12.08.2017

GeografieHeidi ade

Klimawandel, Landflucht und Massentourismus setzen den Alpen zu. Zugleich suchen Forscher wie Einheimische nach Lösungen, überall entsteht Neues, die Berge als Zukunftslabor. So kann das wilde Herz Europas bleiben, was es ist: Seelenheimat.
Jäh ragt der Berg himmelwärts, fast senkrecht die Wand, ein eisiger Wind faucht über das Matterhorn.
Vier Uhr in der Nacht. Plötzlich Lichter und Stimmen, Stiefel knirschen, Karabiner klimpern – Bergsteiger stapfen empor über vereistes Geröll, eine ganze Kolonne schlängelt sich den Pfad empor. Sie erreichen den Einstieg. Hier am Hörnligrat wird es ernst, sie schlagen Knoten ins Seil und kontrollieren die Gurtschnallen.
Immer mehr Männer und Frauen kommen den Berg hoch, mehrere Dutzend sind es, sie stehen an, bis sie an der Reihe sind. Halblaut murmeln sie Anweisungen auf Russisch, Englisch, Deutsch.
Für Masayuki Kikushima aus Tokio ist dies der Höhepunkt seiner Europareise. Schon seine Grundschullehrerin hatte ihm von Schönheit und Schrecken des Matterhorns erzählt, von der ersten Besteigung des 4478 Meter hohen Berges. Es war ein Wettrennen zweier Seilschaften im Juli 1865: Von Süden erklommen Italiener den Liongrat, von Norden ein Team aus vier Briten und drei Bergführern den Hörnligrat. Die Mannschaft um den Briten Edward Whymper erreichte den Gipfel zuerst, aber der Abstieg war schwieriger als der Aufstieg, wie so oft. Eine steile Felspassage überforderte den Jüngsten von ihnen, einen 19-Jährigen mit glatten Lederstiefelchen. Der Junge rutschte aus, zog drei weitere mit, das Seil riss, lautlos verschwanden die Männer im Nichts.
Triumph und Absturz, nirgends liegen sie so dicht beisammen wie hier, an dieser Kathedrale aus Fels, die den Aufstieg und die Abgründe des modernen Alpentourismus markiert.
Dort hinauf will nun Masayuki Kikushima. Die Besteigung mit Bergführer kostet etwa 1200 Schweizer Franken. Der Preis schreckt den Manager aus Tokio nicht. Doch selbst mit bester Ausrüstung bleibt ein Restrisiko. Mehr als 500 Menschen sind seit dem Absturz der Briten am Horn umgekommen.
Die Warteschlange rückt auf, schließlich ist Kikushima dran. Er ruckelt seinen Helm zurecht, dann verschwindet er nach oben ins Nichts, den anderen Stirnlampen nach, ein zitternder Lichtfleck an der schwarzen Silhouette, Teil einer postreligiösen Prozession zur "Eroberung des Unnützen", wie es der französische Bergsteiger Lionel Terray einst nannte.
Am Fuß des Berges liegt Zermatt. Vor 200 Jahren standen hier ein paar windschiefe Holzhäuser, der Ort war bitterarm. Das tödliche Rennen zum Gipfel machte das Bergdorf berühmt. Heute ist das Matterhorn eine Weltmarke, es ziert Käse, Joghurt, Schnaps, Zigaretten und natürlich die Toblerone.
Aber die weiße Zipfelmütze auf dem Gipfel schrumpft; der Berg bröckelt. Denn durch den Klimawandel taut der Permafrost, immer wieder kommt es zu Hangrutschen und Steinschlag, besonders spektakulär im Jahr 2003. Rund 70 Bergsteiger waren gefangen, blockiert, sie trauten sich keinen Schritt vor oder zurück. Hubschrauber mussten sie retten.
Das Horn ist die berühmteste Spitze der Alpen, jenes geheimnisvollen Herzens Europas, das sich wie ein Bogen 1200 Kilometer vom zerklüfteten Triglav in Slowenien bis zum Strand von Nizza zieht – Resultat einer Kollision Afrikas und Europas, die bis heute im Gange ist.
Rund 500 Millionen Übernachtungen verzeichnen die Alpen pro Jahr. Was lockt die Menschen?
Grüne Wiesen, würzige Luft, eisige Höhen und ein unverdorbenes Leben. So bewerben Kinospots die Alpen als heilsames Gegenmittel zu Stress, Hektik und Veränderung drunten in den versmogten Städten. Angesprochen wird eine fast kindlich-romantische Naturverbundenheit. "Die Gebirge sind stumme Meister", schrieb Goethe, "und machen schweigsame Schüler."
Vor allem auf Flachlandbewohner wirken die Alpen wie eine archaische Trutzburg gegen die Zumutungen der Moderne, frei nach dem frommen Liedtext: "Hebe deine Augen auf zu den Bergen / Von welchen dir Hilfe kommt."
Dabei ist es genau umgekehrt. Die Probleme des Kontinents werden in den Bergen nicht abgefedert und gemildert, sondern verstärkt: Klimawandel, Überalterung, Landflucht, Verwilderung, Verkehr zeigen sich und wirken oben viel stärker als unten.
Viele Städter bekommen vom Umbau kaum etwas mit, obwohl eine ganze Kette von Metropolen die Wildnis einfasst: München, Wien, Zürich, Grenoble, Innsbruck, Mailand, Ljubljana. Gut 14 Millionen Menschen leben in den Alpen, etwa so viele wie im Großraum London.
Damit gehören die Alpen zu den am dichtesten besiedelten Berggebieten der Welt. Viele Täler strahlen den Charme eines Industrievororts aus, zugeklotzt mit Betonhochhäusern entlang der Transitkorridore. Der Autoverkehr schwillt an, seit 1970 hat sich das Transportaufkommen verdreifacht, vor allem auf der Straße. Selbst entlegene Alpenpässe brüten des Öfteren im Stau.
