12.08.2017

GESTORBENMARTIN ROTH, 62

Mit seinem Elan verwandelte er, einer der wichtigsten Museumsleute des Landes, stille, auch staubige kulturelle Einrichtungen in beliebte, belebte und zeitgemäße Orte. Er schaffte das in Dresden, wo er das Hygiene-Museum und später ein Jahrzehnt lang die Staatlichen Kunstsammlungen leitete, ebenso in London. Dort führte er seit 2011 als erster Nichtbrite das Victoria and Albert Museum. Wo er den Chefposten übernahm, gewann das Museum Mäzene, begeisterte das Publikum, und es wurde saniert, expandiert, die Strahlkraft massiv erhöht. Im Namen der Kultur und der Kooperation war er immer gerade auf dem Weg, reiste nach Russland, Ruanda, Indien, eigentlich überallhin. Er mochte Aufbrüche oder besser das Ausbrechen aus üblichen Mustern, denn Langeweile, sagte er, sei kein kultureller Wert an sich. Dann begann ausgerechnet er, die Wirkung von Museen infrage zu stellen, in einem Interview, das er 2016 dem SPIEGEL gab. Seinen Ausnahmeposten in London hatte er gekündigt, und er begründete das nun ausführlich. "Man kann so viel schaffen und doch nicht genug erreichen", sagte er, man werde mit Ausstellungen die Welt nicht verbessern. Der Brexit stimmte ihn besorgt, zudem ein "überall erstarkender, aggressiver Nationalismus". Er blickte auch zurück auf das, was ihn geprägt hatte. Roth, 1955 in Stuttgart geboren, hatte den Wehrdienst verweigert, als das noch eine Provokation war. Zu seiner Karriere gehörte zudem, dass er sich nicht nur pointiert bis scharfzüngig in Debatten einbrachte, sondern selbst Kritik auslöste. Ausstellungen in China wurden ihm als Anbiederung an das dortige System vorgeworfen, im Auftrag von Aserbaidschan kuratierte er eine Kunstschau. Er beharrte darauf, man müsse mit denen reden, mit denen sich sonst keiner austausche. Nicht zu reden wäre ein Albtraum, das hatte er auch früher schon gesagt. Im Juni sprach er in einem Interview mit der "Sächsischen Zeitung" von seiner Krebserkrankung. Martin Roth starb am 6. August in Berlin.
Von Uk

DER SPIEGEL 33/2017
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