19.08.2017

LeitkulturFeindesland

Alexander Osang fragt sich, wo Zivilcourage beginnt.
Neulich, spätabends, sah ich im Fernsehen, wie der ZDF-Sportreporter Jochen Breyer mit einer dicken Frau in der Uckermark beim Kaffee zusammensaß. Er wollte wissen, was sie an Deutschland störe.
Die Frau sagte: Na, die ganzen Ausländer.
Breyer, der normalerweise Fußballspieler interviewt, blieb freundlich. Er lobte die Laube, und als später die dicke Tochter der dicken Frau mit einem Berg Kuchen kam, lobte er auch den Kuchen. Die Frau erzählte von Muslimen, die Kinder abschlachteten und deutsche Mädchen schändeten. Das wisse sie von Facebook.
Schön haben Sie es hier, sagte Breyer. So idyllisch.
Ich kenne das gut. Man setzt sich in eine Laube, hört einen besorgten Bürger reden, denkt: Um Himmels willen, lobt aber erst mal den Garten. Es ist nicht ganz fair, aber es geht nicht anders, wenn man wirklich wissen will, was da draußen los ist.
Der ZDF-Mann reiste durchs Land, um herauszufinden, was die Deutschen stört. Vor den Wahlen sind Deutschlandreisen bei Journalisten populär. Manche gehen sogar zu Fuß. Ich mache Urlaub in Brandenburg, wo man als Berliner üben kann, sich mit Leuten zu unterhalten, die politisch anderer Meinung sind. Es ist meine kleine Sommerbestandsaufnahme vor der Wahl.
Vor ein paar Tagen traf ich in einer Kaufhalle im Landkreis Dahme-Spreewald drei kräftige, junge Männer, denen ich schon von Weitem ansah, dass wir politisch auf keinen Nenner kommen würden. Sie waren bis zu den Ohren tätowiert, sie trugen festes Schuhwerk sowie schwarze T-Shirts, auf denen in verschiedenen Sprachen zum Kampf aufgerufen wurde. Auf einem stand: Diesmal machen wir es richtig. Sie warteten an der Fleischtheke. Ich stellte mich dazu. Ich wollte eigentlich kein Fleisch, ich wollte nur irgendwie die Stellung halten. Auf einem T-Shirt-Rücken sah ich das Porträt eines SS-Mannes. Darunter stand 36. Grenadier Division. Ich habe später auf Wikipedia nachgeguckt, dass es sich bei der 36. Grenadier Division um die SS-Sturmbrigade Dirlewanger handelte, die gegen Partisanen und die Rote Armee eingesetzt worden war. Das Porträt zeigte Oskar Dirlewanger, einen verurteilten Vergewaltiger. Die meisten SS-Männer der Brigade waren ehemalige Kriminelle. Sie sahen wahrscheinlich so ähnlich aus wie die drei Männer im Supermarkt.
Es ist mir ein Rätsel, wieso jemand ungestraft mit solchen T-Shirts rumlaufen darf.
Wenn Jochen Breyer bei mir vorbeigekommen wäre, hätte ich ihm gesagt: Das stört mich an Deutschland. Kampfhunde, die von Idioten gehalten werden, stören mich ebenfalls. Kampfhunde stören mich eigentlich grundsätzlich. Waffenexporte auch. Würde ich alles verbieten. Ich hätte den drei Männern ihre vier Schnapsflaschen aus dem Einkaufswagen nehmen lassen, anschließend hätten sie sich die T-Shirts ausziehen und jedes bedenkliche Tattoo entfernen lassen müssen. Ohne Narkose. Mitten in diese Überlegungen hinein rief mich eine der Fleischverkäuferinnen nach vorn. Ich bestellte gedankenschnell zwei Geflügelwiener.
Einer der Männer sagte in meinem Rücken: Der Dünne hat vorjedrängelt. Ich drehte mich um wie ein Revolverheld, in Zeitlupe, aber die Männer wurden inzwischen von der zweiten Fleischverkäuferin bedient. Sie bestellten 16 Steaks und hatten damit genug zu tun. Ein Teil von mir hätte sich gewünscht, dass einer der Typen mir zuruft: Hast 'n Problem? Das hätte mir die Gelegenheit gegeben, mein Problem zu erläutern. Hier in einer Brandenburger Kaufhalle. Vor Brandenburger Publikum. Meinen Leuten.
Später dann, an der Kasse, war ich mir nicht mehr sicher, wem das Publikum zugejubelt hätte. Einer der Neonazis grüßte die Kassiererin mit dem Vornamen, sie grüßte zurück, nicht überschwänglich, aber auch nicht widerwillig. Inzwischen hatten die Nazis sechs Schnapsflaschen im Wagen. Einer telefonierte mit Martin. Er sagte: Wir treffen uns beim toten Russen, Martin. Niemand in den beiden Schlangen an der Kasse schaute auf. Auch nicht die beiden Männer, die aussahen, als lebten sie im örtlichen Flüchtlingswohnheim. Sie trugen eine Flasche Klaren im Korb. Wahrscheinlich hatten sie sich bereits an alles gewöhnt, den Schnaps und die Nazis. Sie konnten ja hier nicht weg. Vom Gemüsestand winkte eine alte Frau, die die Nazis wahrscheinlich schon kannte, als sie noch kleine Rabauken waren. Sie winkten zurück.
Ich mag die Kaufhalle. Die Verkäuferinnen erinnern mich an das Personal der tschechischen Fernsehserie "Die Frau hinter dem Ladentisch", die ich als Kind liebte. Dennoch dachte ich daran, sie zu boykottieren. Aber so viele gute Supermärkte gibt es hier nicht.
Meine Zivilcourage meldete sich zwei Tage später. Auf dem Tennisplatz. Ein älterer Mann, der mich gerade geschlagen hatte, erzählte von einem Krankenhausbesuch im Wedding, einem Stadtbezirk, den er gar nicht mehr wiedererkenne. Er habe dort keinen einzigen Deutschen getroffen, was er sehr bedenklich finde. Ich erklärte ihm, dass Berlin eine internationale Stadt sei, ähnlich wie New York, wo ich acht Jahre gelebt hätte. Niemand käme auf die Idee, dass Coney Island nicht mehr zu Amerika gehöre, nur weil dort Russisch gesprochen werde. Es sei ein gutes Zeichen, dass Berlin so attraktiv sei für die Welt. Ein Grund zur Freude. Der Internationalist in mir war hellwach. Ich hielt die große Rede, die alle von Steinmeier erwarten. Auf einem Tennisplatz im südlichen Brandenburg.
Bis ich den Empfänger meiner Adresse an die Welt klarer in den Fokus bekam. Ein gut trainierter, sehr schmaler Mann, ein Arzt, der mich ratlos ansah. Ich räusperte mich und erkundigte mich nach seiner Gesundheit.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 34/2017
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