05.08.2017

Wohnen„Modisch, ohne aufzufallen“

Stephan Grünewald, 56, Gründer des Marktforschungsinstituts Rheingold, über unperfekte Billy-Regale und warum schwedische Möbelhäuser deutsche Sehnsüchte erfüllen
SPIEGEL: Flying Tiger, Søstrene Grene oder Clas Ohlson – skandinavische Einrichtungsgeschäfte und Heimwerkermärkte erobern die deutschen Fußgängerzonen. Zudem gibt es Bücher, Magazine und Cafés, die dem "Hygge"-Hype huldigen, der typisch dänischen Interpretation von Gemütlichkeit. Warum funktioniert das?
Grünewald: Wir Deutschen sind Reiseweltmeister und lassen uns gern von anderen Ländern inspirieren. Da wir keine so klar definierte nationale Identität haben, wie etwa die Franzosen oder Briten, sind wir immer auf der Suche. Deshalb lieben wir internationale Restaurants. Auch was unseren Einrichtungsstil angeht, sind wir offen für Adaption.
SPIEGEL: Warum nun ausgerechnet die Skandinavier?
Grünewald: Die Zeit der Toskana-Generation ist vorbei. Schweden und Dänen sind ja auch bei den Themen Gleichberechtigung oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf für viele Deutsche ein Vorbild. Der pragmatische, aber trotzdem heimelige Einrichtungsstil passt gut zu diesem Lebensgefühl.
SPIEGEL: Aber Möbel kompensieren nicht fehlende Lohngleichheit oder Kita-Plätze.
Grünewald: Nein, aber die Möbel erfüllen viele deutsche Sehnsüchte: Da schwingt immer etwas Lichtes, Frisches mit, was uns im Alltag der DIN-Normen und TÜV-Zertifikate oft fehlt. Da herrscht Mittsommer statt deutscher Dunkelheit. Das alles hat seinen Ursprung bei Ikea. Deren unperfekte Billy-Regale stehen für ewigen Neuanfang und haben das alte Feindbild vieler Deutscher besiegt: die massive Eichenschrankwand im Wohnzimmer der Eltern. In den Siebzigerjahren hat man einrichtungstechnisch ja quasi die Einsargung zu Lebzeiten betrieben.
SPIEGEL: Wird ein Trend nicht langweilig, wenn alle ihm folgen?
Grünewald: Nicht, wenn alle sich nach denselben Dingen sehnen. Außerdem ist es für viele ein Vorteil, dass man mit skandinavischem Design nirgends aneckt. Anders als etwa mit deutschem Bauhaus. Man ist modisch auf der Höhe der Zeit, ohne irgendwie aufzufallen. Das ist für die meisten Deutschen sehr beruhigend.
Von One

DER SPIEGEL 32/2017
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