19.08.2017

USAWer Wut sät

Einen Präsidenten, der Neonazis verharmlost, hat es noch nicht gegeben. Für viele Republikaner ist Donald Trump zu weit gegangen. Die Absetzbewegungen werden deutlicher, sie bringen Trump in Bedrängnis wie nie zuvor.
Am Ende eines blutigen Wochenendes, als eine Frau tot ist und viele weitere Menschen verletzt sind, sitzt Christopher Cantwell in einem Hotelzimmer und sagt: "Das war es wert." Cantwell ist einer der Organisatoren des "Unite the Right"-Marsches in Charlottesville, ein Neonazi, der gegen Schwarze, Juden, Einwanderer hetzt. Er war vorige Woche nach Virginia gereist, um gegen den Abriss einer Statue aus dem amerikanischen Bürgerkrieg zu protestieren. Ihm ging es ums Prinzip. Einige von Cantwells Kameraden trugen Stahlhelme und selbst gebaute Schutzschilde aus Holz und Plastik, wie eine Armee von Billigsöldnern.
Cantwell wirkt aufgekratzt, als er einer Reporterin von "Vice News" die Waffen zeigt, die er bei sich trägt, vor laufender Kamera. Ein Schnellfeuergewehr, zwei Pistolen im Gürtel, eine weitere am Wadenhalter, ein Messer, ach ja, und da hinten, Cantwell zeigt auf eine schwarze Tasche, "noch eine AK. Man verliert ja schnell den Überblick über seine Knarren".
Wer Zweifel daran hegt, wie gewaltbereit und fanatisch die Rechten in den USA geworden sind, sollte sich den "Vice"-Film ansehen. Weiße Nationalisten sind da am Vorabend der Demonstration mit Fackeln zu sehen. Privatmilizen in Tarnuniform, offenbar mit automatischen Schusswaffen ausgestattet, Männer mit Hakenkreuzflaggen, Juden- und Schwulenhasser, Faschisten aus sämtlichen Teilen des Landes. Sie alle strömten in das liberale Universitätsstädtchen im ländlichen Virginia.
Es war ein dröhnender, brüllender Aufmarsch der Rechten, 500 Leute, die größte Versammlung von Nationalisten seit Jahren in den USA. Eine Demonstration des Hasses, so eindeutig, dass es keine Zweifel daran geben konnte, wer da durch die Straßen zog. Und dann rast noch ein Auto in eine Gruppe von Gegendemonstranten, gesteuert von einem Anhänger der Rechten. Eine Frau stirbt, die Rechtsanwaltsgehilfin Heather Heyer aus Charlottesville, 19 Menschen werden verletzt. So offensichtlich sind der Fanatismus und die Gewalt, dass kein Politiker lange darüber nachdenken muss, den rechten Horror zu verurteilen und sich davon zu distanzieren, eigentlich.
Aber was macht Donald Trump, der Präsident? Er spricht am Samstag in seinem Golfklub in Bedminster davon, dass "viele Seiten" verantwortlich für die Eskalation seien. Nicht nur die Nazis, auch die Gegendemonstranten hätten zur Gewalt beigetragen, so sieht das Trump. Er stellt Rechtsradikale und deren Gegner auf dieselbe moralische Ebene. Was in Charlottesville geschah, war eine Katastrophe, doch Trump macht daraus einen politischen Skandal, eine Blamage für sein Amt.
Er brauchte bis Montag, um ein offenbar vorformuliertes Statement zu verlesen, in dem er Hass, Fanatismus und Gewalt verurteilte, über die Gleichheit aller vor dem Gesetz und Gott sprach, über die Liebe und Treue aller Amerikaner zueinander. Vor allem aber verurteilte er namentlich den Ku-Klux-Klan, Neonazis und weiße Nationalisten. Sein neuer Stabschef John Kelly hatte ihn dazu offenbar überreden müssen. Doch schon einen Tag später nahm er all das zurück und machte es noch schlimmer.
