12.08.2017

KommunenUndank als Lohn

Der Maler Markus Lüpertz will seiner Wahlheimat Karlsruhe ein großes Werk schenken. Doch die Stadt möchte es nicht wirklich haben.
Karlsruhe ist ein Geschenk, das einem Traum entsprang. Als Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach auf einem Jagdausflug ein Schläfchen nahm, erschien ihm der Legende nach die Vision einer neuen Residenzstadt, mit einem zentralen Schloss, von dem die Straßen ausgingen wie Sonnenstrahlen.
Der Markgraf schritt an Ort und Stelle zur Tat. Und um genug Neubürger anzulocken für seine Traumstadt, machte er diesen im Jahr 1715 ein großzügiges Geschenk: ein kostenloses Grundstück zum Hausbau, dazu Bauholz und Sand, und eine Befreiung von Steuern und Abgaben für 20 Jahre. Aus halb Europa kamen die Menschen damals dankbar nach Karls Ruhe.
Heute tun sich ihre Nachfahren mit Geschenken deutlich schwerer.
Wieder sollen die Karlsruher ein Präsent bekommen, ein Gesamtkunstwerk von Markus Lüpertz, der auch in Karlsruhe lebt und, zumindest jenseits der Stadtgrenzen, als Malerfürst gefeiert wird. Für die zurzeit im Bau befindliche U-Bahn will er 14 Relieftafeln aus Keramik schaffen, zwei für jede der sieben unterirdischen Stationen.
Thema ist die Schöpfungsgeschichte. Motive vom ersten Tag, Urflut und Licht, sollen in jener Station installiert werden, die dem Sonnenaufgang am nächsten liegt. Tiere des Wassers und der Luft zieren die Haltestelle am Zoo. Und der siebte Tag, der Tag der Ruhe, würde am Marktplatz symbolisiert, wo die Pyramide mit der Ruhestätte des markgräflichen Stadtgründers steht.
Keinen Cent soll das Œuvre die Stadt kosten, und doch ist darum im Gemeinderat und in der Bevölkerung eine heftige, teils unschöne Diskussion entbrannt.
Herumgemäkelt wird fast an allem: am Thema, das zu religiös sei, am Künstler, der gelegentlich Fragwürdiges von sich gebe und überhaupt von gestern sei. Und an dessen Auswahl, ohne Ausschreibung, wo es doch in Karlsruhe noch so viele andere Künstler und vor allem Kunststudenten gebe – auch wenn man für deren Kunst wohl kaum Sponsoren finden würde.
Viele sorgen sich, dass Einnahmen durch Werbetafeln entfallen könnten, weil die großformatigen Reliefs in ursprünglich für Reklame vorgesehene Nischen gehängt werden sollen – obwohl das Lüpertz-Werk für die Stadt selbst einen Werbeeffekt haben dürfte.
Kritik gibt es sogar am Material, dem etwas Rückständiges anhafte, wenngleich die Keramiktafeln in der traditionsreichen Karlsruher Manufaktur Majolika produziert werden sollen und damit einen lokalen Bezug haben.
Peter Weibel, Chef des ebenfalls in Karlsruhe ansässigen Zentrums für Kunst und Medien, bringt sogar das Kunststück fertig, Lüpertz in seinem Haus derzeit eine große Schau auszurichten ("Kunst, die im Wege steht") – und trotzdem in einem offenen Brief zu Lüpertz' U-Bahn-Projekt "Anzeichen für Defekte der Demokratie" heraufzubeschwören und das geplante Werk zu diffamieren als "künstlerische Dekoration" mit einer "falschen Fabel", die "in die Vergangenheit" weise.
Ihren Ausgang nahm die Causa just beim 300. Jubiläum der Stadtgründung. Karlsruhe feierte 2015 ein ganzes Jahr lang, doch kaum etwas im Festprogramm sollte von Dauer sein.
Auf Anregung des ehemaligen Geschäftsführers der Majolika, Anton Goll, fragte deshalb Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) beim Jubiläumsfest Lüpertz, ob er der Stadt nicht zum Geburtstag ein Kunstwerk schenken wolle.
"Karlsruhe lockte mich, den Dreißigjährigen, und die Stadt und die Möglichkeiten knipsten das Licht an", hat Lüpertz einmal gedichtet. In der Stadt hatte er einst eine Karriere als Kunstprofessor begonnen, also sagte er zu und entwickelte mit Kunstpromotor Goll seine Idee: Das als "kleinste U-Bahn der Welt" verspottete und bis heute umstrittene Infrastrukturprojekt sollte, wohl einzigartig, mit einem wändefüllenden Gesamtwerk geschmückt werden.
Allerdings hatte der Gemeinderat bereits vor Jahren ein Lichtkunstkonzept beschlossen, wonach spezielle Leuchten auf weißen Bahnsteigen bunte Schatten werfen sollen, alles vorschriftsgemäß mit Ausschreibung und Wettbewerb. Die – Pardon – eher oberflächliche Lichtkunst stand Lüpertz im Weg.
Ein Kompromiss musste her. Deshalb sollen seine Relieftafeln nun, deutlich kleiner, in die Reklamenischen gehängt werden. Und um den Ausfall an Werbeeinnahmen zu begrenzen, muss das Präsent des Malerfürsten nach sechs Jahren wieder verschwinden.
So hat es der Karlsruher Gemeinderat beschlossen, immerhin mit 28 zu 17 Stimmen, aber gegen den Protest von Grünen und Vertretern linker Gruppierungen. Und es gibt Bedingungen: Ein noch zu gründender Verein muss alle Kosten tragen, inklusive Versicherung, falls die Kunstwerke beschädigt werden, sowie die Rücknahme nach sechs Jahren finanzieren.
Der Initiator Goll darf nun, mit diesem Beschluss, weitere Sponsoren werben – eine Million Euro soll das Projekt kosten, gut die Hälfte hat er nach eigenen Angaben schon zusammen. Ein endgültiges Plazet stehe indes noch aus, sagt Stadträtin Renate Rastätter von den Grünen: "Es muss nun alles im Detail vorgelegt werden."
Lüpertz-Anhänger fürchten deshalb schon, dass der Künstler entnervt hinschmeißen könnte.
Von Dietmar Hipp

DER SPIEGEL 33/2017
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