29.07.2017

Nutella im Weltraum

Der junge Autor Jaroslav Kalfař hat eine Mission. Von Katharina Stegelmann
DER DEBÜTROMAN des 1988 in Prag geborenen Jaroslav Kalfař präsentiert sich als Wundertüte. Kalfař, heute in New York lebend, schreibt über Sex, die Geschichte Tschechiens seit dem Mittelalter, extraterrestrische Wesen, den Sinn des Lebens, Erwachsenwerden und einiges mehr. Seine Kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt ist in ihrer Absurdität durchaus charmant, zum Teil intelligent und anspruchsvoll, auch lustig, zum Teil jedoch langatmig verworren. Über diese Längen und Wirrungen tröstet die wunderbar lakonische Sprache hinweg, die den Ton dieses Erstlings bestimmt. Der Autor emigrierte mit 15 Jahren in die USA und studierte dort Literatur, Politik, Europäische Geschichte und Kreatives Schreiben. Sein Buch ist auch eine Hommage an die alte Heimat. Der Icherzähler Jakub, Sohn eines sowjetischen Geheimdienstmitarbeiters, wächst Ende der Achtzigerjahre als Vollwaise bei seinen Großeltern in der tschechischen Provinz auf. Nach der Samtenen Revolution, die alten Autoritäten haben ihre Macht endgültig verloren, zeigt die Dorfgemeinschaft aggressiv ihren bisher unterdrückten Abscheu vor den Angehörigen des Kollaborateurs. Als auch noch ein Folteropfer des Vaters auftaucht und die Familie erpresst, ziehen die Großeltern mit Jakub nach Prag. Dort studiert er Astrophysik, verschreibt sich der Erforschung von Sternenstaub und hofft, seinem Land eines Tages Ehre zu machen – und die Familienschande auszulöschen. Tatsächlich darf er eine Weltraummission übernehmen, die Tschechien globales Ansehen bringen soll. Finanziert durch ein Heer von Sponsoren wird Jakub als öffentlicher Held inszeniert. Doch schon kurze Zeit nach dem Start Richtung Venus hat er andere Sorgen. Seine geliebte Frau verlässt ihn, er bekommt Zahnschmerzen und entdeckt ein großes Spinnenwesen im Raumschiff. Das hat 34 Augen, zahlreiche haarige Beine, knallrote Lippen, kann Gedanken lesen, nennt Jakub "dünner Mensch" und liebt Nutella. Die beiden geben einander Halt in den unendlichen Weiten des Alls. Irgendwann kehrt Jakub inkognito in sein geliebtes Prag zurück. Er bleibt ein unglücklich Suchender, bis er sich ganz und gar auf sich selbst besinnt.

Sex, extraterrestrische Wesen, der Sinn des Lebens, Erwachsenwerden und mehr.

Jaroslav Kalfař: Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt. Aus dem Amerikanischen von Barbara Heller. Tropen; 368 Seiten; 22 Euro. Erscheint am 5. August.
Von Katharina Stegelmann

DER SPIEGEL 31/2017
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