Seither sind sich Demokraten und Republikaner einig, dass Trump zu weit gegangen sei. Ein Präsident, der die Gewalt von Nazis relativiert, der wissentlich und absichtlich den Schulterschluss mit dem rechten Rand sucht, ist eine nationale Schande. Selbst Trumps engstes Umfeld ist schockiert. Die Absetzbewegungen unter Konservativen sind nun so deutlich und konkret wie noch nie seit seinem Amtsantritt. Und all das, weil sich Trump dazu hinreißen ließ, spontan eine Pressekonferenz abzuhalten.
Als er am Dienstag ins Foyer seines Trump Tower in New York trat, war nur eine Präsentation seiner Pläne zur Infrastruktur geplant. Ein kurzes Statement, so hatten es seine Berater angekündigt. Doch Trump wirkte aufgewühlt, zuvor hatten etliche Journalisten die Lustlosigkeit bemängelt, mit der er den Ku-Klux-Klan und weiße Nationalisten verurteilt hatte.
Der "New Yorker" schrieb spöttisch, Trump habe gewirkt wie das Opfer in einem Geiselvideo, als er sein Statement vom Teleprompter las. Trump war also wütend auf die Presse, die seine Bemühungen nicht schätzte. "Die ,Fake News'-Medien werden nie zufrieden sein. Wirklich schlechte Leute", hatte er zuvor getwittert.
In seinen folgenden Antworten auf Fragen der Reporter, eher ein Wutausbruch, beschuldigte er dann kurzerhand die "AltLeft", die alternative Linke, die ebenso schlimm sei wie die "Alt-Right", die alternative Rechte. Er machte damit nicht nur die Gegendemonstranten schlecht, sondern verharmloste die Gewalt der Nazis. Trump sprach von der Verantwortung "beider Seiten", als meinte er, dass neben den Hassbrüllern und Antisemiten brave Konservative mitmarschierten, die da zufällig hineingeraten waren. Etwas mehr als 20 Minuten dauerte die Pressekonferenz, am Ende war klar, dass der Präsident tatsächlich die Taten von Nazis herunterspielte.
Die beiden früheren Präsidenten George Bush und George W. Bush verurteilten in einer gemeinsamen Erklärung den Hass "in allen Formen". Fünf hochrangige Militärs sahen sich gezwungen, gegen Rassismus Stellung zu nehmen, im direkten Widerspruch zu ihrem Oberbefehlshaber.
Der ehemalige CIA-Chef John Brennan nannte Trumps Worte "jämmerlich", "hässlich" und "gefährlich". Der republikanische Abgeordnete Scott Taylor aus Virginia sprach von einem "Versagen an Führung, das an der Spitze beginnt, mit ihm". Der republikanische Senator Tim Scott aus South Carolina sagte, Trumps "moralische Autorität" sei beschädigt.
Selbst abgebrühte Fernsehjournalisten reagierten mit Fassungslosigkeit. "Wow", stöhnte Jake Tapper auf CNN, sein Kollege bei MSNBC sagte, es sei ihm eiskalt den Rücken heruntergelaufen, als er Trump zugehört habe. Selbst auf Fox News, Trumps Lieblingssender, gab es Stimmen, die von einem "moralischen Bankrott" sprachen.
Trump ist der erste Präsident, der sich schützend vor Rechtsextreme stellt. Die Fähigkeit, Gut von Böse zu unterscheiden, ist ihm entglitten, vielleicht war sie auch nie da. Auch bei anderen Politikern wäre das ungeheuerlich, aber ein amerikanischer Präsident ist mehr als ein Staatschef. Er hat eine Vorbildfunktion in der Welt und sollte mit gutem Beispiel vorangehen, wenn es um die Bekämpfung von Hass und Fanatismus im eigenen Land geht.
