12.08.2017

JanFleischhauerDer schwarze KanalDer Sizilianer in uns

Die EU-Kommission ist enttäuscht von den Deutschen. Sie droht mit Konsequenzen, weil unsere Autos nicht die Abgaswerte einhalten, auf die man sich in Brüssel geeinigt hat. Ich halte das für kurzsichtig. Wenn Sie mich fragen, dann erweisen wir Deutschen uns in der Dieselaffäre gerade als gute Europäer.
Jahrelang hat man uns vorgehalten, wir würden Europa mit unserer Regelversessenheit und mangelnden Flexibilität ruinieren. Vom deutschen Sonderweg war die Rede und davon, dass wir den anderen unseren Willen aufzwingen. So gesehen ist die Abgasschummelei doch ein Schritt in die richtige Richtung: Wir beharren nicht mehr darauf, dass alles, was einmal unterschrieben wurde, auf ewig so gilt, sondern schließen kulturell zu den Nachbarn auf. Wir haben den Sizilianer in uns entdeckt.
Wer meint, ich nähme die Sache nicht richtig ernst, dem muss ich energisch widersprechen: Ich bin einfach davon überzeugt, dass Europa nur funktioniert, wenn wir uns mental aufeinander zubewegen. War es nicht genau das, was das europäische Projekt eigentlich sein sollte: nicht Butterberge und Tomatenseen, sondern das Herausbilden einer europäischen Identität? Dass sich die Deutschen jetzt mediterranisieren, sehe ich als Fortschritt, nicht als Problem. Was dem Südländer die Schuldenquote, das sind uns die Stickoxide: Richtwerte, an denen man sich orientiert, so gut man kann.
Interessanterweise sind es die Grünen, die am hartnäckigsten die Einhaltung deutscher Standards verteidigen. Nirgendwo ist die Aufregung über die Tricksereien der Autokonzerne so groß wie bei den Ökologen. Das ist einerseits verständlich, weil die Grünen dem Auto stets misstrauten und sich nun in allen Vorbehalten bestätigt sehen. Andererseits entspricht das sture Beharren auf der Einhaltung von Regeln genau dem Bild vom hässlichen Deutschen, gegen das die Grünen immer angerannt sind. Das nennt man einen Zielkonflikt.
Ein Italiener käme kaum auf die Idee, das wörtlich zu nehmen, was man in Brüssel vereinbart hat. Wenn eine große Bank wankt, dann werden die Regeln so lange gebogen, bis die Bank wieder liquide ist, auch wenn das nach den Regeln eigentlich nicht geht. Die Diesel von Fiat schneiden bei Abgastests noch schlechter ab. Als die EU-Kommission Aufklärung verlangte, hat die Regierung in Rom die Anfragen ins Leere laufen lassen. Deshalb gibt es auch keinen italienischen Dieselskandal, sondern nur einen deutschen.
Auch das kann man von den Südländern lernen: Wenn man erwischt wird, einfach so tun, als ob nichts gewesen wäre. Die Griechen bestreiten bis heute, dass sie sich mit falschen Zahlen in den Euro geschummelt haben. Wie wäre es mit einem Rollentausch? Wir Deutschen machen uns ein bisschen locker. Dafür reißen sich die anderen mehr am Riemen. So könnte das mit Europa am Ende sogar noch etwas werden.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 33/2017
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