12.08.2017

LiteraturTanz mit Buchstaben

Ein Besuch bei Zadie Smith im Nordwesten Londons, am Schauplatz ihres neuen Buches. Die Benennung einer Romanfigur hat sie – zugunsten der Schule ihrer Tochter – versteigert: Kontrolle ist nicht ihr höchstes Ziel. Von Claudia Voigt
Bald wird auch dieser Teil von London teuer sein. Noch reihen sich in den Straßen rund um die U-Bahn-Station Kilburn kleine Supermärkte an Shops mit elektronischen Geräten, die Cafés kommen noch ohne handbeschriftete Tafeln aus. Frauen mit Schleier gehen vorbei, das Telefon eingeklemmt zwischen Stoff und Ohr, sodass sie beide Hände für die Einkäufe frei haben. Die meisten Romane der Schriftstellerin Zadie Smith spielen in diesem Viertel. Auch ihr neuer Roman "Swing Time", der kommende Woche auf Deutsch erscheint*.
Viele Reihenhäuser in den Seitenstraßen haben neue Fenster und farbig gestrichene Rahmen, andere sind hinter Gerüsten verborgen oder stehen zum Verkauf. Um zum Haus von Zadie Smith zu kommen, muss man die Willesden Lane kreuzen, ein Straßenname, den Leser aus ihren Büchern kennen. Der Vorgarten des Reihenhauses sieht aus, als ob ein Gärtner ihn angelegt hätte und regelmäßig pflegen würde. Vor wenigen Tagen ist die Schriftstellerin aus New York eingetroffen, Schulferien, ihre beiden Kinder toben im oberen Stockwerk. Sie hat gerade keinen Babysitter, übermorgen will sie in den Urlaub aufbrechen, ein Interview kommt ihr jetzt so gelegen wie eine Grippe.
Smith sitzt an einem Tisch im Erdgeschoss und zeigt mit dem Arm ins Ungefähre irgendwo hinter sich. Ja, einige Straßen weiter nördlich sei sie aufgewachsen, in einem Hochhaus, sozialer Wohnungsbau, dies hier sei ihre Gegend, ihre emotionale Heimat. Ein großer Teil ihrer Familie lebt im Nordwesten Londons, auch einige alte Freunde. New York dagegen, wo ihr Sohn und ihre Tochter zur Schule gehen, bezeichnet sie als ihr intellektuelles Zuhause.
Vor fast 20 Jahren wurde Smith mit ihrem Romandebüt "Zähne zeigen" zu einem Weltstar der Literatur. Die Schriftstellerin war gerade 24 Jahre alt, als man sie als Nachfolgerin Salman Rushdies feierte, was sie bis heute für Quatsch hält. In "Zähne zeigen" entwarf sie die Welt der zweiten Einwanderergeneration in London, eine multikulturelle Selbstverständlichkeit sprach aus dem Roman, er war überbordend und treffsicher erzählt. Der Ruhepol im Strom der Geschichte ist die Kneipe O'Connell's Pool House, ein fiktiver Ort, den die Schriftstellerin in Willesden ansiedelte, gleich um die Ecke ihres Reihenhauses.
2012 veröffentlichte Smith den Roman "London NW", eine Geschichte zweier Paare mit familiären Wurzeln, die nach Jamaika, Irland und Westafrika reichen. Das Ganze wirkte etwas überkonstruiert, konnte aber als Porträt des Stadtteils Kilburn gelesen werden.
"Swing Time" nun lässt sich so gut lesen, wie der Titel suggeriert. Zuerst fällt die Leichtigkeit des Buches auf, das selbstverständlich – sonst wäre es kein Werk von Zadie Smith – auch große Themen behandelt: Freundschaft und Konkurrenz, alltäglichen Rassismus, Ruhm, Mutterschaft; die Geschichte des Stepptanzes gibt es dazu. Hinter allem steht die Frage, wie man den Schatten der eigenen Herkunft abstreift. Die beiden Hauptfiguren, die Icherzählerin und ihre Freundin Tracey, sind sieben Jahre alt, als sie sich im Hof einer Kirche in Kilburn zum ersten Mal begegnen. "Wir hatten beide den identischen Braunton, als hätte man ein Stück hellbraunen Stoff durchgeschnitten, um uns beide daraus zu machen."
