12.08.2017

WetterSchmorende Schüler

Es wird immer heißer, trotzdem gibt es seltener Hitzefrei. Viele Rektoren fürchten rechtliche Folgen, wenn Kinder unbetreut die Schule verlassen.
Die Szene gehört zum kollektiven Schulgedächtnis: Der Lautsprecher im Klassenzimmer scheppert, ein Pusten, dann ertönt die Stimme des Direktors. "Aufgrund der hohen Temperaturen", so hebt der Mann an, "haben wir beschlossen, heute nach der vierten Stunde ..."
Der Rest des Satzes geht in einem vielstimmigen Jubel unter. Die Türen fliegen auf, lachende Kinder rennen über den Flur, der Sonne und dem Freibad entgegen. Hitzefrei!
Solche Momente sind an deutschen Schulen selten geworden. Inzwischen dauert der Unterricht auch bei Hitze fast immer bis Ultimo. Von Bremen bis Sachsen sind die ersten Kinder mitten im Hochsommer aus den Ferien zurückgekehrt. Schon in der Grundschule lernen sie die Folgen des Klimawandels, den abrupten Wechsel von Hagelstürmen, Dauerregen und drückender Hitze – Freistunden im Freibad aber dürfen selbst bei Temperaturen über 30 Grad die wenigsten erwarten.
Das erzählt viel über die Änderungen im deutschen Schulsystem. Die Schulen sind längst nicht mehr nur Bildungsanstalten. Zusätzlich werden die Schüler mittags verköstigt und am Nachmittag betreut.
Viele Schulen garantieren sogar eine bestimmte Verweildauer, beispielsweise im Rahmen der "Verlässlichen Grundschule". Verlässlichkeit soll es für die Eltern geben, denn im Vergleich zu früher sind Väter und Mütter häufiger beide berufstätig. Steht das Kind bei Hitzefrei verfrüht vor der Tür, hat die Familie ein Organisationsproblem.
"Ich kann die Schüler nicht nach Hause schicken, weil die Eltern nicht zu Hause sind", sagt Michael Gomolzig, Rektor einer Grundschule in Remshalden bei Stuttgart und Sprecher des Verbands Bildung und Erziehung Baden-Württemberg. "Der Schulleiter muss gewährleisten, dass die Kinder betreut sind. Mittlerweile ist alles verrechtlicht."
Der Rektor sieht sich bei Hitze in der Zwickmühle. "Ich kann es heute niemandem recht machen." Gebe er frei, dann bekomme er garantiert einen erbosten Anruf einer Mutter oder eines Vaters. Lasse er die Schüler schmoren, dann heiße es: "Der hat kein Herz für Kinder."
Deshalb betrage die Zahl der Tage mit Hitzefrei pro Schuljahr derzeit maximal drei bis fünf, schätzt Gomolzig. Statistiken, die solche Werte im gesamten Bundesland oder gar bundesweit ausweisen, gibt es nicht; der Schulleiter muss seine Entscheidung nicht melden, er trägt den Ausfall lediglich ins Unterrichtstagebuch ein.
Konkrete Vorgaben bekommen die Rektoren kaum – auch das ist typisch fürs moderne Schulsystem. In Baden-Württemberg bot früher eine Regelung von 1975 Orientierung: Der Schulleiter könne "an Tagen, an denen der Unterrichtserfolg nach den örtlichen Verhältnissen wegen drückender Hitze (Außentemperatur um 10 Uhr mindestens 25 Grad Celsius im Schatten) infrage gestellt ist", nach der vierten Unterrichtsstunde freigeben.
Heutzutage ist die Sache komplizierter. Fällt der Unterricht aus, müssen Rektoren die Schüler auf andere Art beschäftigen. Es geht um Haftungsfragen und darum, wer zu welchem Zeitpunkt die Aufsicht hat. Der gesetzliche Versicherungsschutz gilt nur für den direkten Heimweg, nicht aber für die Zeit danach.
Experten warnen außerdem vor Folgen für den Arbeitsmarkt. "Wenn Hitzefrei kurzfristig angekündigt wird und die Eltern niemanden finden, der auf das Kind aufpasst, muss der Arbeitgeber sie freistellen", sagt Nathalie Oberthür, Arbeitsrechtlerin aus Köln.
Deshalb gehen die meisten Rektoren auf Nummer sicher, die Schüler müssen bleiben. Dabei hat schon die Einführung der Sommerzeit 1980 das Hitzefrei reduziert: Mit dem Drehen an der Uhr erreicht das Thermometer seltener in den Morgenstunden eine markante Marke. 25 Grad beeindrucken außerdem heute niemanden mehr. Im Schulgesetz von Nordrhein-Westfalen heißt es zum Beispiel: "Als Anhaltspunkt ist von einer Raumtemperatur von mehr als 27 Grad Celsius auszugehen." Bei "weniger als 25 Grad darf Hitzefrei nicht erteilt werden".
Auch den Lehrern ist das aktuelle Hitzeregime oft zu streng. "Heute gibt es selbst bei anhaltend hochsommerlichen Temperaturen und drückender Schwüle kaum noch Hitzefrei", beklagt der baden-württembergische Verband Bildung und Erziehung.
Dabei wird es aufgrund des Klimawandels immer heißer. So hat das Stuttgarter Umweltministerium in einem aktuellen Bericht über Klimafolgen festgestellt, dass die Durchschnittstemperatur im Ländle allein in den vergangenen 30 Jahren um mehr als ein ganzes Grad gestiegen sei. Nach der Prognose könnten die Temperaturen Ende des Jahrhunderts im Rheingraben bei Karlsruhe an über 100 Tagen pro Jahr über 25 Grad liegen, an 50 davon sogar über 30 Grad.
Baulich sind nur wenige Schulen darauf eingestellt, die meisten sind mäßig isoliert, die Schulhöfe zu wenig begrünt, Klimaanlagen sind die Ausnahme.
Der Landesschülerbeirat Baden-Württembergs schlägt deshalb eine neue Zeitgrenze vor: Zeigt das Thermometer um 11 Uhr 25 Grad Celsius, dann sollten alle Schüler gehen dürfen.
Von Jan Friedmann und Miriam Olbrisch

DER SPIEGEL 33/2017
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