Kein Politiker darf sich damit schwertun, Gewalt von rechts zu verurteilen, vor allem dann nicht, wenn Menschen sterben. Wie es aussieht, hat ein traumatisiertes Land zurzeit niemanden im Weißen Haus, der Trost spendet, es hat aber einen Expräsidenten.
Barack Obama twitterte nach den Ereignissen von Charlottesville ein Zitat von Nelson Mandela, eine direkte Reaktion auf Trumps Worte: "Niemand wird geboren, um einen anderen Menschen wegen dessen Hautfarbe, Herkunft oder Religion zu hassen." Dazu stellte Obama ein Foto von sich und lachenden Kindern. Über vier Millionen Nutzer klickten auf "gefällt mir", ein Rekord.
Die Amerikaner haben nicht vergessen, wie Obama vor gut zwei Jahren nach einer Schießerei in einer Kirche von Charleston reagierte. Neun Menschen starben damals, als ein weißer Nationalist das Feuer auf schwarze Gemeindemitglieder eröffnete, noch so eine nationale Katastrophe. Obama sprach von Gnade, von grace, machte eine kurze Pause und fing dann einfach an zu singen: "Amazing Grace". Ein berührender Moment, das auch, aber vor allem die Botschaft an sein Volk, dass in Momenten des Schocks niemand allein ist und alle beisammenstehen. Eine Geste, wie sie Amerikaner von ihrem Präsidenten erwarten, eine Umarmung, ein Trost.
Trump hat genau das Gegenteil getan, er sät den Hass, statt zu versöhnen. Weil er wütend war. Weil er sich missverstanden fühlte. Weil er seinen Gegnern ein lautes "Fuck you" zurufen wollte, vor allem den Journalisten, die ihn, so sieht er das, immer nur kritisieren. Der mächtigste Mann der Welt drückte sich wie ein Nazi-Apologet darum herum, das Übel beim Namen zu nennen – in dem Land, das dabei half, Hitler zu besiegen. So etwas ist beispiellos in Amerika, das zu Recht stolz auf seine Rolle im Zweiten Weltkrieg ist.
Brauchte es einen Beleg dafür, dass der Rassismus mehr als 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei so gefährlich und gegenwärtig ist wie ein Krebsgeschwür – Trump lieferte ihn am Dienstag. Die Spannung zwischen der weißen und der schwarzen Bevölkerung spitzt sich unter diesem Präsidenten zu wie lange nicht.
Die Diskriminierung von Afroamerikanern ist immer noch allgegenwärtig, Schwarze werden häufiger Opfer von Polizeigewalt als Weiße und sitzen überproportional oft im Gefängnis. Rassismus ist der große Schatten, der über den Vereinigten Staaten liegt, auch fast 50 Jahre nach dem Tod von Martin Luther King (siehe Seite 22).
Und es ist nicht nur der historische Rassismus, sondern ein Hass auf alle Minderheiten, den Trump in seinem Wahlkampf entfesselt hat und dessen böse Saat jetzt aufgeht. Seit 2015 hat sich die Zahl explizit antimuslimischer Gruppen verdreifacht, laut einer Statistik des Southern Poverty Law Center, einer Bürgerrechtsorganisation; antisemitische Übergriffe haben zugenommen, genau wie Attacken gegen Muslime und Moscheen.
Dabei fängt die Debatte über Standbilder von Bürgerkriegshelden erst an. Über 700 solcher Denkmäler stehen verteilt im ganzen Land, sie sind zu Symbolen für die Jahrhunderte der Sklaverei geworden, die nie gründlich genug aufgearbeitet wurde und für die sich niemand je entschuldigt hat. Viele Städte haben inzwischen Angst vor Auseinandersetzungen wie in Charlottesville. Baltimore ließ diese Woche in einer nächtlichen Aktion überstürzt vier Denkmäler abtransportieren. Die dunkle Sklavenhalterzeit kracht gerade mit großer Wucht in die Gegenwart der Trump-Ära.