Und doch, die apokalyptischen Abgesänge auf die unter Schneekanonen und Verkehrslawinen erstickenden Berge klingen schief; der Mythos muss nicht in Moll intoniert werden.
Denn nun, befeuert durch Internet, Internationalisierung und Forschung, entsteht ein neues Bild der Alpen: als Zukunftslabor. Nicht starre Ewigkeit, sondern wuselige Dynamik.
Wer aus der Nähe betrachten will, was in den Alpen vor sich geht, muss sich auf eine Tour durch die romantischste Dauerbaustelle Europas begeben, mit Zug und Fahrrad, mit Seilbahnen, Wanderstiefeln und Eispickel. Und immer wieder mit Staunen.
Der Regisseur Philipp Stölzl berichtet von der Macht archaischer Ängste, die ihn überfielen, als er den Eiger bestieg. Wissenschaftler haben einen völlig anderen Blick auf die Alpen, sie sehen das Gebirge als Freiluftlabor und Frühwarnsystem. Der Klimawandel vollzieht sich hier doppelt so schnell wie im globalen Mittel, das zeigt ein Besuch in Deutschlands höchster Forschungsstation an der Zugspitze.
Wenn der Schnee ausbleibt, reagieren Skigebiete wie das österreichische Ischgl mit der Flucht nach vorn: noch mehr Halligalli. Entlegene Orte im italienischen Mairatal dagegen sterben, Wolf und Bär durchstreifen riesige Wälder wie einst in Grimms Märchen. Wie er derlei Landflucht stoppen will, erklärt der Bergsteiger Reinhold Messner bei einer Schlossbesichtigung in Südtirol.
Die Wanderung endet im Ziegenstall von Helga Hager. Die Teilzeitsennerin serviert neugierigen Stadtbewohnern feinsten Wein und würzigen Käse, begleitet von schmerzhaftem Muskelkater und einer fetten Portion Skepsis gegenüber dem klebrigen Heidikitsch.
Dominik Siegrist brüllt: "Der Verkehr ist der reinste ..." Bitte was? Ein Lkw donnert vorbei auf der Landstraße gen Meran, ein Motorrad knattert hinterher. "Der reinste Albtraum! Er hat sich verdoppelt in den letzten zwei Jahrzehnten!"
Siegrist, ein bäriger Mann mit gemütlichem Lächeln, könnte es sich leicht machen und mit seinem Mountainbike einfach oben auf den Forstweg ausweichen. Stattdessen steht er hier an dieser Landstraße. Er will sehen, wo es wehtut.
Der Geografieprofessor von der Hochschule für Technik in Rapperswil war zehn Jahre lang so etwas wie der Mister Alpiversum, als Präsident der internationalen Naturschutzorganisation Cipra.
Diesen Sommer hat Siegrist eine neue Mission: "Whatsalp" heißt das Projekt, mit dem er die Berge inspiziert, ein Wortspiel mit dem Namen des Chatprogramms und der Frage: What's up, Alpen – wie läuft's denn so?
Vier Monate lang ist Siegrist mit Freunden, Kollegen und Aktivisten in wechselnder Besetzung quer durch die Alpen unterwegs, auf Klettersteigen, Radwegen und Diskussionspodien: von Wien bis Nizza, wo die Tour am 29. September mit einer Strandparty endet.
Vor 25 Jahren war Siegrist schon einmal diese Strecke gewandert, mit einer Aktivistentruppe, die damit gegen den "Mobilitätswahn" kämpfen wollte und für die "verwundeten Berge".
Wie also steht es heute, ein Vierteljahrhundert später? Werden die Alpen überrollt, ist der Patient dem Verkehrsinfarkt erlegen?
"Nein, aber leider trifft die Diagnose immer noch zu", sagt Siegrist. Viele Anwohner leiden unter Lärm und Luftverschmutzung. Die Europäische Union baut an einer neuen Verkehrsachse von Skandinavien zum Mittelmeer, Scan-Med genannt. Unter dem Brennerpass wühlen Bohrmaschinen einen 55 Kilometer langen Bahntunnel durch Schiefer, Gneis und Granit, um die Fahrzeit von Innsbruck nach Südtirol auf 25 Minuten zu senken.
Er selbst sei nicht für den Tunnel gewesen, sagt Siegrist. Aber jetzt werde er nun mal gebaut. "Und statt zu protestieren, sollten wir jetzt fordern, dass die Lastwagen per Zug durch den Tunnel transportiert werden." Das klingt plausibel, zumal die Schweiz ihre Passstraßen mit der Bahn bereits recht erfolgreich entlastet.
Zwar gab es nie so viel Autoverkehr wie heute, zu je einem Drittel verursachen ihn Touristen, Transit- und inneralpine Fahrer. Zugleich können Wanderer besser als je zuvor dem Gestank und Gehupe entgehen: mit Smartphones und schlauen Karten – Datentrampelpfade bieten Auswege.
Wo geht es jetzt lang? Siegrist zückt sein Handy und öffnet die App "Mapout". Ist eine Bergspitze unbekannt, reicht ein Blick auf "Peak Finder", schon erscheint der Gipfelname.
Morgens sind Schüler und Studenten aus ganz Europa zur Whatsalp-Wanderung gestoßen. Sie hatten Siegrist online geortet, auf der Wanderwebsite ist er metergenau verzeichnet (whatsalp.org).
"Früher machte jede Talschaft ihr Ding, eifersüchtig hütete jeder sein Spezialwissen, aber die Zeit der Kirchturmpolitik ist vorbei, auch dank der Digitalisierung", sagt Siegrist: "Früher hatten wir ja nicht einmal Handys, keine E-Mail, kein Facebook." Das Internet helfe nun, ein neues Bild der Alpen zu zeichnen.
Forscher wie er haben schon damals mit Fakten und Forderungen dazu beigetragen, dass sich acht Bergstaaten in der "Alpenkonvention" zu Naturschutz und Kooperation verpflichteten. Sie trat 1995 in Kraft.