Obwohl schriftstellerisch noch viel von Smith zu erwarten ist, hat sie dem Nordwesten Londons mit seiner multiethnischen Nachbarschaft schon jetzt ein erzählerisches Denkmal gesetzt. Die ersten Fragen an sie lauten deshalb, ob die Welt ihrer Romane dem Untergang durch Gentrifizierung entgegensieht. Und ob die Vergangenheitsseligkeit vieler Briten, durch das Brexit-Votum lautstark geworden, im Zusammenspiel mit der Angst vor Terroranschlägen dem selbstverständlichen Nebeneinander ein Ende setzen könnte?
"Ich bin gerade vier Tage zurück", sagt Smith, "und ich frage mich, wie jemand überhaupt eine so generelle Einschätzung gewinnen soll. Ich denke nicht auf diese Art und Weise. Um ehrlich zu sein, ich kann die Frage nicht beantworten."
Das ist mal ein schwieriger Auftakt für ein Interview. Draußen ist es heiß, aus dem ersten Stock ist das Trampeln der Kinder zu hören. Doch wenn man den Moment wie eine Szene aus einem Zadie-Smith-Roman betrachtet, wenn man sich die Schriftstellerin als eine Figur denkt, die der Leser kennenlernen möchte, offenbart sich durch diese missglückte Frage: dass Zadie Smith, die früh und praktisch über Nacht eine Berühmtheit wurde, darum kämpft, nicht auf die Rolle der Multikulti-Expertin mit Street-Credibility festgelegt zu werden. Als farbige, talentierte Schriftstellerin hat sie vermutlich viele Erfahrungen damit gemacht. Lieber nimmt sie es in Kauf, als schwierig zu gelten. Sehr gereizt reagiert Smith auch auf das Label der attraktiven Schriftstellerin, obwohl sie umwerfend schön ist – auf diese nachlässige Art, die man sich leisten können muss. Sie ist fast ungeschminkt, nur die Lippen hat sie rot nachgezogen; zu kurzen Jeansshorts mit ausgefranstem Saum trägt sie ein Jeanshemd und eine Kette, an der ein goldenes Z hängt.
Als sich das Interview eine Viertelstunde später überraschend lebendig entwickelt hat, berichtet Smith von einer Diskussion mit ihren Studenten in New York darüber, wie man eine Figur in einem Roman am besten charakterisiert. "Eine Figur sollte sich im Kopf des Lesers formen", sagt Smith. "Ich versuche, mich deshalb darauf zu konzentrieren, was eine Person tut, was sie denkt und was sie sagt. Diese Lifestyle-Beschreibungen wie in einem Facebook-Profil, was jemand mag oder welche Kleidung er trägt, halte ich für eine Schwäche der zeitgenössischen Literatur. Ich möchte für erwachsene Leser schreiben, Leser, die sich ihr eigenes Bild machen."
Zum ersten Mal ist die Heldin eines Smith-Romans in "Swing Time" eine Icherzählerin. Die Geschichte beginnt mit ihrem Schluss – die Erzählerin wurde nach London zurückgeschickt, der Leser versteht anfangs nicht, von wem und warum. Sie hält sich in einer Wohnung versteckt, deren Portier zwei Tage lang damit beschäftigt ist, Menschen abzuwimmeln, die sie behelligen wollen. Auch das Handy lässt sie ausgeschaltet. Erst am dritten Tag traut sich die Erzählerin auf die Straße, sie lässt sich durch London treiben, gerät in die Vorführung eines Films, des Fred-Astaire-Films "Swing Time". "Ich hatte meinen Job verloren, eine bestimmte Version meines Lebens und meine Privatsphäre, und trotzdem schien mir das alles klein und nichtig neben dem freudigen Gefühl, als ich diese Tanzszene sah und ihrem präzisen Rhythmus mit dem Körper folgte."