Trump bleibt sich mit seinen Äußerungen treu. Schon Anfang der Siebzigerjahre wurden er und sein Vater vom Justizministerium verklagt, weil sie in New York nicht an schwarze Bewerber vermieteten. Als 1989 vier Schwarze und ein Latino verdächtigt wurden, im Central Park eine weiße Joggerin vergewaltigt zu haben, gab Trump 85 000 Dollar für Zeitungsanzeigen aus und forderte die Wiedereinführung der Todesstrafe.
Er war immer schon aggressiv und vorurteilsbeladen, und das offener als die meisten Amerikaner. In den Achtzigerjahren, als Trump Kasinos in Atlantic City betrieb, mussten sich schwarze Bedienstete angeblich vor ihrem Boss verstecken, sobald er die Spielhalle betrat, so erzählte es ein Angestellter. "Schwarze Typen, die mein Geld zählen! Ich hasse das", soll er damals gesagt haben.
Und später dann: Trumps leidenschaftlicher Hass auf Barack Obama, den ersten schwarzen Präsidenten, sein Furor, mit dem er behauptete, Obama sei im Ausland geboren und damit illegitim im Weißen Haus. Als er selbst kandidierte, lavierte er herum bei der Frage, ob er sich vom Ku-Klux-Klan distanziere. Seine Aussagen von dieser Woche passen in das Bild eines Mannes, der sich in der Gesellschaft von rechten Verschwörungstheoretikern, Rassisten und Antisemiten wohler fühlt als unter seinen eigenen Parteifreunden.
Nach einer Umfrage halten nur 27 Prozent der Amerikaner Trumps Umgang mit Charlottesville für angemessen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass 59 Prozent der Republikaner gut fanden, wie er sich aufführte. Trumps Basis ist beeindruckt.
David Duke, der Exchef des Ku-Klux-Klan, twitterte nach der verheerenden Pressekonferenz vom Dienstag: "Danke, Präsident Trump, für die Ehrlichkeit und den Mut, die Wahrheit über Charlottesville zu sagen und linke Terroristen zu verurteilen." Der rechtsradikale Einpeitscher Richard Spencer schrieb: "Bin wirklich stolz auf ihn." Auch die Anhänger der Alt- Right-Szene sind froh, dass ihr Präsident die verhassten Linken angreift. "Das hat seine Basis elektrisiert", sagt Mike Cernovich, ein Twitter-Star der neuen Rechten.
Selten wurde deutlicher, wie überfordert und hilflos Trump in seinem Amt agiert. Der Präsident, der in Zeiten von Katastrophen das Land vereinen muss, hat eine hypernervöse, verunsicherte Gesellschaft noch tiefer gespalten, das ist die Bilanz dieser Woche.
Seine Irrfahrt hat politische Folgen. In Washington glaubt kaum noch jemand an ein gutes Ende. Die Nähe zum Präsidenten gilt vielen als riskant bis toxisch. Am Mittwochmorgen suchten die US-Fernsehsender vergebens nach Parteifreunden, die ihn verteidigen wollten.
Die Vorstände großer US-Firmen von Merck bis Campbell Soup verließen ein von Trump gegründetes Beratergremium, auch weil das Risiko zu groß geworden war, dass Trump dem Geschäft schadet. "Angeber", twitterte Trump. Für jeden, der seinen Wirtschaftsrat verlasse, schrieb er, habe er mehrere im Ärmel, die nachfolgen wollen. Als am Mittwoch weitere Vorstände absprangen, kündigte Trump die Foren kurzerhand per Twitter auf.
Auch der Graben zwischen ihm und dem republikanischen Mainstream wird tiefer. Verbündete sind fassungslos, wie ihr Präsident gewaltbereite Rassisten in Schutz nehmen kann. Viele zweifeln, ob sie für diesen Präsidenten weiter arbeiten wollen. Gary Cohn, der jüdische Wirtschaftsberater Trumps, sei von dessen Aussagen angeekelt und erschüttert gewesen, heißt es, ähnlich wie etliche andere.
