12.08.2017

Die Augenzeugin„Wie bei den Simpsons“

Kinder haben in einem Atomkraftwerk normalerweise nichts zu suchen. Doch in Gundremmingen bietet Simone Rusch, 53, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit, ein Sommerferienprogramm für Kinder ab zehn Jahren an. Die Plätze für den ersten Termin am vergangenen Mittwoch waren binnen einer Stunde ausgebucht.
"Kinder halten unser Atomkraftwerk mit seinen zwei dampfenden Türmen meistens für eine Wolkenfabrik. Was wirklich hinter dem Zaun passiert, ist natürlich spannend für sie. Viele der Kinder, die ich einen Nachmittag lang durch das Atomkraftwerk geführt habe, fahren täglich im Schulbus an den Dampfsäulen vorbei. Ihre Neugierde hat mich zum Teil richtig ins Schwitzen gebracht. Wie viele Telefone es im Atomkraftwerk gibt, wollte ein Kind wissen. Ich habe 600 geschätzt, weil es 650 Mitarbeiter gibt. Das Highlight war der Besuch im Kühlturm. Er ist nur 1,50 Meter niedriger als das Ulmer Münster. Was in den Kühlturmschwaden drin ist, wissen die Kinder jetzt: gereinigtes Donauwasser. Wir standen im Luftzug, der von draußen nach drinnen zieht, um das Wasser zu kühlen.
Auf die Frage, wie dick die Wände sind, war ich vorbereitet. Die Betonwand um den Reaktor ist einen Meter dick, die Hülle um das Innengebäude 1,20 Meter, und die Außenwand des Reaktorgebäudes ist noch mal fast zwei Meter dick. Deswegen gibt es auch keine Fenster in dem Gebäude. Ich habe mir mit den Kindern per Livekamera den Raum angeschaut, in dem die Brennelemente lagern, und die Schaltwarte, wo der Reaktorfahrer arbeitet. Mit den vielen Schaltern und Monitoren sehe es ein bisschen so aus wie bei den Simpsons, fanden einige.
Das Atomkraftwerk Gundremmingen produziert ein Viertel des bayerischen Stroms. Block B wird allerdings Ende des Jahres abgeschaltet und Block C vier Jahre später. Trotzdem haben wir hier noch jahrzehntelang viel zu tun. Den Kindern habe ich zum Beispiel erklärt, wie man die Radioaktivität von den Anlageteilen wieder runter bekommt. Der Bau des Kraftwerks hat allein acht Jahre gedauert. Wer heute 10 ist, bringt vielleicht in 20 Jahren seine eigenen Kinder zum Sommerferienprogramm ins Kernkraftwerk. Nur die Dampfsäulen, die man sogar von der Zugspitze aus sehen kann, wird es dann nicht mehr geben."
Von Anna Clauß

DER SPIEGEL 33/2017
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