12.08.2017

KunstMagisches Camp

Halb Kindergeburtstag, halb russischer Roman: Ein Performance-Projekt in den finnischen Wäldern ergründet das Abschiednehmen als Pflichtübung des modernen Lebens.
Im Nachhinein werden sich die sechs Camper nicht ganz einig sein, wann genau Camp Solong nun begonnen hat. Vielleicht in jenem Moment, in dem sie ihre Smartphones und ihr Gepäck abgeben mussten. Vielleicht in dem Moment, in welchem sie einer handgemalten Karte über eine weiße Holzbrücke gefolgt sind, über einen kleinen Bach mitten im finnischen Baumbestand. Vielleicht in jenem Moment, als Ethan Hayes-Chute und Dafna Maimon sie auf der anderen Seite in Campuniformen begrüßten. Spätestens aber, als sie auf ihrem Stockbett ihre eigene Uniform fanden.
Ein T-Shirt, ein Longsleeve, eine Hose, ein einteiliger Badeanzug (für Männer auch), eine Schlafbrille, ein Handtuch, das bei Bedarf als Cape verwendet werden kann, ein Beutel, ein Notizbuch, ein Stift und ein paar Turnschuhe, eine Schirmmütze, eine Einwegkamera, ein Taschenmesser.
Sechs Fremde in Lachsrosa. Eine Mikrogesellschaft aus Yogalehrern, Fotografen und einem Meeresbiologen. Aus Deutschen, Finnen und Holländern. Aus Maike und Simon und Kristina.
Nur dass sie während ihrer gemeinsamen Zeit nicht Maike oder Simon heißen werden. Die sechs Fremden sind im Ferienlager Solong. Und zu diesem Ferienlager gehört, dass sich jeder der Teilnehmer einen Campnamen gibt.
Drei Tage dauert das Kunstprojekt. Ausgedacht haben es sich zwei Künstler namens Dafna Maimon und Ethan Hayes-Chute.
Maimon ist eine Frau von 35 Jahren, die mit dem lautesten Lachen im ganzen Camp. Sie hat in Amsterdam und New York studiert. In ihren Kunstprojekten geht es oft um soziale Dynamiken in kleinen Gruppen. Es sind Kurzfilme oder Videoclips über einen Freundeskreis in L. A., über Familien und über die Kunstszene in Berlin. "Ich hatte dabei oft das Gefühl", sagt Maimon, "dass eigentlich immer Zeit fehlt. Man schreibt ein Skript. Man setzt es so schnell wie möglich um. Dann ist alles vorbei."
Hayes-Chute ist auch Mitte dreißig. In den vergangenen Jahren hat er viel Zeit damit verbracht, aus zusammengesuchtem Holz Installationen und Skulpturen für seine Ausstellungen zu bauen, bei denen es um Selbstversorgung und Selbsterhaltung geht. Meist handelte es sich um Gebäude. "Ich erstelle Orte, die irgendwo tatsächlich existieren könnten", sagt Hayes-Chute, "bei denen die Besucher sich dann fragen, wer dort leben könnte oder wie es wäre, selbst darin zu leben." Manchmal tritt Hayes-Chute auch in der Rolle eines Heimwerkers in Videos auf und kämpft dort mit Schrauben, Bunsenbrennern und seinen eigenen Fähigkeiten.
Hayes-Chute ist Amerikaner. Maimon ist in Finnland aufgewachsen. Zurzeit leben beide in Berlin.
Maimon hat schon lange ein Projekt in den Gebäuden von Hayes-Chute machen wollen, Hayes-Chute wollte sich in Richtung Performance weiterentwickeln. Camp Solong ist die Fusion ihrer beider Visionen: das Ferienlager als Gemeinschaft mit viel Zeit an einem selbst gebauten Ort. Ende Juni sind die beiden nach Finnland gereist, haben eine Hütte mitten im Naturschutzgebiet bezogen und ihre Tage seitdem mit töpfern und sägen und schrauben und auf Flohmärkten verbracht, also das Camp mit ihren vier Händen aufgebaut.
Auf einer Lichtung neben einem leer stehenden Tanzteepavillon aus den Fünfzigerjahren steht jetzt ein Holzgebäude von der Größe eines Carports. Sechs Stockbetten auf der einen Seite, eine Art Wohnbereich auf der anderen. Mit einem Holztisch und Holzbänken und Holzregalen, in denen Bücher über Spieltherapie und die Geschichte des Camping stehen, außerdem acht selbst getöpferte Becher, acht Teller und Messer und Gabeln und ein selbst getöpferter Buttertopf.
Ein Spazierweg führt direkt am Camp vorbei, das Prinzip kennt man ja von Ikea, langsames Schlendern mit Blick auf einen bis ins Detail perfekt eingerichteten Raum, der sich zugleich bewohnt und unbewohnt anfühlt, nach Alltag und Requisiten. Nur dass hier natürlich keine Möbel ausgestellt werden, sondern Ideen.
An der Holzwand, gedruckt auf Stoff, hängt das Ferienlager-Manifest: "Sei dir bewusst, dass jedes 'Hallo' auch ,Tschüss' bedeutet!", steht da, "Vermeide keine Beziehung zu einem Menschen, einem Tier oder der Natur, nur weil sie eines Tages vorbei sein wird!". Akzeptiere die Endlichkeit. Abschied gehört zum Leben. Darum geht es im Camp Solong.
Denn das Leben ist ja eine immerwährende Aneinanderreihung von Abschieden. Das war es schon immer. Aber vielleicht war es das in Friedenszeiten niemals so sehr wie in unserer Gegenwart mit ihren Kurzzeitverträgen und Dating-Apps. Mit jener verräterisch großen Sehnsucht nach Kontinuität, nach Traditionen und Beständigem, die den Kochbüchern und Landidyllen-Zeitschriften ihre Kunden sichert. Und zu keiner Zeit des Jahres ist die Ahnung von alldem stärker zu spüren als im Sommer.
"So long" ist englisch für "bis bald, auf Wiedersehen, macht's gut". Gerufen auf Parkplätzen, an Busstationen, Flughäfen, Bahnhöfen. Der wahre Lockruf aller Sommerferien. Jeder Abschied von zu Hause ist an eine Hoffnung geknüpft, und jeder Ferienflirt beginnt mit dem Wissen darum, dass binnen Wochen der Abschied naht. Kein Abflug ohne Rückflug. Keine Erinnerungsfotos ohne die Ahnung davon, wie nötig sie bald schon sind. Kofferpacken. Winken. Die Heimat im Rückspiegel. Unvergleichliche Leichtigkeit. Unerklärliche Schwere. Deshalb ist für Maimon und Hayes-Chute das Ferienlager einer der magischen Orte unserer Welt.
Im vorigen Jahr haben sie ihr Camp zum ersten Mal in Braunschweig aufgebaut. In diesem Jahr sind sie in Ekenäs.
Im 90 Kilometer entfernten Helsinki gibt es eine begleitende Ausstellung der beiden, in der ein Museumswärter in der Rolle und Uniform eines Campbetreuers den Besuchern eine Gutenachtgeschichte vorliest und alle paar Stunden Laub zusammenharkt, das ein Ventilator gleich wieder durch den Raum verteilt. Eine Brise Ferienlagergefühl inmitten Helsinkis Designviertel.
Die Besucher der Ausstellung konnten sich für einen Platz im Ferienlager bewerben, außerdem wurden Plätze im Internet ausgeschrieben. Sechs Bewerber haben Maimon und Hayes-Chute ausgewählt, die eines Freitags am Bahnhof des winzigen finnischen Ferienorts Ekenäs ankommen, durch die Fußgängerzone laufen, vorbei am Hafen und ins Naturschutzgebiet, das hinter dem Krankenhausgelände beginnt.
Kristina hat sich aus dem Gefühl heraus beworben, dass die Menschen sich zu oft vor Begegnungen mit anderen fürchten und dass die Normen zu streng seien für das, was als normale Interaktion mit anderen gilt. Simon tut sich so schwer mit dem Loslassen. Salla hat Ferienlager schon als Kind geliebt und sich nach einem für Erwachsene gesehnt.
Und jetzt also: Birken. Mücken. Badesee. Uniformen. Lagerfeuer. Campname. Beim ersten Mittagessen liest Simon auf der Rückseite der Saftpackung seiner Erdbeermilch das Wort Juicer. Das wäre ein schöner Campername. Maike muss an die Poppy-Lemon-Muffins in ihrer Uni-Kantine denken, von denen ihr Freund behauptet, sie seien die schlechtesten überhaupt, und die sie so gern mag. Kristina findet endlich die richtige Antwort auf die Small-Talk-Frage, woher sie denn komme, indem sie sich den Namen del Monde einfallen lässt. Und Salla überlegt, wie es wohl wäre, mit einem Männernamen zu leben, einem wie Rale.
Hayes-Chute und Maimon sind da schon längst Fluffy und Balou, die beiden Campbetreuer, die sich selbst geschworen haben, ihre Trillerpfeifen nur im äußersten Notfall zu benutzen. Camp Solong hat nichts zu tun mit militärischem Drill oder Fahnenhissen. Camp Solong will auch Antwort auf die Frage sein, wie Zeltlager aussähen, die historisch nicht auf militärischen Ideen basieren, sondern auf feministischen. Deshalb ist nichts hier olivgrün, sondern alles in Sonnenuntergangsfarben gehalten. Und deshalb geht es auch viel um Achtsamkeit und Fürsorge.
Die Tage im Camp beginnen mit Frühsport und Pfannkuchen und enden mit Dosenbier und Lagerfeuer. Dazwischen ein tagesfüllendes Programm aus Aktivitäten und Selbsterfahrung und Schwimmen im See.
Alles ist spielerisch. Alles ist bedeutungsschwer. Halb Kindergeburtstag, aber auch halb russischer Roman. So, dass einer der Camper danach schreiben wird: "Ein Teil von mir dachte, dass das Camp ein Gag sein würde, so etwas wie eine Parodie. In diesem Sinn habe ich wohl die Tiefe des Projekts unterschätzt, die mich dann überraschend gepackt hat."
Einmal zum Beispiel ein Ausflug zum See. Natürlich ist es kein normaler See. Sondern das Wasser, in dem emotionaler Sondermüll treibt. Jeder der Camper angelt sich einen Gegenstand heraus. Einen alten Pokal, ein Kuscheltier. Jeder Gegenstand eine unerzählte Enttäuschung. Und natürlich ist es kein echter See und keine echte Angel, sondern ein großes Stück Stoff mit aufgemalten Fischen und ein Eimer an einem Stock.
Einmal kommt abends einer vorbei, der Geschichten erzählt. Die Camper verkaufen Limonade an die Badegäste in ihren Schwimmshorts. Sie führen Gespräche über ihre Ängste. Sie turnen im Gras. Machen Gruppenfotos mit Einwegkameras.
Am letzten Abend präsentiert jeder der Camper seine Geschichte des emotionalen Sondermülls aus dem See. Eine Geschichte, in der er beschreibt, wie die Gegenstände dort hingekommen sein könnten und wer sie verloren hat.
Dann wird das Feuer gelöscht. Dann knarzen die Stockbetten. Dann surren die Mücken, und über Camp Solong leuchten die Sterne, für dieses Mal zum letzten Mal.

Im See treibt emotionaler Sondermüll – jeder Gegenstand eine unerzählte Enttäuschung.

Über die Autorin

Maren Keller, Jahrgang 1983, arbeitet seit 2011 für den SPIEGEL und schreibt über Themen aus den Bereichen Gesellschaft und Kultur. In Finnland hat sie ihre Liebe zu Lakritzeis entdeckt.
Von Maren Keller

DER SPIEGEL 33/2017
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