13.12.1999

„Alle Fäden in der Hand“

Der Westen und die Wiedervereinigung: Am Anfang stand nur US-Präsident George Bush auf der Seite von Helmut Kohl
Der amerikanische Außenminister, zu Gast im Moskauer Hotel International, hatte schon eine Schlaftablette genommen. Da ließ ihn, gegen ein Uhr in der Frühe, Hans-Dietrich Genscher aus dem Bett holen.
James Baker zog den graubraunen Hotelbademantel über den Schlafanzug und bat den westdeutschen Kollegen in seine Suite. Es war der 12. September 1990 - wenige Stunden später sollten die vier Alliierten und die beiden deutschen Staaten den Vertrag über die deutsche Einheit unterzeichnen.
Genscher war so aufgebracht, dass er unter Herzrhythmusstörungen litt. Denn die Verhandlungen drohten in letzter Minute an den Briten zu scheitern: London beharrte auf Nato-Manöverrechten in Ostdeutschland, die für Moskau inakzeptabel waren.
Baker versprach Hilfe: "Wir haben doch immer an Ihrer Seite gestanden" - morgens beim Frühstück gaben die Briten nach. Der Weg zur deutschen Einheit war endgültig frei.
Gerade 327 Tage lagen zwischen dem Fall der Mauer am 9. November 1989 und der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 - knapp elf Monate, in denen Bonns Diplomaten eine Fülle von Widerständen zu überwinden hatten.
Jahrzehntelang waren die Deutschen in Nato und EG als Musteralliierte aufgetreten, die mit ihrer Mark stets gern aushalfen. Briten, Franzosen, Italiener und Holländer hatten dafür in feierlichen Kommuniqués das Recht aller Deutschen auf Selbstbestimmung unterstützt.
Als die Mauer fiel, wollte sich daran niemand mehr erinnern. "Viele wissen nicht, was sie unterschrieben haben", resümierte enttäuscht Kanzler Helmut Kohl im Dezember 1989. Die Verbündeten in London und Paris, Den Haag und Rom opponierten und monierten, tricksten und finassierten, um die Einheit zu hintertreiben. Es war das große Glück der Deutschen, dass US-Präsident George Bush sich den mosernden Verbündeten entgegenstellte.
Der ehemalige CIA-Chef im Weißen Haus wurde so zum Geburtshelfer der Einheit. Statt zu bremsen oder zu blockieren, forcierte er das diplomatische Tempo und bugsierte das vereinte Deutschland in den Westen. Für die USA holte Bush auf diese Weise das Maximum heraus: dauerhaften Einfluss in ganz Europa - und den ewigen Dank der Deutschen.
Die Amerikaner rechneten mit dem Fall der Mauer bereits, als in Bonn davon noch niemand etwas wissen wollte. Im Frühjahr 1989 meldete US-Botschafter Vernon Walters, ein ehemaliger Admiral ("Vier Kriege mitgemacht"), die Einheit bahne sich an. Seinem Präsidenten war nicht bange: "Ich teile nicht die Sorgen einiger Europäer vor einer Wiedervereinigung."
Bush glaubte an die Stabilität der Bonner Republik, seit linke Demonstranten im Juni 1983 in Krefeld sein Auto mit Steinen beworfen und deutsche Polizisten den Störern gegenüber zurückhaltend reagiert hatten. "Unser Sicherheitsdienst hätte sie erschossen", staunte der damalige Vizepräsident. Aus seinen Beobachtungen schloss Bush, dass die Bürgerrechte in der Bundesrepublik gesichert seien.
Als die Mauer am 9. November fiel, hatte der Präsident nur eine Sorge: Die Deutschen könnten sich mit Gorbatschows Sowjetunion verbünden und die USA aus Europa herausdrängen. Doch Kanzler Kohl konnte ihn beruhigen. Bei einem Abendessen im Brüsseler Château Styvenberg versprach der Kanzler, "nichts zu tun, was unvernünftig ist", und Washington umfassend zu informieren. Bush war zufrieden.
