12.08.2017

Elke SchmitterBesser weiß ich es nichtWaffen im Körbchen

Das Leben besteht zu einem nicht geringen Teil aus dem, was man Nebenfolgen nennt. Sie können den Alltag auf grandiose Weise in Schwingung bringen; ein Genre von Liebesromanen ließe sich so charakterisieren: Mann lernt Frau am Bahnhof kennen, weil die zufällig mit seiner Mutter im Abteil saß, sie verlässt ihren Gatten, wird von der Gesellschaft geschmäht, wirft sich am Ende vor den Zug. Moderne, heitere Fassung: Mann im Homeoffice will sich einen Kaffee kochen, die letzte Kapsel steckt ausgehöhlt im Heimautomaten, an der Kasse im Supermarkt sitzt die Frau seiner Träume. Vom Groschenheft zur Fortsetzungsgeschichte, wenn die Nebenfolgen eine Kette bilden: Auf dem Weg zum Supermarkt hat er einen Unfall, kommt ins nächstgelegene Krankenhaus, erkennt in der Anästhesistin seine große Liebe. Ein Epos lauert, wenn sich die Ketten kreuzen: Die Anästhesistin ist seit 36 Stunden im Dienst, weil die Personaldecke immer knapper wird (hier lässt sich ein Ausflug in die Gesundheitspolitik und die FDP-Zentrale unterbringen), ist durch Übermüdung moralisch porös und beginnt Affäre, obwohl mit einem Mann verheiratet, der in libidinöser Hinsicht keinen Spaß versteht und sich im desolat organisierten Sportschützenverein (Wart ist Alkoholiker) eine Waffe aus dem ungesicherten Schrank nehmen kann.
Im außerkünstlerischen Bereich sind Nebenfolgen häufig unerwünscht. Sie sorgen für gesellschaftliche Kopfschmerzen vor allem, wenn sich das Individuum rational verhält, das massenhaft rationale Verhalten aber sich selbst torpediert. Der Klassiker: Stau auf der Brennerautobahn. Extra früh aufgestanden, perfekt gepackt, die Räder auf dem Dach, der Tank gefüllt und dann plötzlich viel Zeit zum Telefonieren. Jenseits der Urlaubszeit: Man braucht mehr Zeit, um einen Parkplatz zu finden, als man eingespart hat, um nicht auf den Bus zu warten. Doch aus dem Wutfahrer wird nicht von selbst ein Freund des öffentlichen Nahverkehrs. Das Auto bleibt trotz Nebenfolgen von ruinierten Innenstädten bis ökologischem Gesamtdesaster das Wunschkind der deutschen Familie, daran ändert auch die funktionale Korruption des High-End-Managements nichts (siehe auch ). Liebe ist Wahnsinn.
Der Berliner Senat und diverse Bürgergremien haben nun ein Verkehrskonzept entwickelt, das dennoch einer anderen deutschen Ingenieursleistung huldigt: dem vor 200 Jahren zur Funktionsreife entwickelten Fahrrad, das einstweilen als unerwünschte Nebenfolgen lediglich kniekurze, wurstpellenförmige Hosen und die Verbreitung lauwarmer Lieferdienstpizzen mit sich gebracht hat. Nach der Verwirklichung dieses geradezu erschütternd weisen politischen Konzepts ist allerdings mit weiteren Nebenfolgen zu rechnen: Zunahme der Straßenmusik, des Tourismus, der Geburtenrate, Hebung der allgemeinen Laune. Auf der anderen Seite: hauptstädtisches Absterben aller Kulturphänomene, die an dicke Reifen, tiefergelegte Karosserien, Autoradios und die Korsofeier gebunden sind. Und auch Waffen, Drogen und Grillgut müssten ins Körbchen passen. Das Leben wäre ein anderes.
An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und Nils Minkmar im Wechsel.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 33/2017
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