Siegrists neue Aktion ist populär, fast jeden Tag stoßen junge Leute dazu, neue Gruppen, andere springen ab, ein gestiefelter Flashmob. Beim Abschied ruft Siegrist: "Wir sehen uns in spätestens 25 Jahren!"

Wie sieht die Welt in 25 Jahren aus? Oder in 50 oder 100? Tagtäglich durchstreift Annette Menzel mental die Landschaften von übermorgen, das ist ihr Job: Sie ist Klimaforscherin.
Mühsam stapft sie durch den Schnee, Flockenflaum wirbelt an diesem Julinachmittag über das Zugspitzplatt auf 2500 Meter Höhe, doch sie denkt über die Wärme des großen Sommers nach, der uns allen bevorsteht. "Hier in den Alpen vollzieht sich der Klimawandel doppelt so schnell wie im Flachland", sagt Menzel, Professorin für Ökoklimatologie an der Technischen Universität München. "Wir messen hier oben knapp zwei Grad Celsius mehr seit dem 19. Jahrhundert."
Der Wandel macht die Alpen zu einem Zukunftslabor. In den sensiblen Biotopen geschieht die Veränderung radikaler und rasanter denn je, hier oben lässt sich studieren, was Dekaden später im Flachland wirken wird. So blühen in Südbayern einige Bäume bis zu eine Woche früher und behalten ihre Blätter über eine Woche länger, hat Menzels Team festgestellt. Früher konnten Allergiker in die Berge fliehen, doch diese Schutzzone schrumpfe, seitdem Bäume immer höhere Lagen erobern.
Die Alpen eignen sich hervorragend, um globale Veränderungen zu studieren, denn sie bieten im Kleinen ähnliche Klimazonen wie der Planet im Großen: mediterrane Räume mit Zitronen und Wein, gemäßigte Lagen mit bunten Blütenmatten auf den Almen, eisige Sphären ganz oben.
Menzels Studenten kommen aus Kanada, China oder der Mongolei, aber auch aus Ecuador, Bangladesch und den Philippinen. Einige von ihnen haben noch nie einen Gletscher berührt. Hier oben können sie vor allem deren Verschwinden studieren: 300 Hektar mächtig wälzte sich einst der Zugspitzgletscher von Deutschlands höchstem Gipfel aus ins Tal. Rund 30 Hektar sind heute geblieben.
Menzel steigt in den Lift zum Schneefernerhaus. Das Forschungszentrum, einst ein nobles Hotel mit eigenem Bahnhof, wirkt wie an den Fels getackert, nur wenige Hundert Meter unterhalb der Zugspitze. Damals lag es direkt am Gletscher, heute dagegen scheint es über dem Abgrund zu schweben, verloren wie eine Raumstation.
Zehn Stockwerke misst Deutschlands höchstgelegenes Forschungslabor, ein Gipfeltreffen der Wissenschaftselite: Zehn Partner teilen sich den Außenposten, von der Max-Planck-Gesellschaft über das Zentrum für Luft- und Raumfahrt bis hin zu Umweltbundesamt und Deutschem Wetterdienst. An guten Tagen geht der Blick 90 Kilometer weit, bis zum Bodensee.
Sensibelste Sensoren registrieren feinste Verunreinigungen in der Atmosphäre. Einmal schlugen die elektronischen Spürnasen Alarm, weil sie einen schockierenden Anstieg von Kohlendioxid verzeichneten. Bis man merkte: Da lungerten ein paar Forscher auf der Terrasse herum, um Fotos vom Sonnenuntergang zu machen. Seitdem liegt eine Liste neben der Tür, in die sich jeder eintragen muss.
Die zerklüftete Alpenlandschaft wirkt wie ein Signalverstärker für Klimasignale: Wenn der Planet Fieber hat, bekommen die Berge Schüttelfrost. Der Grund dafür ist banal und nennt sich "Eis-Albedo-Rückkopplung": Gletscher kühlen die Umgebung, denn sie reflektieren die Sonnenstrahlen. Wenn sie abschmelzen, heizt sich der Untergrund leichter auf – mehr Hitze führt zu weniger Schnee führt zu noch mehr Hitze.
Rund 5000 Gletscher bedecken derzeit die Alpenhöhen. Nicht mehr lange: Bis zur Jahrhundertmitte könnte sich ihre Zahl nach manchen Prognosen in etwa halbieren. Das Kommen und Gehen der Gletscher ist normal. In der Steinzeit waren die Alpen kurzzeitig weitgehend eisfrei.
Nicht der Klimawandel an sich erschreckt, sondern sein Tempo. Extremwetter sucht häufiger die Alpen heim, Dürren im Sommer, aber auch Platzregen, der Berghänge zum Rutschen bringt. Vielerorts schützt ein sogenannter Bannwald Dörfer und Straßen vor todbringenden Schnee- und Geröllmassen. Noch. Denn auch der Borkenkäfer vermehrt sich in der Wärme besser. Außerdem droht dem Wald eine neue Gefahr: winterliche Waldbrände. Überflutungen, die bislang als "Jahrhunderthochwasser" galten, treten häufiger auf.
Wie geht es weiter im Freiluftlabor Alpen? "Baumarten wandern bis zum Ende des Jahrhunderts ein paar Hundert Meter nach oben", sagt Menzel: "Vor allem die Buchen dürften davon profitieren und mit ihnen die Wildschweine, die sich von Bucheckern ernähren." Schon heute seien sie eine Landplage, schreibt das Schweizer Tagblatt, "Wildschweine 'pflügen' Alpen."
Ein positiver Effekt: Schon bald könnte der Wein Höhen über 1000 Meter erobern. Und in Österreich breiten sich edle Rote wie der Syrah aus.