Kohl auch. Der US-Präsident, lobte der Kanzler, "versteht mehr von Europa" als Vorgänger Ronald Reagan. Bush-Frau Barbara trage "sehr zur Beruhigung bei"; als "Mutter und Großmutter" trete sie für "eine gemäßigte Politik" ein.
Vergeblich versuchte Premierministerin Margaret Thatcher, "my dear George" für eine gemeinsame Front gegen die Deutschen zu gewinnen. Für den Aufstand der Ostdeutschen gegen das SED-Regime hatte die Antikommunistin zwar Sympathie. Die Teilung überwinden aber sollten die Deutschen nicht; ein wiedervereinigtes Deutschland, fürchtete sie, würde "viel zu groß und zu mächtig".
Thatchers Reaktion auf den Mauerfall sei doch "sehr verhalten", stellte Kohl im Château Styvenberg fest. Das sei das "Understatement des Jahres", spottete Bush.
Zunächst standen Thatchers Chancen, die Wiedervereinigung zu verhindern, nicht schlecht. Kohl glaubte noch im Dezember 1989, die Einheit werde erst in fünf bis zehn Jahren kommen, und die meisten Europäer teilten die britische Haltung.
Die Atmosphäre sei "eisig" gewesen, erinnerte sich Kohl später an den ersten regulären EG-Gipfel wenige Wochen nach dem Mauerfall. Von Kollegen sei er einer "fast tribunalartigen Befragung" unterzogen worden. Dem Holländer Ruud Lubbers, der vorschlug, besser "nicht von einem deutschen Volk zu sprechen", nahm der Kanzler die antideutschen Ressentiments so übel, dass er 1994 den Aufstieg des Niederländers zum Präsidenten der EU-Kommission verhinderte.
Am liebsten hätte Thatcher auf die alten Besatzungsrechte aus der Nachkriegszeit zurückgegriffen. Als die Sowjets vorschlugen, erstmals nach 18 Jahren wieder gemeinsam im Alliierten Kontrollratsgebäude in Berlin zu tagen, stimmte London ebenso wie Paris sofort zu. Bushs Diplomaten setzten jedoch durch, dass die Westmächte mit der Sowjetunion am 11. Dezember 1989 über alte Flughafen- und Olympiapläne debattierten.
Genscher war dennoch empört über den Versuch, die Westdeutschen als Partner zweiter Klasse zu behandeln. "Sie müssen sich entscheiden zwischen der Zusammenarbeit mit uns oder mit der Sowjetunion im Kontrollrat", fuhr er die Kollegen an. Baker legte ihm die Hand auf den Arm: "Hans-Dietrich, wir haben dich verstanden." Weitere Viermächtetreffen, von den Briten gewünscht, blockten die Amerikaner ab.
Thatcher sah daraufhin die "letzte und auch größte Chance" in einer "stabilen politischen Achse zwischen Großbritannien und Frankreich". Zweimal traf sie sich im Dezember 1989 inoffiziell mit Präsident François Mitterrand. Gemeinsam lästerten sie über den "deutschen Moloch". Die Treffen seien, fand die Britin später, "immerhin ein Anfang gewesen".
Doch beiden mangelte es an Ideen, wie die Deutschen zu stoppen seien. Zeitweise hoffte Mitterrand, aus der ersten freien Volkskammerwahl in der DDR werde eine starke SED hervorgehen. Am 20. Dezember 1989 flog er nach Ost-Berlin. Dort versprach er den Genossen aus Partei- und Staatsführung: "Sie können mit der Solidarität Frankreichs rechnen."
Kanzler Kohl lockte den Franzosen mit der Deutschen Mark. Er sei bereit, signalisierte er ihm Ende 1989, die eigene Währung zu Gunsten des Euro aufzugeben, wenn Paris sich mit der Einheit abfinde. Mitterrand gefiel der Deal: "Man kann nicht gegen den Strom der Geschichte schwimmen." Thatcher war empört: Mitterrand leide an einem "Hang zur Schizophrenie".
Dabei zeigte der Zug des Franzosen Raffinesse. Kohls Zusage war verbindlich, das Schicksal der DDR hingegen noch keineswegs besiegelt. Mitterrand hoffte auf Moskau: "Gorbatschow wird niemals ein wiedervereintes Deutschland in der Nato akzeptieren, und die Amerikaner werden niemals zulassen, dass die Bundesrepublik die Nato verlässt. Wir können deshalb beruhigt sein."
Im Februar 1990 allerdings war es mit der Ruhe des Präsidenten vorbei. Gorbatschow entschied: "Die Deutschen müssen selbst wissen, welchen Weg sie gehen." Nur über die äußeren Bedingungen der deutschen Einheit wollte Moskau mitreden.
Verhindern konnten die Westeuropäer die Vereinigung fortan nicht mehr. Doch es gab genug Gelegenheiten, den Deutschen den Weg zu erschweren.
Zuerst drängten Holländer und Italiener darauf, an den 2+4-Verhandlungen zwischen den beiden deutschen Staaten und den Weltkriegsalliierten teilzunehmen. "Die letzten 40 Jahre haben wir immer alles in der Allianz besprochen", beschwerte sich Italiens Außenminister Gianni De Michelis. "You are not part of the game", fauchte Genscher den Nobile an.
Dann forderten die Franzosen einen KSZE-Gipfel als Ersatzfriedenskonferenz, auf dem die 35 KSZE-Mitglieder jahrelang über die deutsche Einheit verhandeln sollten. Die Amerikaner lehnten ab. Schließlich schlug Thatcher dem US-Präsidenten vor, einem unbegrenzten Verbleib sowjetischer Truppen in Deutschland zuzustimmen. Doch Bush zeigte kein Interesse.
Er hatte bereits im Januar 1990 erkannt, dass die DDR nicht mehr zu halten war, und beschlossen, das Unvermeidliche zu nutzen, solange er dafür etwas bekam. Auf seinem Feriensitz in Camp David vereinbarte der Präsident am 24. Februar mit dem Kanzler einen Deal.
Bush versprach, die Wiedervereinigung mit ganzer Kraft zu unterstützen. Die USA, fand er, hätten "die Verpflichtung zu helfen". Kohl wiederum versicherte, er werde dafür sorgen, dass ein geeintes Deutschland westlich orientiert bleibe. Bush war das "sehr wichtig" - er wollte Washingtons Einfluss in Europa wahren.
Im April 1990 bewegte der Präsident seine renitenten Partner Mitterrand und Thatcher dazu, ihre alliierten Rechte aufzugeben. Später offerierte er dem Osten Abrüstungsschritte, die es Gorbatschow erleichterten, seinen Einheitskurs in Moskau durchzusetzen. "Wenn alle unsere Freunde so zu uns stehen würden wie der amerikanische Präsident", schmeichelte Kohl, "würde ich weniger Probleme haben."
Der Kanzler wusste, dass Gorbatschow nur gegenüber den Amerikanern das Ja zur Nato-Mitgliedschaft eines geeinten Deutschland signalisieren würde. In der Tat glaubte der Kremlchef, es gebe "in der Welt nur zwei wirkliche Elefanten, die anderen sind lediglich Elefantenbabys".
Am 31. Mai war es so weit. Gorbatschow ließ sich von den Amerikanern neun Sicherheitsgarantien dafür geben, dass das vereinte Deutschland friedlich bleibe. Dann stimmte er zu.
"Helmut", resignierte François Mitterrand, "jetzt haben Sie alle Fäden in der Hand." KLAUS WIEGREFE
Im nächsten Heft
Angst vor Neonazis - Freiheit gegen Bananen: Der letzte Agentenaustausch - 92 Disketten für den BND - "Schneewittchen" packt aus
* Links: beim EG-Gipfel in Straßburg im Dezember 1989; rechts: nach Verhandlungen in Camp David (USA) im Februar 1990.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 50/1999
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