29.07.2017

Auch Mörder lesen Verbrechergeschichten

Neue Kriminalromane von Donato Carrisi und Dennis Lehane. Von Wolfgang Höbel
EIN MÄDCHEN ist verschwunden, die Eltern sind verstört – und die Mutter der Kleinen schließt mit dem ermittelnden Kommissar einen Pakt. Man kennt dieses Motiv aus vielen Kriminalromanen, und in Donato Carrisis Thriller Der Nebelmann wird es auf zeittypische Art variiert. Die Mutter der in den kalten Tagen vor Weihnachten offenbar aus einem italienischen Alpental entführten 16-jährigen Anna Lou Kastner streift dem aus der Großstadt angereisten Sonderermittler Vogel ein Armband mit bunten Perlen übers linke Handgelenk, das dem vermissten Kind gehört. Der Polizist lässt es geschehen – und sowohl für ihn als auch für die Mutter wird sich diese rituelle Vereinbarung als Verhängnis erweisen.
Der Ermittler Vogel in Carrisis Buch ist konzipiert als grotesker Gegentyp zu klassischen, sympathisch vierschrötigen Detektivfiguren. Vogel ist ein immer topmodisch gekleideter Kotzbrocken, Dauergast in Italiens Talkshows, ein aufgeblasener Medienstar. Er weiß, welche Fernsehfrau ihm am nützlichsten ist. Er kennt die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie. Und er verrät jedes Verbrechensopfer für eine gute Pointe. "Früher hatte sich das Fernsehen darauf beschränkt, die Realität wiederzugeben", sinniert der Windbeutel Vogel in diesem Buch. "Jetzt hat sich der Prozess umgekehrt." Das Fernsehen mache die Realität "erst greifbar, erfahrbar".
Der italienische Schriftsteller Donato Carrisi ist 1973 geboren, hat außer Jura auch Kriminalwissenschaften studiert und ist dank Erfolgsbüchern wie Der Todesflüsterer schon berüchtigt für besonders aberwitzige Mord- und Totschlagsgeschichten. In Der Nebelmann schickt er seinen Ermittlerhelden zum Nervenarzt. Der Roman beginnt mit dem Ende des Entführungsfalls. Kommissar Vogel ist in offensichtlich geistig labiler Verfassung mit dem Auto verunglückt, trägt ein blutverschmiertes Hemd und erzählt nun rückblickend schön chronologisch einem Provinz-Psychodoktor, was in den vergangenen 62 Tagen seit dem Verschwinden des Mädchens geschah.
Carrisi beschreibt die Atmosphäre aus Frömmelei und totaler Überwachung in einem von christlichen Fundamentalisten bewohnten Alpendorf; er berichtet von der Verführungskraft der Mikrofone und Kameras, mit der die angereisten Journalisten auf die Dorfbewohner losstürmen; er schildert nicht bloß die Arbeit der Polizei, sondern auch die Gedankenwelt einer plötzlich nach Medienruhm verrückten Außenseitergemeinschaft. Irgendwann erweist sich ein Deutschlehrer namens Martini ziemlich überraschend als Hauptverdächtiger. Er landet im Knast, wird aber bald wieder freigelassen und verkündet seinen Schülern die frohe Botschaft: "Das oberste Gebot für einen guten Schriftsteller lautet: abschreiben."
Tatsächlich erzählt Der Nebelmann von einigen Heldinnen und Helden, die alle Gesetze eines guten Thrillers auswendig kennen und immer sehr genau zu wissen scheinen, wie alle Menschen um sie herum zu manipulieren sind – auch Kriminelle gucken fern, stöbern im Internet und lesen Krimis.
SEIT CLINT EASTWOOD und Martin Scorsese mit Mystic River und Shutter Island zwei seiner Bücher verfilmt haben, haben auch die Leser den 1965 geborenen Autor Dennis Lehane entdeckt. Nun hat Diogenes diesen im Original 1996 und auf Deutsch bereits 2001 erschienenen Roman liebevoll neu übersetzen lassen. Das Buch erzählt von einer Anwältin in Angst, der Mafia und einem seit Jahren im Knast einsitzenden Serienkiller. Und von viel schmutziger, schweißtreibender Arbeit für ein Ermittlerduo, das stets so wirkt, als sei es aus einem Film der hier virtuos angehimmelten Schwarzen Serie der Vierzigerjahre in die amerikanische Gegenwart gestolpert.
Donato Carrisi: Der Nebelmann. Aus dem Italienischen von Karin Diemerling. Atrium, Zürich; 326 Seiten; 20 Euro . Erscheint am 4. August.
Dennis Lehane: Dunkelheit, nimm meine Hand. Ein Fall für Kenzie & Gennaro. Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg. Diogenes; 512 Seiten; 16 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 31/2017
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