Kälte liebende Pflanzen und Tiere indes haben das Nachsehen, Steinböcke zum Beispiel. Einzelne Populationen könnten irgendwann auf Bergspitzen gefangen sein, isoliert wie Schiffbrüchige auf einer Kälteinsel. "Nowhere to go" heißt dieser Effekt.
Was Menzel bei ihren Messungen immer wieder überrascht: die Anpassungsfähigkeit von Pflanze, Mensch und Tier. "Die Inselbildung ist natürlich nichts Neues", sagt sie. Auch das Edelweiß wanderte kurz nach dem Ende der letzten großen Eiszeit aus den zentralasiatischen Bergketten in die Alpen ein. Die Temperatur stieg weiter, plötzlich saß es im kühlen Käfig: ein versprengter Immigrant, heute andächtig verehrt als Inbegriff einer heilen Heimat.
So ist das oft mit alpinen Mythen: Dort, wo sie am verlockendsten wirken, tun sich Abgründe auf.

Warum tut er sich das an? Philipp Stölzl krallt sich an den Fels, er flucht. Seit vier Uhr nachts quält der Regisseur sich nun den Mittellegi-Grat empor, eine wahnwitzig steile Kante an der Ostseite des Eiger. Tief unten leuchten die Laternen von Grindelwald, fern wie aus einem Flugzeug. Sein Magen krampft.
Am Abend zuvor war die Welt noch in Ordnung, da saß er gemütlich vor der Hütte und philosophierte über die Erhabenheit der Natur und über seinen Kinofilm "Nordwand". Die Story, basierend auf wahren Ereignissen, spielt fast in Sichtweite, in der legendären Eiger-Nordwand, deren Durchsteigung damals als heiliger Gral des Alpinismus galt.
Auch hier lieferten sich einst, 1936, zwei Seilschaften einen selbstmörderischen Wettlauf am Berg: Österreicher gegen Deutsche. Plötzlich ein Wetterumschwung, die Falle schnappt zu, Lawinen, Steinschlag und Kälte töten drei der Männer. Nur ein Deutscher kann sich zunächst retten, schwer verletzt, entkräftet, unterkühlt. Die Bergretter versuchten, ihn zu erreichen, es fehlten nur ein paar Meter. Er starb. Vor ihren Augen, doch unerreichbar weit entfernt.
Die Besetzung in Stölzls Film ist hochkarätig, Benno Fürmann spielt den tragischen Helden, doch die eigentliche Hauptfigur bleibt immer der Berg.
Stölzls eigene Tour in der Wand, auf die er sich nach dem Dreh begeben hatte, ist schon neun Jahre her, der SPIEGEL begleitete sein Team mit einer eigenen Seilschaft bis zum Gipfel. Aber die Tour von damals habe sich in sein Gedächtnis gebrannt, sagt er heute. "Die Bergwelt ist wie eine Wagnerouvertüre. Ein Stimmungsbild. Wenig Gerede, viel Gefühl." Früher hat Stölzl Videoclips gedreht, mit "Nordwand" kam sein Durchbruch, auch Theater und Opernhäuser fragen ihn an. "Hier oben spürst du 'Rheingold', selbst wenn du die Oper gar nicht kennst."
Die Gratwanderung brachte Stölzl ans Limit. Da wollte er hin, sagt er. "Wird es regnen? Hält der Griff? Die Gedanken werden hier oben einfach und klar."
Die deutschen Romantiker, aber auch Philosophen liebten die Berge, geht es doch in den eisigen Höhen immer ums Ganze: oben und unten, Leben und Tod, Herkunft und Zukunft.
So reckt sich, fast religiös entrückt, der Watzmann in den tiefblauen Äther in Caspar David Friedrichs Ölbild. Friedrich Nietzsche verbrachte seine produktivste Zeit im Engadin. Man solle "keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist", schwärmte er: "Unsre Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen."
Auch für die nationalsozialistische Propaganda war das Pathos der Berge unwiderstehlich: das Ringen um den Gipfelsieg als heldisches Soldatentum. Zwei Jahre nach der Eiger-Tragödie gelang die Durchsteigung der Nordwand einer österreichisch-deutschen Seilschaft, unter ihnen der SS-Mann Heinrich Harrer. Für diese Leistung war von Adolf Hitler eine Olympische Sondermedaille ausgelobt worden.
Von der Terrasse des Hotels Bellevue des Alpes aus hatten Zuschauer damals schon einen perfekten Blick auf die Wand – als schaute man auf eine vertikale Arena. Doch die soll nun zugerümpelt werden. Die historische Zahnradbahn, die Gäste den Berg hochschaufelt zum Jungfraujoch, das alljährlich rund eine Million Leute besuchen, reicht den Betreibern nicht mehr aus.
Sie wollen eine moderne Seilbahn am Fuße der Wand hochziehen, den "Eiger- Express". Kleiner Schönheitsfehler: Der Eiger-Express würde den Blick teilweise verbauen, warnen Kritiker.
Es ist wie so oft in den Alpen, das Unberührte zieht immer mehr Zuschauer an, bis das Gedränge die Bühne blockiert, deretwegen sie doch eigentlich hier sind. Und das ist nur der Auftakt.

Presslufthämmer donnern, Bagger brummen, Lifte surren. Das Skigebiet Idalpe, hoch über Ischgl in Tirol gelegen, ist eine Großbaustelle des Fun. Für Günther Aloys ist der Lärm Musik. "Der Schnee bleibt weg, das ist uns egal", sagt Aloys: "Wir machen einfach unseren eigenen Winter."
1100 Schneekanonen flankieren die Abfahrten der Silvretta-Arena mit ihren über 200 Pistenkilometern, die bis hinüber in die Schweiz reichen.
Aloys ist ein Dandy mit schulterlanger Mähne und federndem Schritt, Jahrgang 1947. Er gilt als Enfant terrible des Tourismus, ganz a wilda Hund, wie man hier sagt. Aloys betreibt Hotels, schreibt Bücher und produziert Skandale. Während alle von sanftem Tourismus reden, bejubelt er das Gegenteil: schneller, höher, weiter so.
