29.07.2017

Die Gläserfrage

Yasmina Reza zeigt : So war das Leben im frühen 21. Jahrhundert. Von Nils Minkmar
YASMINA REZA ERZÄHLT in ihrem neuen Roman Babylon von einem spontan anberaumten Frühlingsfest. Einige Stunden später kommt eine Nachbarin, die dort zu Gast war, gewaltsam zu Tode. Und doch wird man dieses Buch keinen Krimi nennen können. Leser und Leserin werden sich womöglich dabei ertappen, wie sie über den Mord lachen. Es handelt sich um eine Begebenheit, die im Französischen ein "fait divers" genannt wird – etwas, das unter der Rubrik "Vermischtes" in der Zeitung steht. Die genialen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel und Frank Heibert haben daraus "Dramen des Alltags" gemacht. Es ist eine französische Obsession: Bizarre Mordfälle kollektiv im Gespräch zu lösen ist fast schon Teil des kulturellen Erbes, eine kriminalistische Form der Folklore. Darauf baut dieser Roman auf – Mord nicht als menschliche Grenzerfahrung oder dämonischer Exzess, sondern als Gesprächsthema.
Der Schrecken entfaltet sich schon lange vor dem eigentlichen Verbrechen, allein schon in der Beschreibung des Festes und seiner Vorbereitungen. Die Erzählerin, eine Ingenieurin in den besten Jahren, die im Patentamt beschäftigt ist, tut sich nicht leicht damit, dieses Fest zu feiern. Eigentlich feiert sie nie Feste in ihrer Wohnung. Es ist ein sozialer Vorschuss, ein Versuch, sich so fröhlich zu geben, wie es doch eigentlich erwartet und empfohlen wird. Sie versucht sich damit in Optimismus, will Kollegen, Freunde, Nachbarn in ihre Wohnung bitten, um den Wechsel der Jahreszeiten zu feiern, den kommenden Frühling. Dann schneit es. Die Männer sagen, der Schnee werde nicht liegen bleiben, die Frauen sind gegenteiliger Meinung.
Winzige Dissonanzen öffnen sich zu bedrohlichen Abgründen. Winzigkeiten weisen den Weg zu den gruseligsten Problemen. Es ist die hohe Kunst dieser einzigartigen Autorin, dass sie den ganzen existenziellen Schrecken des Lebens aus völlig undramatischen Szenen und Requisiten beschwören kann. Nehmen wir die Gläser. Da sie selten mal ein Fest feiert, hat sie nicht genügend Gläser für so viele Leute. Es lohnt sich aber auch nicht, welche zu kaufen. Also schlägt ihr Mann vor, welche aus Kunststoff zu besorgen. Da gebe es Champagnergläser aus durchsichtigem Plastik, stabil und auch ansehnlich, die könne man nach Gebrauch einfach entsorgen. Kann sich die Erzählerin dazu durchringen? Der Kompromiss in der Gläserfrage wird zum Minidrama, an der sich gut studieren lässt, was Yasmina Reza zu einer der größten Autorinnen unserer Zeit macht. Sie thematisiert anhand dieses banalen Beispiels die Differenz zwischen der Vorstellung einer festlichen Soiree, in der sich das Geplauder geistreicher Gäste mit dem Klingen von Champagnerkelchen mischt, und der prosaischen Komik einer ihr Leben improvisierenden Nachbarschaft im Paris unserer Tage. Es ist ein Schwanken zwischen dramatischer Enttäuschung – das, dieses Plastikglas, ist, nach all den Anstrengungen, mein Leben? – und dem Willen zur Komik. Die Schwester der Erzählerin hat einen Mann kennengelernt, älter, verheiratet und tätowiert. Für den Sex mit dem bestellt sie sich im Internet eine Leine und ein Halsband, findet auch eine gut gemachte Peitsche, die ihr mit 54 Euro leider etwas teuer erscheint. Darauf bedauert die Erzählerin plötzlich, dass es in ihrem Leben nicht auch einen tätowierten Mann mit Peitsche gibt.
REZAS ZENTRALES THEMA ist das Exil, darauf bezieht sich auch der Titel des Buches. Es ist die berühmte Bibelstelle von der Erinnerung an das Land Zion, die die vertriebenen Juden am Ufer des antiken Babylon plagt. Sie versteht dieses Thema aber nicht in einem aktuellen, tagespolitischen Sinn, sondern humanistisch und existenziell: Der Mensch ist auch in der Heimat nicht ganz zu Hause und erst recht nicht in seiner Wohnung. Jedes Möbelstück kann, wenn Licht und Erinnerung ungünstig fallen, plötzlich zur monströsen Bedrohung werden. Ein Zimmer kann einen Menschen fertigmachen, selbst, so erzählt es die Protagonistin, ein Krankenhauszimmer, in dem man mit dem eben zur Welt gebrachten Kind liegt. Geborgenheit ist eine Sache von Sekunden und ebenso schnell kann der Schrecken, ja der Ekel aufkommen. Da ist beispielsweise die Pflegerin der verstorbenen Mutter. Erst entwickelt sich mit ihr ein ziviles Gespräch, man hat ja einiges zusammen erlebt. Doch sie bezeichnet die Mutter dann als eine freundliche Person und steckt das gehäkelte Deckchen, das ihr als Andenken geschenkt wird, mit großer Nachlässigkeit in ihre Tasche. Daraus, aus dieser groben Geste, wird eine Erinnerung, die die Erzählerin heimsucht und sie erschließt dem Leser eine andere Wahrheit: wie die Mutter ins Zimmer ihrer Tochter stürmte, nachdem der Vater das Kind wieder einmal geschlagen hatte, und befiehlt, mit dem Heulen aufzuhören. Und ihr später einer Nudelsuppe kocht. Dieses Wechselbad aus Horror und Intimität ist typisch für die Kindheitsszenen im Werk von Yasmina Reza. Es ist eine Literatur, in der die Nostalgie dem Realismus nicht im Wege steht und der Schrecken nicht dem Humor. Im Unterschied zu so vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen schreibt Reza ohne Gravitas, ohne dass zwischen den Zeilen ein Wasserzeichen "Achtung wertvolle Literatur!" nötig wäre. Sie beginnt mit den albernsten Alltäglichkeiten und arbeitet sich damit vor, bis sich ein Moment der Wahrheit eröffnet.
In ihrer Fähigkeit, das Theater des Alltags und den Kampf um Anerkennung zu schildern, übertrifft sie noch die Fähigkeiten von Michel Houellebecq. Ihre Zeitdiagnostik ist dabei ebenso relevant und ebenso politisch. Kein Buch hat den Charme und die Schwächen nicht nur Nicolas Sarkozys, sondern des gesamten französischen politischen Systems so exakt abgebildet wie L'aube le soir ou la nuit ( Frühmorgens abends oder nachts) – es kündigte schon an, weswegen einmal ein Macron auf der politischen Bühne erscheinen würde.
Es sind derzeit die Frauen, die jene Bücher schreiben, die man einmal zur Hand nehmen wird, um zu erfahren, wie das Leben so war zu Beginn des 21. Jahrhunderts. In den USA sind es Joan Didion und Toni Morrison, in Großbritannien Sahra Hall und Hillary Mantel, und in Frankreich ist es Yasmina Reza.

Jedes Möbelstück kann, wenn Licht und Erinnerung ungünstig fallen, zur Bedrohung werden.

Yasmina Reza: Babylon. Aus dem Französischen von F. Heibert, H.Schmidt-Henkel. Hanser; 224 Seiten; 22 Euro.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 31/2017
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