt. Er hatte eine ganze Weile schon allein gelebt, hatte sich in unregelmäßigen Abständen noch in seine Familie hineingedrängt, in letzter Zeit immer seltener. Seinen Tod hat dann keiner bemerkt. Er lag drei Wochen lang tot in seiner Wohnung, bis er endlich entdeckt wurde. Ein Lebensende in vollendeter Verlassenheit.
LINDA BOSTRÖM KNAUSGÅRD schildert all das in vollendet zärtlicher Brutalität und Unerbittlichkeit. "Papas Tod war ein Triumph für mich und Gott. Es war unsere erste Zusammenarbeit." Aber es gibt noch mehr zu tun. Es gilt, dem Leben standzuhalten. Ellen hat gelernt, dass man Dunkelheiten im Leben nicht zulassen darf, hat gelernt, dass Glück zu simulieren das beste Mittel zum Überleben ist. Aber wie macht man das? Wie simuliert man das Licht in sich hinein, wie lügt man die Dunkelheit weg? Einfach immer bei der leuchtenden Mutter unterstellen, so wie die es sich zu wünschen scheint? Aber Ellen will nicht in diesem gleißenden Weiß stehen, ausgeleuchtet für immer: "Vielleicht kann ich meiner Mutter nicht ausweichen, so wie ich es gewollt hätte", lässt Linda Boström Knausgård ihre Ellen sagen. "Sie ist zu groß, zu fröhlich, zu übermächtig."
Und so flieht sie ins Schweigen. Ellen spricht nicht mehr, aus Angst, auch aus dem simulierten Glück zu fallen, wenn sie mit Worten daran rührt. Sie sagt nichts, sie räuspert sich nicht mal mehr, schluchzt nicht, wenn sie weint, schüttelt nicht den Kopf, ist ganz und gar in Regungslosigkeit gefangen. Es ist ihr selbst gebauter Käfig des Überlebens und der Stabilität. Kein gelogenes Licht darin, keine unüberwindliche Dunkelheit. Nur sie und ihre Stille. Unerschütterlich.
Ja, und natürlich schließt sich nun doch eine Art Kreis, der uns wieder zurückführt zum Werk Karl Ove Knausgårds. "Komm ins Offene, Freund", ist das von Hölderlin geliehene Grundmotiv seines ganzen Werkes. Unverhohlenheit, Offenlegung von Ängsten und Zwängen und Verlogenheiten des Alltags. Linda Boström Knausgård schildert ein Mädchen, das Offenheit als Bedrohung erlebt hat, Beweglichkeit als Gefahr. Für Ellen ist Schweigen die einzige Waffe. Ein einziges Mal ist ihr Mitteilungsdrang so groß, so überwältigend, dass sie sich ausdrücken muss. Sie schreibt einen kurzen Satz in ihr Tagebuch und zeigt es ihrer Mutter. Die ist erschüttert vor Dankbarkeit. Aber vor allem in Ellen hat sich etwas radikal gewandelt. "Ich hatte etwas von Grund auf verändert. Die Folgen konnte ich nicht überblicken." Ob sie es bereut? Sie weiß es nicht. "Ich wusste nur, wie schön es gewesen war, diese Worte zu schreiben."
Der Anfang eines Schreibens. Als Notwehr und Befreiung. Auch davon erzählt dieses wundervolle Buch.
Linda Boström Knausgård: Willkommen in Amerika. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Schöffling&Co.; 144 Seiten; 18 Euro.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 31/2017
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