Mächtige Republikaner von Mitt Romney bis Paul Ryan kritisierten Trump. Sein Ausfall verprellt auch all jene, die er bald dringend braucht, wenn er seinen Haushaltsentwurf durch den Kongress bringen muss und Großprojekte wie die Steuerreform angehen will.
Das Problem ist, dass niemand bei den Konservativen einen Ausweg aus dem faustischen Pakt findet, den sie mit Trump eingegangen sind. Wenn sie ihn fallen lassen, haben sie bei den Zwischenwahlen nächstes Jahr kaum Chancen. Die Partei fürchtet sich inzwischen vor einem Präsidenten, der sich niemals kontrollieren lässt, selbst durch John Kelly nicht. Kelly arbeitet seit drei Wochen im Weißen Haus und genießt als ehemaliger Viersternegeneral den Ruf eines strengen, unabhängigen Aufräumers, der selbst unter chaotischen Bedingungen für Disziplin sorgt. Allerdings druckte diese Woche das "Time"-Magazin ein Foto von ihm auf dem Titel, mit der Zeile "Trumps letzte beste Hoffnung". Das ist in Trumps Kosmos gefährlich für Kelly, weil nur einem gestattet ist, auf Titeln zu erscheinen: dem Boss selbst.
Kelly hat die wohl schwerste Aufgabe seiner Karriere vor sich. Während Trumps Pressekonferenz stand er mit verschränkten Armen und gesenktem Haupt einige Schritte vom Präsidenten entfernt wie ein Mann, dem gerade bewusst wird, welches Risiko er eingegangen ist, als er vom Heimatschutzministerium ins Weiße Haus wechselte. In der Lobby des Trump Tower wirkte der General wie unter Schock, erstarrt, fassungslos. Angeblich hatten mehrere Berater versucht, Trump davon abzubringen, sich Reportern zu stellen. Jeder im Weißen Haus weiß, wie gefährlich der Präsident sein kann, wenn er in Rage ist und ohne Manuskript spricht.
Nicht einmal seine Tochter Ivanka und deren Mann Jared Kushner, die in all dem Chaos noch als halbwegs vernünftig gelten, konnten offenbar Einfluss auf ihn ausüben. Dabei hatte sich Ivanka Trump am Sonntag als Erste in der Familie von den Rassisten und Neonazis in Charlottesville distanziert. Enttäuscht sind nun wieder einmal diejenigen, die gehofft hatten, das jüdische Vorzeigepaar aus New York könnte den Präsidenten wenigstens in dieser Frage zähmen.
Nur einer freut sich offenbar: Stephen Bannon, der Chefstratege des Präsidenten. Jener Mann, der Trump dabei half, ins Oval Office einzuziehen. Bannon platzte am Dienstag fast vor Glück, als sich sein Boss der Masse brüllender Reporter entgegenstemmte. Er teilt Trumps Sicht, dass beide Seiten in Charlottesville zur Verantwortung gezogen werden müssten, nicht nur die Rechten. Bannon findet, Trump hätte in dieser Woche gar nicht besser agieren können. Der "New York Times" sagte er, er warte nur darauf, dass linke Aktivisten noch mehr Bürgerkriegsstatuen stürzten. "Ich kann davon gar nicht genug kriegen." Trump werde siegen.
Wer Trumps zunehmende Radikalisierung verstehen will, muss zurückgehen ins Jahr 2011, als er Bannon zum ersten Mal begegnete. Bannon war damals ein wenig bekannter rechter Aktivist und Filmemacher, Trump ein im Politikbetrieb unerfahrener Immobilienunternehmer und Fernsehstar, dessen Quoten langsam sanken. Ein gemeinsamer Bekannter stellte die beiden einander in New York vor. "Der Funke sprang sofort über", schreibt der Journalist Joshua Green in seinem gerade erschienenen Buch "Devil's Bargain", das den Aufstieg Bannons zum Chefideologen im Weißen Haus nachzeichnet.
