13.12.1999

AIDSSaat der Seuche

Gelangte das HI-Virus bei Polioimpfungen im Kongo in den Menschen? Der Impfstoff enthielt womöglich verseuchte Affenzellen.
In langen Schlangen warteten die Bantus auf die Arznei der weißen Medizinmänner. Wer an der Reihe war, hatte den Mund zu öffnen. Schnell spritzte man ihm aus einer Glaspipette einen Cocktail aus Affennierenzellen und abgeschwächten Polioviren in den Rachen, und schon kam der Nächste dran.
Eine Million Schwarze wurden in den fünfziger Jahren im damaligen Belgisch-Kongo im Schnelldurchgang gegen das Poliovirus geimpft. Nicht jeder schluckte die gleiche Vakzine. Konkurrierende Ärzte probierten unterschiedliche Virenstämme an der Bevölkerung aus. Der Impfstoff des amerikanischen Kinderarztes Albert Sabin erwies sich als überlegen, wurde von 1960 an in aller Welt eingesetzt und hat dazu geführt, dass die gefürchtete Kinderlähmung (Poliomyelitis) heutzutage nahezu ausgerottet ist.
Doch bei dem erfolgreichen Kampf gegen Polio wurde womöglich die Saat gelegt für eine neue, noch schlimmere Seuche: Aids.
Zu diesem Schluss kommt jetzt der englische Autor Edward Hooper, 48. Der ehemalige Afrika-Korrespondent der BBC und frühere Mitarbeiter der Vereinten Nationen hat zehn Jahre lang in Archiven gestöbert, mehr als 600 Zeitzeugen und Wissenschaftler befragt und entwirft auf 1072 Seiten ein bedrückendes Szenario*: Ein experimenteller Polioimpfstoff des damals unterlegenen Wistar-Instituts in Philadelphia war demnach mit so genannten SI-Viren aus Schimpansenzellen verseucht. Diese gelangten ausgerechnet mit der sonst segensreichen Schluckimpfung in den Menschen und verwandelten sich im neuen Wirt rasch in HIV - Aids als Folge eines medizinischen Unfalls.
Der viel beachtete Wälzer bringt Aidsforscher in Erklärungsnot: Gelangte HIV tatsächlich auf diesem Wege in den Körper des Menschen?
Nur eines scheint klar: dass HIV einst von afrikanischen Affen auf den Menschen gesprungen ist. Viele Aidsforscher vermuten, der Erreger sei beim Schlachten und
Ausweiden von Schimpansen in die Blutbahn des Menschen geraten. Doch auch an Verschwörungstheorien, die Aidsseuche sei Menschenwerk, mangelt es nicht. Mal heißt es, Biologen des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA hätten HIV erschaffen, dann wieder soll es das sowjetische KGB gewesen sein.
Der These vom verseuchten Polioschutz haftete ebenfalls ein Ruch des Abstrusen an, als der amerikanische Journalist Tom Curtis sie vor sieben Jahren als Erster vorbrachte. Ein vom beschuldigten Wistar-Institut einberufener Untersuchungsausschuss tat die Theorie damals als unwahrscheinlich ab: Ein Matrose aus Manchester habe sich bereits Ende der vierziger Jahre in Belgisch-Kongo mit HIV angesteckt - also vor den ersten Impfversuchen gegen Polio.
Mittlerweile mussten die Gutachter dieses Argument zurückziehen: Weder betrat der Matrose jemals afrikanischen Boden, noch war er mit HIV infiziert. Und nun präsentiert Edward Hooper eine Fülle neuer Indizien. "Das Buch ist sehr gut recherchiert und sollte ernst genommen werden", urteilt Stephen Norley, Aidsexperte am Paul-Ehrlich-Institut im hessischen Langen.
Die frühen Aidsfälle bis 1980 brachen verblüffend häufig in jenen Städten und Dörfern aus, in denen das Wistar-Institut zuvor Impfversuche durchgezogen hatte. Der älteste Beleg einer HIV-Infektion fügt sich ins Bild: Die verseuchte Blutprobe "L 70" wurde 1959 in Leopoldville (heute Kinshasa) einem Mann entnommen. Ort und Zeit stimmen mit einer Impfkampagne von Wistar überein.
Die abgeschwächten Polioviren wurden damals zwar üblicherweise in Nierenzellen von Rhesusaffen und Grünen Meerkatzen gezüchtet, deren Viren dem Menschen nicht gefährlich werden. Doch Edward Hoopers Nachforschungen ergaben, dass Wistar-Wissenschaftler seit 1956 am Ufer des Lindi eine Farm mit bis zu 140 Schimpansen unterhielten. Einige der Wesen trugen wahrscheinlich SI-Viren. Womöglich stellten die nichts ahnenden Tropenärzte ausgerechnet von einem infizierten Schimpansen Impfchargen her - und gaben damit den Startschuss zur Aidspandemie.
Es wäre nicht die erste Panne von Polioforschern gewesen. Bis 1961 enthielt die Vakzine von Albert Sabin das winzige Affenvirus SV40. Mehrere Millionen Menschen sind unwissentlich infiziert worden. Dass die Opfer keinen Schaden davontrugen, war reines Glück.
Hooper fehlen zwar zwingende Beweise. Dennoch werfen seine Recherchen einen Schatten auf das scheinbar noble Engagement der Poliopioniere. Ihre Impfstoffe erprobten sie an Babys in amerikanischen Frauengefängnissen ebenso wie an geistig behinderten Kindern. Die Massenimpfungen indessen spielten sich im Afrika der fünfziger Jahre ab. Die westlichen Ärzte hielten es nicht einmal für nötig, ihre Impfversuche zu dokumentieren.
Allerdings hat das Wistar-Institut in Philadelphia jetzt eingewilligt, unter den letzten Chargen des experimentellen Polioimpfstoffs nach verseuchten Schimpansenzellen zu fahnden. Sollte man fündig werden, urteilt der Evolutionsbiologe William D. Hamilton von der Universität Oxford, dann hätte das tragische Tun der Ärzte in Belgisch-Kongo "mehr Leben gekostet als sämtliches Menschenleid, das Hitler, Stalin und Pol Pot in Gang gesetzt haben". JÖRG BLECH
* Edward Hooper: "The river - a journey to the source of HIV and Aids". Little, Brown and Company, Boston; 1072 Seiten; 35 Dollar.
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 50/1999
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