"Man kann den Leuten nicht einfach sagen: Hier ist es schön, kommt wandern", sagt Aloys: "Natur muss erst erlebbar gemacht werden!" Was er damit meint? Zum Auftakt und zum Ende der Skisaison rummeln oben auf der Alp weltbekannte Popstars für zigtausend Zuschauer: Rihanna, Pink, Elton John, Peter Gabriel, Tina Turner, Sting. Das Motto von Ischgl: "Relax. If you can".
Aloys fläzt sich ins schwarze Ledersofa in seinem "Designhotel" unten im Ort, einer kleinen Gemeinde mit gut 1500 Einwohnern und dem angeblich besten Après-Ski der Welt: Ballermann alpin. Knapp 1,4 Millionen Übernachtungen verkauft die Gemeinde jeden Winter. Im Sommer ist es nur ein Zehntel so viel.
Während die Whatsalpinisten sich um verwundete Berge sorgen und Klimaforscher vor Lawinen und Waldbränden warnen, fürchtet Aloys vor allem die Wiederkehr der schlechten alten Zeit. Damals, nach dem Krieg, sei Ischgl eine der ärmsten Gemeinden Tirols gewesen, sagt er: "Hier oben auf 1400 Metern wächst doch außer Kartoffeln nichts."
Aloys' Vater, ein Hüttenwirt, hatte Ischgl einst die erste Seilbahn verpasst, 1963, gegen großen Widerstand im Ort. Nun kamen Gäste und mit ihnen Jobs und Geld. Aloys senior pflegte stolz zu sagen: "Ich habe meine Mitbürger terrorisiert, bis sie Millionäre waren." Er starb 2002.
Nun soll der Klimawandel den Wohlstand wieder zunichte machen nach fünf fetten Jahrzehnten? Niemals, das hat sich sein Sohn geschworen: "Der beste Schutz der Heimat sind nicht Ökoauflagen, sondern Investitionen", sagt Aloys.
Noch vor 30 Jahren wurden weltweit acht Millionen Paar Ski verkauft, heute sind es weniger als fünf Millionen. Von rund 600 Skigebieten in den Alpen dürften bis Mitte des Jahrhunderts viele nicht mehr schneesicher sein, in Bayern nur noch die Hälfte. Selbstverstärkende Effekte wie beim Klima gibt es auch beim Skitourismus: Die großen Liftbetreiber schlucken die kleinen, die börsennotierte Compagnie des Alpes zum Beispiel betreibt bereits 15 Skigebiete und sondiert schon in Russland und China.
"Wir müssen einfach mehr bieten als die anderen", sagt Aloys und blättert durch sein knallbuntes Skizzenbuch voll schriller Visionen. Wie wäre es mit einer Drive-in-Kapelle für Skifahrer, in die sie für eine kurze Andacht hineinrutschen? Mit einem Snowboardpark, bei dem man auf den Kurven einer gigantischen Pamela-Anderson-Schneeskulptur herunterrutscht?
Das Paradox stört Aloys nicht: dass die Schneekanonen, die die Folgen des Klimawandels abfedern sollen, ihn weiter beschleunigen. Denn die Herstellung von einem Hektar "technischem Schnee", so der Fachbegriff, verschlingt so viel Energie wie drei Familien im ganzen Jahr.
Und was soll erst werden, wenn die Sommer länger werden und die winterlichen Profite mit dem Schnee wegschmelzen? "Alles, was rollt, gleitet und fliegt, bringt Gäste", sagt Hotelier Aloys. Die große Ära der verwegenen Bergsteigerei und des Familienwanderns sei vorbei, sagt Aloys, er nennt diese Leute "rot-weiß karierte Wanderschweine". Heute dagegen sei "Soft Adventure" angesagt. Beliebt sind Klettergärten, pseudoabenteuerlich inszeniert, um Likes auf Facebook abzusahnen; Ziplines, an denen Besucher wie Mehlsäcke zu Tal sausen; und Downhill-Strecken, auf denen Mountainbiker hinabrollern wie auf einer menschlichen Murmelbahn.
Aloys blättert in seinem Ideenbuch. Wie wäre es mit der größten Treppe der Welt, die mit Tausenden Stufen den gesamten Berg hinaufführt? Mit einem Zoo mit 18 Pinguinen mitten auf der Alm? "Wenn ein Hubschrauber über die wegfliegt, schauen die Pinguine so lange hinterher, bis sie rückwärts umkippen", sagt Aloys und kann sich vor Lachen kaum halten.

Heidi ist ein Superstar, zuverlässig versetzt Johanna Spyris Geschichte von dem Waisenmädchen, das bei seinem Großvater auf der Alm aufwächst, die Fans in Verzückung. Heidiland heißt die wohl bekannteste Autobahnraststätte der Schweiz, nur eine Stunde von Zürich entfernt. Hier gibt es: original Alpenkitsch, Ziegengehege inklusive.
Weiter oben am Hang, hinter dem Ort Maienfeld, liegt die Zufahrt zu einem Freizeitpark namens Heididorf; dort kommt es regelmäßig zu einem Verkehrschaos. Eine Heidiskulptur mitsamt Ziegenpeter steht hier. Hupen und Aufregung, weil mitten auf der Straße ein Auto parkt – fünf Schwestern aus Südkorea müssen ganz dringend ein Selfie mit Heidi machen.
Oben im Heididorf sind Almhütten nachgebaut. Schwer hängt der Duft von orientalischem Sandelholzparfum in der Luft, er umweht eine Familie aus Dubai, die sich gerade über die engen Holzstiegen zwängt. Sie kennen Heidi aus dem Fernsehen, über die japanische Trickfilmproduktion von 1974, die damals auch Deutschland weichspülte mit der Titelmelodie: "Heidi, Heidi, deine Welt sind die Berherge ..."
