13.12.1999

„Große Erblast“

Hildegard Müller, 32, Vorsitzende der Jungen Union, über das System Kohl und die Folgen
SPIEGEL: Geben Sie sich mit den Einlassungen von Helmut Kohl zum Finanzgebaren der CDU zufrieden?
Müller: Ich finde sehr bedenklich, was da passiert ist. Aber bevor wir keinen Abschlussbericht haben, können und wollen wir nicht sagen, welche Konsequenzen notwendig sind. Eines weiß ich allerdings schon jetzt: Den Streit zwischen Kohl und Geißler habe ich wirklich satt. Geißler ist nicht schuld, dass wir diese Affäre am Hals haben. Aber ich finde das System, das da über Jahre betrieben wurde, genauso indiskutabel wie Geißlers öffentliches Vorgehen.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Kohl nach bestem Wissen und Gewissen mithilft?
Müller: Ich habe seine persönliche Zusicherung.
SPIEGEL: Der vertrauen Sie? Oder machen Sie die verschwundenen Unterlagen stutzig?
Müller: Das wird sich zeigen, wenn die Gespräche mit den Wirtschaftsprüfern geführt werden. Ich vertraue Kohls Zusicherung.
SPIEGEL: Hat die Krisensitzung am letzten Mittwoch Aufschluss gebracht?
Müller: Ich hatte einen Katalog mit 16 Fragen, auch nach Schweizer Konten. Mir wurde versichert, dass wir keine Hinweise auf solche von der Bundes-CDU geführten Konten haben.
SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass alle wesentlichen Informationen ans Licht geholt worden sind?
Müller: So optimistisch bin ich noch nicht. Aber wir arbeiten daran, alles uneingeschränkt aufzudecken.
SPIEGEL: Ist Wolfgang Schäuble als enger Kohl-Vertrauter nicht viel zu sehr mit dem alten System verwoben, um sich davon jetzt abzukoppeln?
Müller: Natürlich war er in viele Vorgänge eingebunden, aber viele wussten auch vieles nicht. Schäuble ist an lückenloser Aufklärung interessiert. Ob in der Vergangenheit von allen immer hartnäckig genug nachgefragt wurde, kann man hinterher schwer beurteilen.
SPIEGEL: Wurde bei der Jungen Union je über mysteriöse Gelder getuschelt?
Müller: Wir wussten, dass Kohl ein sehr gutes Informationssystem hatte. Dass da Geld geflossen ist, konnte ich mir nicht vorstellen. Das war wohl naiv.
SPIEGEL: Hat sich Ihr Bild vom Ehrenvorsitzenden Helmut Kohl seither verändert?
Müller: Ich habe Kohl immer bewundert, aber seinen Führungsstil zum Beispiel abgelehnt. Durch diese Vorgänge bekommt das Bild von Kohl natürlich eine neue Qualität, es führt zum Nachdenken - das ist doch klar.
SPIEGEL: Da half bisher immer Vergessen und Aussitzen.
Müller: Jetzt nicht. Der Nachwuchs hat ein elementares Interesse an Aufklärung, weil ich die Zukunft der CDU durch diese Affäre nicht vermasseln lassen will. Wir wollen doch weder finanziell noch in den Augen der Bürger eine große Erblast mit uns herumschleppen. Wir Jungen haben noch ein paar Jahrzehnte vor uns in dieser Partei.

DER SPIEGEL 50/1999
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