Green beschreibt die Verbindung der beiden als perfekt, zumindest am Anfang. Der düstere Stratege und der begnadete Populist. Bannon steuerte Trump zwar nie – Trump ist unsteuerbar –, aber er zeigte ihm, dass seine Überzeugungen, in konkrete Politik gegossen, ein großes Publikum finden könnten.
Bannon impfte Trump mit Ideen. "Er stattete Trump mit einem vollständig geformten, in sich kohärenten Weltbild aus, das sich mit Trumps eigenen Gefühlen zu Welthandel und ausländischen Bedrohungen überschnitt", schreibt Green. Der Stratege öffnete dem Populisten ein Universum neuer Angriffsfelder.
Bannon war es auch, der Trump die Themen schmackhaft machte, die zu seinen Hits im Wahlkampf wurden: den Einreisestopp für Muslime, die Mauer zu Mexiko, die Gefahr durch illegale Einwanderer, den Handelskrieg mit China. All das harmonierte mit Trumps Instinkten.
Trotzdem, oder vielleicht genau deshalb gab es immer wieder Gerüchte, Trump wolle seinen Berater loswerden. Bannon wurde mächtiger, als es Trump lieb war. Inzwischen hält der Präsident seinen alten Gefährten für einen narzissistischen Intriganten, von dem es heißt, er würde Insider-Informationen aus dem Weißen Haus an Journalisten durchstechen.
Ganz falsch liegt der Präsident damit nicht. Diese Woche sprach Bannon mit dem "American Prospect"-Magazin über Kollegen im Weißen Haus und erzählte, wen er im Außenministerium gerade loswerden wolle. Die liberalen Globalisten in der Regierung machten Druck auf ihn wegen des Handelskriegs, den er mit China anzetteln will, Gary Cohn verachtet ihn, das Finanzministerium ebenso, Bannon weiß das. "Die machen sich alle in die Hose", sagt er.
Auch Trump hat offenbar wieder gute Laune. Nach seiner Pressekonferenz am Dienstag schien er mit sich im Reinen zu sein. Er habe heiter gewirkt, fast befreit, erzählten seine Berater später. Ein Mann verschaffte sich Luft. Sein Interesse galt ihm selbst, nicht der Nation, die er mit seinen Worten aufwühlte. Am Donnerstag twitterte er über die "wunderschönen" Statuen und Denkmäler aus der Bürgerkriegszeit, die in Amerika stünden und die man nicht entfernen dürfe.
Die Versöhnung der Nation fällt nun anderen zu, Susan Bro zum Beispiel, der Mutter von Heather Heyer, dem Nazi-Opfer von Charlottesville. "Sie haben versucht, durch den Tod mein Kind zum Schweigen zu bringen. Aber ihr habt sie dadurch nur noch größer gemacht", sagte Bro am Mittwoch bei der Trauerfeier für Heather. In ihrer Stimme lag keine Bitterkeit, kein Hass, es schien, als sei Susan Bro in diesen Tagen die Einzige, die den passenden Ton fand. Nicht der Präsident, sondern eine Mutter, die um ihre Tochter trauert.
Twitter: @chrischeuermann

Ein traumatisiertes Land hat zurzeit niemanden im Weißen Haus, der Trost spendet.

Lassen die Republikaner Trump fallen, haben sie bei den Zwischenwahlen 2018 keine Chance.

Über den Autor

Christoph Scheuermann, Jahrgang 1977, ist US-Korrespondent des SPIEGEL in Washington. Zuvor berichtete er für das Magazin aus London. Studium der Politikwissenschaften in Köln und Birmingham, dann Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalistenschule. Sein Buch "Unter Briten – Begegnungen mit einem unbegreiflichen Volk" ist bei DVA erschienen.
Twitter: @chrischeuermann
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 34/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

USA:
Wer Wut sät

  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor