12.08.2017

PrivatfernsehenSpringers Spione

Der Siegeszug des Fernsehens in den Sechzigerjahren hatte eines gezeigt: Wer in Zukunft medial eine Rolle spielen wollte, musste bei den Bewegtbildern dabei sein. Entsprechend setzte Europas größter Zeitungsverlag Axel Springer alles daran, dem „Verlegerfernsehen“ den Weg frei zu machen. Dafür wurde in einer klandestinen Aktion sogar das ZDF ausspioniert.
Seit 1960 waren alle Versuche, in Deutschland ein Privatfernsehen zu etablieren, an Gerichten und der Einigkeit der Parteien gescheitert. Für die Verlage – allen voran den Axel Springer Verlag – war das eine Katastrophe. Zwar hatte die Gesamtauflage der Springer-Druckerzeugnisse bereits die 18-Millionen-Marke überschritten, aber gedrucktes Papier, das war Vergangenheit – die Zukunft spielte sich in den elektronischen Märkten ab, zumal die Staatssender nun auch noch anfingen, Werbekunden zu akquirieren.
Axel Cäsar Springer wollte der Entwicklung nicht tatenlos zusehen. Nachdem die seit Jahren betriebene massive Kampagne gegen die Öffentlich-Rechtlichen ("Bild": "Angeklagt: Das Fernsehen", "WamS": "Missbrauch der Monopolstellung") nicht gefruchtet hatte, versuchte er es mit "einer neuartigen Taktik", er setzte auf Geheimdienst-Methoden und ernannte 1964 seinen Chefjustitiar Hermann Ferdinand Arning zum "Bevollmächtigten für elektronische Publikationsmittel". Ziel der von ihm in Auftrag gegebenen Recherchen: "politische, wirtschaftliche oder persönliche Verfehlungen leitender Angestellter der bestehenden Fernsehanstalten". Über Vertrauensleute wurden ZDF-Mitarbeiter angeworben, die Informationen über öffentlich-rechtliche Geldverschwendung, über Bestechungsvorgänge, aber auch private Vorlieben der Verantwortlichen sammeln sollten. Ausgestattet mit Minox-Kamera und Tonband schwärmten Springer-Spione zum "Aushorchen und Antichambrieren" aus.
Einerseits ging es darum, Material in die Hände zu bekommen, das als "politisches Druckmittel" eingesetzt werden konnte, um den ein oder anderen Ministerpräsidenten "doch noch dazu zu bewegen, die Aufsicht über das Mainzer Fernsehen den Verlegern zu übertragen". Verheißungsvoller aber schien die Aussicht, belastendes Material gegen Verwaltungs- und Redaktionsspitzen des ZDF zu gegebener Zeit zu veröffentlichen.
So erreichten schon bald "Ablichtungen ZDF-interner Dokumente über Fehlkalkulationen" und Dossiers über führende Angestellte den Schreibtisch des Justitiars. Die schon lange kursierenden Gerüchte über Schmiergelder aus der TV-Produzentenbranche konnten konkretisiert werden. Gleich fünf Zeugen berichteten detailliert über einen 50-Millionen-Mark-Deal mit Leo Kirch. An "Dienstwilligen" mangelte es offenbar nicht, so mancher Ausspionierte meldete sich beim Hamburger Zeitungskonzern.
Doch auch das Private wurde nicht vernachlässigt. Über einen ZDF-Abteilungsleiter fand man heraus, dass er, "obwohl verheiratet", mit einer gewissen Fernsehansagerin ein Kind hatte. Ein Redakteur des Senders habe trotz eines nur bescheidenen Monatssalärs "nicht nur ein Verhältnis mit seiner Sekretärin, sondern zudem ein Mercedes-Coupé 300 SE"; zudem mietete er regelmäßig Sportflugzeuge an. Den Beteiligten war durchaus bewusst, dass ihre Arbeit "die Bestrebungen zur Einrichtung eines kommerziellen Fernsehens unterstützen soll." Daher legte man auch größten Wert auf Vertraulichkeit: "Nichts Schriftliches direkt nach Hamburg", lautete die Devise. Alles Wichtige wurde stattdessen auf Band gesprochen.
Im Frühjahr 1967 kühlte sich die Begeisterung der Springer-Führung deutlich ab. Die "Springer-Späher", so schien es, hatten "ihre Schuldigkeit nicht zu allseitiger Zufriedenheit getan". Es sollte noch fast zwei Jahrzehnte vergehen, bis mit dem späteren Sat.1 das Privatfernsehen erstmals auf Sendung ging; mit dabei: Axel Springer.

DER SPIEGEL 33/2017
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