Das Kinderbuch gehört zu den Weltbestsellern mit rund 50 Millionen verkauften Exemplaren seit der Erstveröffentlichung 1880. Heidi ist zu einer globalen Marke geworden: als Gegenentwurf zum Alltag in überfüllten, hypermodernen Metropolen. Einzelne Pensionen bieten an, im Heu zu übernachten wie einst Heidi oder sogar eine Ziege zu mieten: "Rent a Gaiss".
In Interlaken bereiten die Köche längst Halal-Buffets zu – Touristen aus den Golfstaaten machen 14 Prozent aller Besucher aus, gefolgt von China (13 Prozent), Südkorea (10 Prozent) und Indien (7 Prozent). Die idyllisch zwischen zwei Seen gelegene Gemeinde hat sich auf die muslimische Kundschaft eingestellt, mit Wellnessbereichen nur für Frauen, Hotelsuiten für Großfamilien und Teppichen inklusive Kompass, damit Muslime sich beim Beten gen Mekka wenden können. Die arabischen Urlauber geben im Schnitt mehr als 450 Euro pro Tag aus, dreimal so viel wie Besucher aus Deutschland.
Inder kommen ausgesprochen gern nach Engelberg, ein Örtchen in der Zentralschweiz. Hier bedeuten die Alpen vor allem: "Dilwale Dulhania Le Jayenge", "Wer zuerst kommt, kriegt die Braut". Der Film ist eine der beliebtesten Bollywood-Romanzen, mitsamt Tanzszenen im Schnee und auf Blumenwiesen.
Seit den Sechzigerjahren tauchen die Berge als Kulisse in indischen Filmen auf, doch neuerdings können sich schätzungsweise 25 Millionen Inder einen Alpenurlaub leisten. Die lokale Liftgesellschaft freut's, ihr Börsenkurs hat sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht.

Hier brodelnde Städte, stickig und eng, dort die Natur, sauber und unberührt. Dieser Kontrast nährt den Mythos der Alpen – und bedroht ihn. Man kann sich das vorstellen wie einen alten Schmuseteddy, irgendwann ist er totgeliebt.
So sieht das Werner Bätzing, Doyen der Alpengeografie, einige seiner Bücher gelten als Standardwerke. Nun ist der Professor emeritiert und freut sich: "Endlich habe ich wieder Zeit zum Wandern." Also: Stiefel geschnürt und los.
Endlose Wälder, donnernde Wasserfälle, heile Welt, könnte man denken hier im italienischen Piemont im Südwesten der Alpen unweit von Turin. "Unsinn", sagt Bätzing und stapft über einen alten Dorfpfad im Mairatal: "Das hier ist das schwarze Loch der Alpen, die Jungen ziehen weg, nur die Alten bleiben." Viele Dörfer stürben aus.
Die Alpen seien empfindlich und reagierten extrem, nicht nur aufs Klima, sondern auch auf Verstädterung und Überalterung, sagt Bätzing.
Die Bevölkerung wuchs in den vergangenen drei Jahrzehnten um rund 16 Prozent, etwa doppelt so stark wie im Mittel der acht Staaten mit Alpenanteil. Die Zentren wuchern auch auf Kosten entlegener Gemeinden, die unterdessen über zehn Prozent der Bevölkerung verloren.
Früher stellte man sich die Berge behäbig vor, resistent gegen jede Art des Wandels. Ein falsches Bild, was die Demografie betrifft: Kleinere Orte werden abgehängt und vergreisen schneller als der Rest des Kontinents. Längst gelten über 60 Prozent der alpinen Gemeinden als überaltert. Weil Ackerbau und Viehzucht zum Erliegen kommen, verbuschen viele Almen, die Natur erobert sich die Äcker zurück.
Bätzing, den manche Leute "Alpenpapst" nennen, wuchs in einer hessischen Kleinstadt auf. Zunächst studierte er Theologie und wurde Religionslehrer, dann verlor er den Glauben und sattelte um auf Buchhändler. Beim Stöbern im Laden entdeckte er eine riesige Lücke im Regal – es gab kaum Kartenmaterial zu den Westalpen. Das machte ihn neugierig. 1978 brach er auf, zu Fuß und mit einem Zelt. Und entdeckte eine Bauernkultur, die andernorts längst vom Tourismus verdrängt worden war. Mit Mitte dreißig begann er sein Geografiestudium, mit Mitte vierzig wurde er Professor.
Rast vor einer Kirche mit Blick übers Tal. "Die Gemeinde Marmora hat in den letzten 100 Jahren 93 Prozent ihrer Einwohner verloren. Heute leben hier rund 60 Menschen." Der Verlust des Kulturlandes offenbart sich nur dem geübten Blick, beim Wandern durch den Wald stößt man immer wieder auf letzte Reste von Geisterdörfern und Ackerterrassen.
Ist das nicht gut für die Alpen? Umweltschützer frohlocken schon, sie meinen, dass die Natur im Gebirge sich heute von der gnadenlosen Übernutzung der letzten Jahrhunderte erhole.
Slavc kann als Profiteur der neuen Wildnis gelten. Der Wolf wanderte von Slowenien über Österreich bis Italien, 2000 Kilometer. Wenn er keine Brücke fand, durchschwamm er Flüsse. Wenn er Hunger hatte, verspeiste er ein Schaf oder eine Ziege. Schließlich traf er in der Nähe von Verona auf Julia, bald darauf kam Nachwuchs. Slavc war 2011 mit einem Senderhalsband ausgestattet worden, so erfuhr die Welt von seinen Abenteuern.
Mehr als 60 Wolfsrudel und -paare leben heute wieder in den Alpen, vor allem in Frankreich und Italien, auch andere Arten wie Luchs, Bär oder Bartgeier breiten sich aus oder wurden wieder angesiedelt.
