05.08.2017

AnalyseDas Recht des Reicheren

Den Wechsel Neymars wird auch die Bundesliga zu spüren bekommen. Von Udo Ludwig
Neymar da Silva Santos Júnior aus Mogi das Cruzes bei São Paulo ist 25 Jahre alt. Er ist brasilianischer Nationalspieler.
Neymar war einmal mit dem FC Barcelona Champions-League-Sieger, in Rio de Janeiro gewann er die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Mehr ist an großen Titeln bislang nicht hinzugekommen.
Neymar ist jetzt der teuerste Spieler der Welt. Paris Saint-Germain (PSG) will für ihn 222 Millionen Euro an den FC Barcelona überweisen. Mehr als das Doppelte, das jemals für einen Fußballer gezahlt wurde. Mit seinem Gehalt, mit dem Honorar für die Berater und mit den Steuern dürfte Neymar irgendetwas zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Euro kosten – also ungefähr so viel wie die Hamburger Elbphilharmonie.
Es ist nicht nur die Höhe der Ablösesumme, die den entstehenden Vereinswechsel so außergewöhnlich macht. Der Fall Neymar wird die Fußballbranche in ganz Europa durcheinanderwirbeln.
Schon seit Längerem überschwemmen Investoren den Markt. Russische Oligarchen, amerikanische Investoren, arabische Scheichs oder chinesische Konzerne pumpen Milliarden in das Fußballgeschäft. Oftmals verwischen dabei die Grenzen zwischen wirtschaftlichem Investment, schwer messbarer Sponsorschaft und altruistischem Mäzenatentum – der Fußball zieht eben alle reichen Männer an.
In Paris hat nun eine besondere Konstellation den Wechsel Neymars befeuert. Eigentümer von Paris Saint-Germain sind die katarischen Investoren Qatar Sports Investments, ein Staatsfonds. Die Araber gaben rund 500 Millionen Euro für den Einkauf neuer Spieler aus. Offensichtlich hat aber die Isolation Katars in der arabischen Welt die Geldgeber veranlasst, noch mehr Engagement zu zeigen. Aus politischen Gründen haben die Katarer ihren finanziellen Einsatz erheblich erhöht. Die Botschaft: Die Blockade der Nachbarländer hält uns nicht auf. Nicht anders ist dieser Transfer zu erklären. Neymar hat nicht die Qualität eines Messi oder Ronaldo, mit dem Stürmer allein wird PSG auch im kommenden Jahr nicht die Champions-League-Trophäe holen. Mit ihm allein lassen sich Spiele gewinnen, keine Meisterschaften. Aber die Tatsache, sich einen Stürmer des zweitteuersten Klubs der Welt leisten zu können, ist ein Statement, das weltweit Aufmerksamkeit erregt.
Das Emirat hat sich den Fußball für den Stellvertreterkrieg gegen seine Nachbarn bewusst ausgesucht. Der Markt ist ohnehin entfesselt. Es gibt keine gesetzlichen Barrieren, und wenn es welche gibt, werden sie ignoriert, wie die Enthüllungen von Football Leaks gezeigt haben.
Und die Regeln der Uefa oder der Fifa? Lächerlich.
Vor einigen Jahren verpflichtete der Weltverband die Vereine darauf, dass ihr alle Verträge internationaler Transfers vorzulegen seien. Die Fifa gab vor, die Machenschaften der Spielerberater kontrollieren zu wollen, die wesentlich zur Entfesselung des Marktes beigetragen hatten. Doch in den Verbandsarchiven liegen die Verträge nun herum – ungelesen? Eine Marktkontrolle durch die Fifa findet jedenfalls nicht statt. Im vergangenen Jahr kassierte der Spielervermittler Mino Raiola für den Wechsel Paul Pogbas von Juventus Turin zu Manchester United 49 Millionen Euro. Er hatte Geld von Turin, Manchester und Pogba bekommen. Gab es bisher dafür eine Strafe oder eine Sperre für Raiola? Natürlich nicht. Im Juli stielte Raiola den Wechsel des Belgiers Romelu Lukaku von Everton zu Manchester United ein, bis zum Neymar-Deal mit 85 Millionen Euro der teuerste Wechsel dieser Transferperiode. Und wieder sahnte er ab.
Auch die Uefa tut so gut wie nichts, um einem ausufernden Markt die Grenzen aufzuzeigen. Vor einigen Jahren wurde "Financial Fair Play" entworfen. Vereinfacht gesagt dürfen die Vereine nur so viel Geld für Transfers ausgeben, wie sie auch erwirtschaften. Eine großartige Idee gegen gefräßige Heuschrecken und durchgeknallte Geldgeber. Geplant waren harte Sanktionen. Doch die Strafen auf den wichtigsten Fußballmärkten waren marginal. Der Fall Neymar zeigt endgültig, wie albern dieses Instrument gegen die Macht der Investoren ist. Der neue Uefa-Chef Aleksander Čeferin hätte jetzt eine letzte Chance zu zeigen, dass die Verbände nicht gewillt sind, jeden Regelverstoß hinzunehmen.
Notwendig wäre es. Denn das Geld aus Katar wird weitere Dammbrüche verursachen, weil im Fußball das Recht des Reicheren gilt. Barcelona wird das Geld wieder in den Markt bringen. Schon bald könnte es in Dortmund landen, wo Pierre-Emerick Aubameyang und Ousmane Dembélé wechselwillig sind. Und der BVB hätte dann wieder frisches Geld, um sich zum Beispiel Timo Werner von RB Leipzig oder Max Kruse von Werder Bremen zu holen.
Der Neymar-Deal zeigt, dass die Vereine letztlich keine Abwehrchance gegen den Druck des Geldes haben. Robert Lewandowski beim FC Bayern unverkäuflich? Wer glaubt daran, wenn der FC Barcelona auf die Idee verfällt, in den Bayern-Stürmer zu investieren?
Ende August – wenn die Ligen längst wieder ihren Betrieb aufgenommen haben – endet die Wechselfrist. Bis dahin wird Neymar da Silva Santos Júnior mehr Wirbel verursacht haben, als es seine Dribblings jemals hätten tun können. ■
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 32/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 32/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Analyse:
Das Recht des Reicheren

  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All
  • Amateurvideo: Der Marsch der blauen Raupen
  • Stromausfall in Venezuela: Regierung spricht von "elektromagnetischem Angriff"