Tanz spielt eine wichtige Rolle in diesem Roman. Tanz war die Leidenschaft, die die Erzählerin mit ihrer Freundin Tracey verband, zwei farbige Mädchen, die von den weißen Mädchen und Jungs in der Sozialbausiedlung als Außenseiterinnen betrachtet wurden. Doch beim Tanzunterricht sind sie ganz bei sich, da können sie zeigen, was in ihnen steckt. Für Tracey gilt das stets noch etwas stärker als für die Erzählerin.
Fred Astaire zu sehen, wie er in "Swing Time" mit drei Schatten tanzt, die Schatten seiner selbst sind und doch nicht mit ihm Schritt halten können, löst bei der Erzählerin einen Strom von Erkenntnis und Erinnerungen aus. "Mir wurde eine Wahrheit offenbar: dass ich immer versucht hatte, mich an das Licht anderer anzuschließen, dass ich selbst nie ein Licht in mir gehabt hatte. Ich erlebte mich als eine Art Schatten."
Nach diesem nur wenige Seiten langen Prolog beginnt die Lebensgeschichte der Erzählerin: ihre Schulzeit im Nordwesten Londons, das Leben als Tochter einer farbigen, feministischen Hippiemutter, die Neunzigerjahre in Camden, der Job bei einem Musiksender, der Besuch eines Superstars namens Aimee (einer Figur, die sehr an Madonna erinnert); das Angebot, Aimees Assistentin zu werden. Jahre in einer künstlichen Welt, Reisen nach Westafrika, schließlich der große Knall. Und immer ist da die Freundschaft zu Tracey, die sich irgendwann ins Gegenteil verkehrt, eine Art Hassliebe.
Sie habe den Prolog des Romans wieder und wieder geschrieben, sagt Smith, das mache sie bei jedem Buch so, für sie sei es wichtig, den Ton, die richtige Stimme zu finden. Dann könne sie mit dem Schreiben beginnen. Über den Plot mache sie sich vorher wenig Gedanken. Die Handlung ergibt sich für sie beim Schreiben.
Um das zu bekräftigen, erzählt sie von einer Auktion an der Schule ihrer Kinder. Auktion? "Ja, es gibt dauernd Auktionen, um Geld für die Schule hereinzubekommen. Ich trage da nie etwas bei, weil ich immer so beschäftigt bin. Doch dann kam mir die Idee, ich könnte den Namen einer Figur aus meinem Buch versteigern", erzählt Smith. Der Vorschlag wurde dankend angenommen. Wochen vergingen, Monate, eines Tages kam der Anruf. "Jemand hat Ihr Angebot ersteigert." – "Okay, und wie heißt er?" – "Fernando Carrapichano."
Nun gibt es in "Swing Time" einen Projektmanager namens Fernando Carrapichano, er tritt auf Seite 268 zum ersten Mal auf, so weit war Smith mit dem Manuskript offensichtlich schon vorangekommen. Fernando, der später auch Fern genannt wird, entwickelt sich zu einer wichtigen Nebenfigur, er verliebt sich in die Erzählerin, und obwohl sie seine Liebe nicht erwidert, ist er in der schwerelosen Aimee-Superstar-Welt ein Fixpunkt für sie. Während des Schreibens fiel der Schriftstellerin zu Fernando Carrapichano einiges mehr ein, als sie auf Anhieb dachte: "Fernando wie heißt der? Oh mein Gott."
Wie in der Jazzmusik sei auch beim Schreiben die Improvisation entscheidend, "ich bemühe mich darum, einen Strom von Ideen am Fließen zu halten und ihm zu folgen", sagt Smith. Der Titel "Swing Time" ist auf mehreren Ebenen treffend gewählt, das Motiv des Tanzens zieht sich durchs Buch. Es wird die Legende erzählt, dass der Stepptanz auf den Sklavenschiffen von Westafrika nach Amerika erfunden wurde, als einzig mögliche Ausdrucksform von Menschen, denen man alles genommen hat.
Sie sei in den vergangenen zehn Jahren immer wieder durch Westafrika gereist, und es habe sie fasziniert, erzählt Smith, dass selbst an den abgelegensten Flecken nicht viel anders getanzt wird als in den Klubs von New York. Ausdruck und Timing sind beim Tanzen alles, wie beim Schreiben schließlich auch. Smith wechselt in "Swing Time" immer wieder die Zeitebenen, sie schwingt zwischen der entfernten und nahen Vergangenheit hin und her. Wobei ihr die Kapitel aus der Kindheit der Erzählerin lebhaft und anschaulich gelingen, während die Welt des Popstars Aimee konstruiert wirkt und überfrachtet mit moralischer Kritik an einem dekadenten Leben, in dem Dinge einfach deshalb getan werden, weil es möglich ist, sie zu tun.
Es ist die Schwäche von Smiths Prosa, dass sie passagenweise mit zu vielen Themen aufgeladen ist. Smith ist eine hervorragende Essayistin, ihr scharfes Denken und die Leichtigkeit ihres Stils verbinden sich bei dieser Textform ideal. Ihre Romane dagegen leiden manchmal unter einem Zuviel.
Wenn man mit ihr spricht, bekommt man einen Eindruck davon, was in Smiths Kopf vermutlich unentwegt so los ist. Sie redet schnell, mit dunkler Stimme, und das Vergnügen beim Entwickeln eines Gedankens ist ihr anzumerken. Ihre Hände wirbeln durch die Luft, sie lässt sich nicht unterbrechen. Das Thema Mutterschaft zum Beispiel: "Heute verbirgt sich dahinter doch die Drohung an Frauen: Wenn ihr keine guten Mütter seid, werdet ihr eure Kinder zerstören. Freud wird dabei auf den Kopf gestellt und missverstanden. Freud hat einen Unterschied gemacht zwischen alltäglicher Traurigkeit und tiefer Niedergeschlagenheit. Wenn man traurige Menschen verstehen will, muss man das Gefühl der Traurigkeit kennen. Ich finde deshalb, es ist auch Kindern zuzumuten, manchmal traurig zu sein."
Oder das Thema Rivalität: "Wenn ich meine Tochter mit anderen Mädchen beobachte, haut mich das um. Zu sehen, wie Mädchen in New York sich schon in jungen Jahren mit anderen Mädchen vergleichen, wie sie sich in das Leben ihrer Freundinnen hineinprojizieren. Jungs machen das nicht so. Aber woher kommt das? Hat es damit zu tun, dass Mütter ihre Töchter in den USA bereits mit zehn Jahren in Schönheitssalons schleppen? Oder ist diese Erklärung zu einfach?"
Zadie Smith sagt über sich selbst, sie sei "a messy thinker", eine unordentliche Denkerin, emotional und irrational. Das Schreiben brauche sie, um ihre Gedanken zu ordnen. Sie ist heute 41 Jahre alt, seit ihrem weltweiten Debüterfolg mit "Zähne zeigen" hat sie fünf Romane veröffentlicht, viele Kurzgeschichten, Essays und auch einen Essayband. Smith lehrt an der New York University; diese so schöne, kluge Frau aus dem Nordwesten Londons scheint alles erreicht zu haben. Ihre Stimme hat intellektuelles Gewicht, sie ist Mutter von zwei Kindern – sieht so ein gelungenes Leben aus? "Ich hasse diese Phrase", sagt Smith. "Um etwas zu erreichen, muss man etwas anderes aufgeben. Das verstehen Mütter vielleicht am allerbesten."
Die Kinder im Obergeschoss sind seit geraumer Zeit still, Smith vermutet, dass sie den Fernseher angemacht haben. Das Interview ist vorüber. Übermorgen fährt sie in die Ferien.

"Jemand hat Ihr Angebot ersteigert."
"Fernando wie heißt der? Oh mein Gott."

* Zadie Smith: "Swing Time". Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch; 640 Seiten; 24 Euro.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 33/2017
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