Schafhirten entzückt das nicht. Andererseits, argumentieren Artenschützer, haben Schafe und Wölfe über einige Jahrtausende in den Alpen koexistiert. Archaische, kräftige Hunde beschützten die Herden. In der Schweiz versucht man daher, die neue Angst vorm bösen Märchentier mit einer Art mobiler Wolfsfeuerwehr einzudämmen, die mit großen Maremmen-Abruzzen-Schäferhunden eingreift, wenn Wölfe Lämmer reißen. Doch die riesigen Herdenschutzhunde schüchtern nicht nur Wildtiere ein, sie erschrecken auch Touristen.
Bätzing mag die Natur, natürlich, aber er trauert der "Kleinräumigkeit" der bäuerlichen Landschaft hinterher, dem Mosaik aus Weide, Pfaden, Feld und Haus, deren liebliche Schönheit ursprünglich die Touristen lockte. Wütend machen ihn der "Terror der Fernstraßen" und die "Funpark-Alpen" der Ski-, Rad- und Motorradfahrer.
Derzeit konzentriert Bätzing sich auf ein Projekt zur Rettung der Bergdörfer durch sanften Wandertourismus: die GTA ("Grande Traversata delle Alpi"), einen Fernwanderweg, der von der Schweiz in rund 60 Tagesetappen bis fast zum Mittelmeer führt. Und zwar großenteils auf uralten Transportwegen, die von Dorf zu Dorf führen, fernab des Touristenrummels.
Alpenwandern ist mehr als Sport oder Erholung für Bätzing. Er nennt es "Philosophieren mit den Füßen", immer auf der Suche nach "Orten guten Lebens".

In seinem Buch "Rettet die Alpen" wetterte Reinhold Messner noch 2002 gegen den Massentourismus: "Dieser Albtraum, der sich da und dort wie eine Krebsgeschwulst im ehemaligen Hindernis Alpen ausbreitet, darf keine weiteren Metastasen bilden, sonst kommt es zum Kollaps."
Längst ist Messner selbst Teil der Tourismusindustrie, und er hält gern Hof in einem der sechs Standorte seines "Messner Mountain Museum", so auch an diesem Sommernachmittag auf Schloss Sigmundskron, einer liebevoll renovierten Ruine, in der Exponate und Bilder die Geschichte der Berge erzählen.
Messner sitzt auf der Burgmauer, tief unter sich die Südtiroler Hauptstadt Bozen. Touristen bleiben stehen, um zu lauschen. Rund 200 000 Besucher locken seine Museen jedes Jahr an mit einer eigenwilligen Mischung aus Bergsteiger-Härte und Hippie-Sanftmut, aus Nietzsche und New Age.
Sein ganzes Leben lang hat sich Messner gegen Autoritäten aufgelehnt: zuerst gegen seinen Vater, einen Südtiroler Dorflehrer, der die Kinder schlug, 1970 gegen den autoritären Expeditionsleiter am Nanga Parbat, der Bergsteigerei als militärische Schinderei betrieb. Nach Messners sensationeller Erstbesteigung des Nanga Parbat über die steile Rupalwand, bei der er seinen jüngeren Bruder Günther verlor, verhakelte er sich in lange Streitereien mit Expeditionsteilnehmern, zum Teil vor Gericht.
Wer Messner heute trifft, erkennt den Angry Young Man von damals kaum wieder. Er besitzt mehrere Bauernhöfe, sein Name ist eine Marke, fast wie Heidi, er entwickelt sogar eine Parfumserie, benannt nach allen 14 Achttausendern: "Mount Everest" duftet zitronig. Und auf dem Schloss Juval hat er bereits sein eigenes Grabmal angelegt, im tibetischen Stil.
Vor zwei Jahren weihte der ehemalige Touristenfeind sein sechstes Mountain Museum ein, auf dem Kronplatz, einer vom Alpinkommerz verwüsteten Skibrache. Die Stararchitektin Zaha Hadid hat dort oben den Gipfel mit einem Betonkeil gepfählt, im Innern feiert Messner ironischerweise: den "Verzichtalpinismus".
Warum macht er bei der Verschandelung der Berge mit? Der Kronplatz sei ohnehin verhunzt, sagt er. Und sein Museum sichere wenigstens Arbeitsplätze.
"Der Massentourismus ist ein notwendiges Übel, das man am besten an wenigen Orten konzentriert", sagt Messner. "Nämlich da, wo bereits Straßen, Parkplätze und Lifte sind." Kein Gerede mehr von Metastasen und Kollaps.
Nun ist es ihm das dringendste Anliegen, die Bergbauernkultur zu retten. "Die Städter unten im Tal betrachten die Alpen oft als ihren Vorgarten und verhindern zum Beispiel aus ideologischen Gründen den Bau einer Straße zur Alm", sagt Messner: "Ich kann doch dem Schäfer nicht sagen, dass er 200 Kilo Salz auf dem Rücken dort hochschleppen soll. Ohne Straßen veröden die Almen!"
Alpinismus bedeutet für ihn: Lernen für eine Welt im Wandel. Überlebenstraining für angstfreies Navigieren in unbekanntem Gelände.
Derzeit versucht sich Messner als Filmregisseur, sein erster Spielfilm heißt "Still Alive", ein Dokudrama über zwei Bergsteiger, die ums Überleben kämpfen. Messner nennt das neue Hobby sein "siebtes Leben". Ständig drängt es ihn zu Neuem.
Wie seine Heimat.
In diesem dramatischen Wandel spielt jeder Tourist eine Rolle, ob er will oder nicht. Was viele nicht wissen: Alpenweit macht der Tourismus nur rund zehn Prozent der Wirtschaft aus. Er ist dabei schwer konzentriert, 46 Prozent aller touristischen Betten stehen in nur 5 Prozent der Alpengemeinden. Doch gerade in Hochtälern bleibt er wichtig – womit sollen die Menschen dort sonst Geld verdienen?
Dort oben, an Talschlüssen und in Sackgassen, wird der Flickenteppich der Alpen mit jedem Schritt bunter.
Wer dem Traum vom sorgenfreien Landidyll nachhängt, sollte einfach mal vom Brenner abfahren. Das Valsertal hinauf bis zum Ende der Straße, dann zu Fuß weiter durch leuchtgrüne Wiesen hinauf auf Helgas Alm, immer dem Meckern der 17 Ziegen hinterher.
Den Träumer dürfte hier ein heilsames Erwachen ereilen.
Klar, das frisch gemähte Gras duftet betörend, und Helga Hagers Ziegenkäse ist köstlich, von ihrem Wein ganz zu schweigen. Im Winter arbeitet Hager in einem Hotel als Sommelière – der Tourismus ermöglicht ihr im Sommer das richtige Leben im falschen, wie man früher gesagt hätte: Sie betreibt den alten Hof ihres Großvaters, eine Holzhütte, deren Boden so windschief ist, dass man beim Betreten fast seekrank wird. Davor plätschert ein Brünnlein.
Die Idylle stinkt nach Gülle. Zumindest so lange, bis Hager morgens um halb fünf den Stall ausmistet. Zuvor hat sie natürlich das Kleinvieh per Hand gemolken, tief vornübergebückt. "Ich nenne das mein Ziegen-Yoga", sagt sie. Ein Knochenjob: Zäune reparieren, Milch abkochen, Gras mit der Sense schneiden, mit der Harke wenden, die Ziegen auf eine neue Weide führen. An guten Tagen gibt es abends noch einen Wein mit Blick ins Tal. Spätestens um zehn geht Hager schlafen.
Sie ist Überzeugungstäterin, Teil des Bergsteigerdorfs Valsertal. Bergsteigerdorf, das ist eine ganz besondere Auszeichnung, die die Alpenvereine nur an Orte vergeben, die sich dem hochgezüchteten Massentourismus verweigern. Mittlerweile gibt es in Österreich 22 Bergsteigerdörfer, im Juli kamen in Bayern zwei weitere dazu.
Jedes von ihnen ergänzt das bunte Alpenallerlei, das gleichzeitig globaler und lokaler wird, urbaner und wilder, piemontesischer, indischer und arabischer: Playground of the World.
Wem die Bergsteigerdörfer zu altbacken sind, der kann es mondäner haben: Die "Gemeinschaft autofreier Schweizer Tourismusorte" (GaST), darunter auch das schicke Saas-Fee, setzt auf Bahn und Elektrofahrzeuge. Wirtschaften mit dem "Roten Hahn" bieten in Südtirol Qualitätsprodukte direkt vom Bauern. Berghütten bieten statt Mikrowellenknödel unter dem Label "So schmecken die Berge" Gourmetmenüs und statt zugiger Muffelhöhlen futuristische Skulpturen wie die neue Monte-Rosa-Hütte in der Schweiz.
Kollaps, bedrohtes Paradies, Krebsgeschwulst? Von wegen. Nie waren die Alpen so wohlhabend, ihre Tierwelt war selten so vielseitig, kaum je die Kultur im Herzen Europas so vielfältig wie heute. Viele Probleme sind immer noch ungelöst. Doch gleichzeitig entstehen überall neue Lösungen.
Helga Hager wächst manchmal die Plackerei auf der Alm über den Kopf. Dann bietet sie eine "Schule der Alm" an: Arbeitseinsätze für Städter, buchbar mit ein paar Klicks per Internet.
Hagers Alpinkurs zieht Menschen an, die im Morgengrauen durch taufrische Wiesen streifen mögen, gefolgt von der rupfenden Herde bis zum Wasserfall, wo die saftigste Brunnenkresse des Tales wuchert, würzig wie Szechuanpfeffer. Leute kommen hierher, die lernen wollen, wie man eine Sense schwingt, dass es fast tänzerisch aussieht, bis die Schwielen kommen. Die abends fast bewusstlos ins Bett taumeln vor Müdigkeit, Muskelschmerz und Glück.
Bis vorige Woche hätten die Gäste bei Hager sogar Heidi kennenlernen können. Mit dem Kinderbuch hatte sie allerdings wenig gemein, Kindchenschema Fehlanzeige – Heidi, eine alte Zicke. Sie mobbte alle, ließ sich nichts sagen, von niemandem. Letzte Woche kam Heidi deshalb in die Wurst; die Salami schmecke ausnehmend gut, sagt Hager. Und: "Jetzt is wieda a Ruah im Stall!"
Der Berg ruft. Aber jeder scheint etwas anderes zu hören.
Mail: hilmar.schmundt@spiegel.de
"Der Verkehr hat sich in 20 Jahren verdoppelt."
Dominik Siegrist, Geograf
"Wir messen hier oben zwei Grad Celsius mehr."
Annette Menzel, Klimatologin
"Die Bergwelt ist wie eine Wagnerouvertüre."
Philipp Stölzl, Regisseur
"Alles, was rollt, gleitet und fliegt, bringt Gäste."
Günther Aloys, Hotelier
"Wandern ist Philosophieren mit den Füßen."
Werner Bätzing, Geograf
"Der Massentourismus ist ein notwendiges Übel."
Reinhold Messner, Bergsteiger
"Jetzt is wieda a Ruah im Stall!"
Helga Hager, Sommelière, Ziegenwirtin

Über den Autor

Hilmar Schmundt, 50, kommt aus Hannover, 55 Meter über Normalnull. Aber schon als Achtjähriger ging er mit seiner Familie in Südtirol bergsteigen. Ein Foto der Schmundts beim Kraxeln geriet damals in einen Klettersteigführer von Reinhold Messner. Jetzt schloss sich der Kreis: Schmundt traf sein altes Idol im Juli für die Titelgeschichte über die Alpen auf dessen Schloss Sigmundskron bei Bozen.
Von Hilmar Schmundt

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Heidi ade