29.07.2017

Das ist es, sagt die Grammatik

Rodrigo Hasbúns Roman Die Affekte. Von Elke Schmitter
HIER MUSS MAL ERST ETWAS aus dem Weg geräumt werden. Wenn möglich: Entfernen Sie den Umschlag vor dem Lesen, und ignorieren Sie die Vorbemerkung (kursiv zwischen Titelblatt im Buch und Textbeginn auf Seite 11). Dann fangen Sie an.
Schon der erste Satz wird Sie möglicherweise gefangen nehmen: "Am Tag seiner Rückkehr vom Nanga Parbat (mit Bildern, die sich in die Seele rammten, so viel Schönheit war unmenschlich) sagte Papa, als wir beim Abendessen saßen, die Bergsteigerei sei zu technisch geworden, das, worauf es ankomme, ginge immer mehr verloren, er werde damit aufhören." Der Roman von Rodrigo Hasbún, geboren in Bolivien vor 37 Jahren, wurde von Christian Hansen übertragen, einem der besten Übersetzer aus dem Spanischen, und er hält in jeder Zeile jene eigentümliche Spannung zwischen dem familiären Kammerspiel und dem Einbruch der Welt, die schon in diesem Auftakt zu spüren ist. Die Stimme der Erzählerin ist eine der Erinnerung; sie blickt zurück, aber sie balanciert im Rückblick die reflektierte Erwachsene und das aufmerksame, erfahrungshungrige Kind, das im Laufe der Erzählung zu einer spröden, weltweisen Frau werden wird. Das Kind sieht die Szene vor sich, als der Vater noch ein Papa war, es memoriert getreulich den Satz, den er gesprochen hat – mitsamt der erwachsenen Formulierung, etwas sei "zu technisch" geworden –, aber die Erzählerin wählt die indirekte Rede, als eine Rückversicherung, eine kleine rhetorische Nebelmaschine, die alles, was berichtet wird, paradoxerweise umso glaubhafter macht: Das leise Zögern, das Sprechen gleichsam hinter der Wand, das dieser Zeitform eigen ist, betont ja erst recht das Bemühen um Aufrichtigkeit, um Redlichkeit und Genauigkeit. Das ist es, was war, sagt die einfache Vergangenheitsform; das ist es, woran ich mich erinnere, sagt die Grammatik hier. Und die Erwachsene sagt: Die Bilder rammten sich in die Seele. Das aber ist in Klammern gesetzt, wie es sich gehört für einen Kommentar, der sich Jahrzehnte später in das Gedächtnis schiebt.
Sie geschieht ja schnell, die Entscheidung für ein literarisches Buch. Es geht nicht darum, was der Autor weiß und die Leserin also als Wissensmehrwert einstreichen kann, sondern um die atmosphärische Erfahrung dessen, was Sprache vermag. Dass gleich ein Ton getroffen ist, der mitteilt: Hier geht dich etwas an. Hier rumort etwas, das dich beschäftigen wird, über die Lesezeit hinaus und jenseits dessen, was denn im Faktischen verhandelt wird.
Dabei ist das Faktische in diesem Roman sogar von tatsächlicher Bedeutung. Wer Die Affekte gelesen hat, weiß anschließend etwas über die bolivianische Revolution, aber um darüber etwas zu erfahren, hätte man – mit mehr Effizienz – auch einen Dokumentarfilm sehen können. Es geht um die Familie, die im ersten Satz um den Tisch versammelt ist: drei Töchter und ihre Eltern, die miteinander aus Deutschland ausgewandert sind, um in einem der ärmsten Länder Südamerikas ein neues Leben zu beginnen.
"Nichts war, wie wir es kannten (es gab bettelnde Kinder, Indios, die riesige Lasten auf dem Rücken trugen, unfertige Häuser allenthalben), und insgesamt wirkte alles marode und schmutzig." Der Vater ist ein Suchender, ein Künstler, vollkommen überzeugt, ja hingerissen von seinem Talent – nun will er, mit eingeborenen Helfern, mit Packeseln und seinen Töchtern eine untergegangene Stadt entdecken und der Welt davon mit einem Film erzählen. Wie bei Eroberern dieses Schlages üblich, erzeugt er Loyalität und Faszination, und wie bei Expeditionen dieser Art zu erwarten, lässt beides unter tropischer Hitze und Moskitobefall, bei schlechter Ernährung, wenig Schlaf und andauerndem Regen nach. Was aber bleiben wird bei seinen Töchtern: ein intensives Verhältnis zur Grenzüberschreitung, zum Heldentum, zur idealistisch gefärbten Rücksichtslosigkeit – sei es in der Abwehr, im Ausweichen oder in der Reinszenierung.
Wenn Sie den Roman gelesen haben, mag sich der Impuls einstellen, dem Faktischen auf den Grund zu gehen. Und ja, diesen Vater hat es gegeben, auch diese mit Schicksalhaftigkeit gekrönten Töchter samt düster-dramatischer Biografie. Doch wenn man das alles vorher weiß, dann ist es wahrscheinlich kaum möglich, dieses schmale, kunstvolle Buch anders zu lesen als ein unbeholfener Kriminalist, im permanenten Abgleich der historischen Fakten mit ihrer Verwandlung in Literatur. Dann wird, wie Fontane einmal über einen ihn anödenden Roman gesagt haben soll, kein Haken in die Wand geschlagen, an dem am Ende nicht ein Mantel hängt.

Ja, diesen Vater hat es gegeben, auch diese Töchter samt drama-tischer Biografie.

Rodrigo Hasbún: Die Affekte. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Suhrkamp; 142 Seiten; 18 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 31/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Das ist es, sagt die Grammatik

  • Beeindruckendes Unterwasservideo: Taucher filmt Riesentintenfisch-Ei
  • Rennen in Australien: Solarfahrzeug brennt lichterloh
  • Walforschung per Drohne: "Wir sehen, wie diese Tiere ihre Beute manipulieren"
  • Urteil gegen Katalanen-Anführer: Krawalle in Barcelona mit Verletzten und Festnahmen