12.08.2017

TheaterkritikZu Besuch zu Haus

Der Ort als Schicksal und Chance: Judith Kuckarts Passionsspiel „Heimaten“
In der Gastwirtschaft Klocke liegt ein Besoffener quer auf dem Tresen, als hätte ein trauriges Schicksal ihn dort hingeschleudert. Der Kopf des Kerls hängt halb im Gläserspülbecken, die Augen glotzen starr auf den Borussia-Dortmund-Schal an der Gaststubenwand, die Beine lagern auf einem Barhocker. Aus dem Nebenzimmer hört man Klaviermusik. Eine Frau schlurft herbei und berichtet, was sie von dem Tresenmann weiß: "Neben seinem Einkaufswagen, der bepackt ist mit Plastiktüten, stehen Turnschuhe." Da rappelt der Trunkenbold sich auf, zupft seinen schwarzen Anzug zurecht und sagt: "Na, Püppi?" und "Bleibst du über Nacht?".
Die Gastwirtschaft Klocke in Willebadessen ist einer der Spielorte, in denen die Regisseurin Judith Kuckart "Heimaten" präsentiert, im Untertitel: "Erzähltheater". Der besoffene Mann, der im Wirtshaus über den Tresen kippt, wird von Bibiana Beglau gespielt, die durch Theater- und Filmarbeiten mit Frank Castorf und Volker Schlöndorff berühmt geworden ist. Kuckart selbst gibt die Erzählerin. Zu den weiteren Darstellern der Aufführung gehören ein Dutzend Bewohner von Willebadessen, wo 3200 Menschen leben, von denen 1500 aus Ländern wie Russland, Angola, China, Syrien, der Türkei zugewandert sind. "Heimaten" ist auch die Erkundung eines extrem umtriebigen Migrationsschauplatzes mitten in Deutschland.
Judith Kuckart, 58, hat als Choreografin angefangen und sich in den vergangenen gut 25 Jahren als Autorin den Ruf einer scharfsichtigen, sanften Pointillistin erschrieben. In Romanen wie "Der Bibliothekar" (1998) oder "Wünsche" (2013) hat sie auf eindringliche Art von plötzlich hervorbrechenden Sehnsüchten und den kleinen bis mittelgroßen Störfällen des Lebens erzählt. Die meisten ihrer Bücher handeln von Kleinstadthelden. Es hat also eine schöne Logik, dass die in Berlin lebende Kuckart die Magie und das Verhängnis der Provinz beschwört – im hügeligen Irgendwo zwischen Bielefeld und Kassel.
"Da frier ich vor Gemütlichkeit", heißt es in Kuckarts Theaterstück, und "Gott erschuf in seinem Zorn: Paderborn". Zweieinhalb Stunden lang werden rund hundert Zuschauer nach Rattenfängermanier durch die Straßen des Ortes und in das sogenannte Schloss geführt, ein ehemaliges Kloster. Kuckart berichtet von ihrer eigenen Familie; von ihrer Tante Luzie, die in der Hauptstraße von Willebadessen einen Friseursalon führte; Beglau und die junge Schauspielerin Thekla Schulze Raestrup improvisieren Szenen aus dem Leben von Kuckarts Großmutter, einem Dienstmädchen, vor deren Geburtshaus. Man hört Fakten aus der Geschichte der Siedlung, die zu Pestzeiten im 15. Jahrhundert und auf dem Höhepunkt der deutschen Auswanderungswelle nach Amerika im 19. Jahrhundert schon fast wieder entvölkert und aufgegeben war.
In den Zimmern des Schlosses dann berichten heutige Stadtbewohner, was sie nach Willebadessen verschlagen hat: die vor über 30 Jahren aus Angola nach Deutschland geflüchtete Lehrerin Eugenia da Costa, die vor einem Jahr aufgenommene Syrerin Fatema Alkhateeb, die Russlanddeutsche Irina Derksen. Kurze Geschichten von Armut und Krieg – und von der Flucht eines ganzen sibirischen Dorfes über den russisch-chinesischen Grenzfluss Amur.
"Erzählen ist Heimat", sagt die Schauspielerin Beglau irgendwann, und schwärmerisch: "Willebadessen, das ist die Toskana mitten in Westfalen." Doch insgesamt herrscht ein fragender, forschender Tonfall vor. Wie die Dokumentaristen der Theatertruppe Rimini Protokoll arbeitet Kuckart mit Laienexperten, und wie Christoph Marthaler lässt sie halb vergessene Lieder anstimmen. Es sind viele lockere Fäden aus Biografieflusen, Musik und Heimeligkeitsansichten von der Fleischereiauslage bis zum getrimmten Vorgartenrasen, die zu einem fliegenden Teppich aus klugem Sommertheaterspaß verwoben werden.
Gehört den "Sofamenschen" das größere Glück oder den Ruhelosen, den "Wandermenschen"; den Großstädtern oder den Provinzlern? Kuckart mag es nicht entscheiden. Vor der Scholle-Verklärung graust es ihr ebenso wie vor den angeblich total Mobilen, die vorgeben, überall daheim zu sein. Deshalb verkündet sie für sich selbst, dass diese theatralische Expedition keinesfalls eine Rückkehr ins Paradies der eigenen Kindheit bedeuten kann. "Ich komme nicht zurück", sagt sie – aber "vielleicht lernt man hier, sesshaft zu werden in der Sehnsucht".
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 33/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Theaterkritik:
Zu Besuch zu Haus

  • Urteil in London: Lebenslang für U-Bahn-Schubser
  • Waldbrand in Brandenburg: Feuer auf ehemaligem Truppenübungsplatz
  • Kicken für die Karriere: Ein neuer Özil für Rot-Weiß Essen?
  • Hessen: Weltkriegsbombe hinterlässt riesigen Krater auf Getreidefeld