19.08.2017

SpanienTodesfahrt auf den Ramblas

Wieder hat der Terror zugeschlagen, wieder mit einem Fahrzeug, diesmal trifft es Barcelona – mitten in der Ferienzeit, mitten auf der Flaniermeile.
Es ist ein heißer Augustnachmittag in Barcelona, die Straßen sind voller Touristen, Menschen sitzen in Cafés, die Einheimischen haben gerade ihr Mittagessen beendet, da biegt gegen 17 Uhr ein weißer Lieferwagen von einer Seitenstraße nahe der Plaza de Cataluña in die Ramblas ein, die Flaniermeile der katalanischen Küstenmetropole. Urplötzlich steuert er in eine Gruppe Menschen, die an einer Fußgängerampel warten.
Die Passanten versuchen auszuweichen; der Lieferwagen fährt weiter, im Zickzack auf dem Gehweg, es scheint, als wolle der Fahrer möglichst viele Menschen erwischen. Er rast etwa 700 Meter die Ramblas hinunter, in Richtung Hafen. An Tagen wie diesem sind hier Tausende Menschen unterwegs, dicht gedrängt, als der Wagen angerast kommt, bricht daher Panik aus. Väter und Mütter rennen mit ihren heulenden Kindern davon, Jugendliche, die eben noch scherzend und lachend zwischen den gusseisernen Kiosken getänzelt sind, kreischen vor Angst. Einige retten sich in Bars und Geschäfte, die rasch ihre Rollläden herunterlassen.
Aber nicht alle können schnell genug fliehen, der Lieferwagen reißt Dutzende Menschen zu Boden, er kommt erst nahe den Markthallen der Boquería zum Stehen. Die Bilanz der Amokfahrt, die das katalanische Innenministerium bis zum Redaktionsschluss Donnerstagnacht bekannt gibt: mindestens 13 Tote und 100 Verletzte; auch drei Deutsche und ein Belgier sollen umgekommen sein.
Es ist eine Tat wie aus dem Drehbuch des "Islamischen Staates" (IS), der den Anschlag nur wenig später für sich reklamiert und von seinen "Soldaten" spricht, die den Anschlag begangen hätten. Wieder ist die Waffe ein Fahrzeug, der Verlauf gleicht den Amokfahrten von Nizza und Berlin, von London und Stockholm, die ebenfalls von IS-Anhängern verübt wurden.
"Es hat mit dem Attentat in Nizza angefangen, das aus Sicht der Dschihadisten unglaublich erfolgreich war: 86 Tote", sagt der Terrorexperte Peter Neumann vom Londoner King's College. "Nach Nizza war ein regelrechter Enthusiasmus spürbar, und der IS begann, Anschläge mit Lastern in seinen Publikationen ganz gezielt zu promoten. So entwickelte das eine Eigendynamik, es gab einen großen Nachahmereffekt." Je einfacher, je alltäglicher die Waffe, desto besser, desto größer der Schock. Denn das Signal bei jedem dieser Anschläge ist: Es könnte überall passieren.
"Barcelona ist seit zehn Jahren ein zentraler Dreh- und Angelpunkt der Dschihadisten", sagt Neumann. Er sei daher nicht überrascht, früher oder später habe es zu einem Anschlag in der Stadt kommen müssen. Barcelona liege geografisch günstig – und die Stadt sei ein Touristenmagnet. Man kann hier gut untertauchen, aber man kann auch viele Menschen töten, aus der ganzen Welt, und damit die Saat des Hasses möglichst weit streuen. Die Inszenierung gehört für den IS immer dazu, und nichts erregt mehr Aufmerksamkeit als ein Anschlag an einem Ort, den jeder kennt, an der Uferpromenade von Nizza, vor Westminster oder eben auf den Ramblas.
Unter den Toten und Verletzten dürften viele ausländische Besucher sein, Barcelona ist eines der beliebtesten Reiseziele in Spanien, 30 Millionen Touristen kamen im vergangenen Jahr hierher. Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes, insgesamt 84 Millionen ausländische Besucher erwartet Spanien in diesem Jahr, ein Plus von zwölf Prozent. Der Wirtschaftsaufschwung hängt nicht unwesentlich davon ab. Auch das ist ein Faktor, den der IS einkalkuliert haben könnte.
Der Fahrer des Lieferwagens war Donnerstagnacht noch immer auf der Flucht; zwei Verdächtige, ein Spanier aus Melilla und ein Marokkaner, wurden festgenommen. Ein weiterer weißer Lieferwagen wurde in der Stadt Vic auf halbem Weg nach Frankreich gefunden. Erste Indizien weisen darauf hin, dass der Anschlag mit Bedacht geplant wurde; die Ermittler fanden heraus, dass die beiden Lieferwagen im nahe gelegenen Santa Perpetua angemietet worden waren.
Der spanische König sagte nach der Tat: "Terroristen werden uns nicht einschüchtern." Bürgermeisterin Ada Colau kündigte drei Tage Staatstrauer an und rief die Bürger zu einer Schweigeminute an der Plaza de Cataluña auf. "Barcelona ist eine Stadt des Friedens", sagte sie.

Aktualisierung

Weiterer Anschlag in Cambrils

Seit Redaktionsschluss der gedruckten SPIEGEL-Ausgabe kam es zu einem zweiten Anschlag im Seebad Cambrils, etwa 120 Kilometer südwestlich von Barcelona. Gegen 1.15 Uhr am Freitagmorgen raste ein schwarzer Audi A3 in die Menge auf der Strandpromenade. Sechs Menschen wurden verletzt, eine Frau starb später an ihren Verletzungen. Die Polizei stoppte den Wagen und erschoss die fünf Insassen, die Attrappen von Sprengstoffgürteln trugen. Die Ermittler gehen davon aus, dass diese Tat mit der Mordfahrt auf den Ramblas in Barcelona im Zusammenhang steht. Nach Erkenntnissen der Sicherheitskräfte könnten die beiden Anschläge in Alcanar, der südlichsten Gemeinde Kataloniens an der Grenze zur Region Valencia, vorbereitet worden sein. Dort kam es bereits in der Nacht auf Donnerstag zu einer Explosion, eine Person starb, sieben wurden verletzt. In dem völlig zerstörten Gebäude fand die Polizei 20 Gasflaschen. Der Pass eines Überlebenden der Explosion wurde in dem Amok-Lieferwagen von den Ramblas gefunden. Der Mann, ein Spanier, gebürtig aus Melilla, wurde daraufhin in Alcanar festgenommen. Die Polizei hält es für möglich, dass die Detonation in Alcanar die Attentäter gezwungen haben könnte, ihren Angriff in der katalanischen Hauptstadt vorzuziehen. Die Fahndung konzentriert sich nun auf den gebürtigen Marokkaner Moussa Oukabir, 17. Er hat möglicherweise die Ausweisdokumente seines älteren Bruders Driss Oukabir entwendet, mit denen die beiden Lieferwagen angemietet worden waren. Driss Oukabir stellte sich am Donnerstag der Polizei in seinem Wohnort Ripoll nördlich von Barcelona nahe der Grenze zu Frankreich. Er gab an, seine Papiere seien ihm gestohlen worden. Daraufhin wurde er in Gewahrsam genommen und verhört; noch ist unklar, ob er mit dem Terroranschlag etwas zu tun hat. Ein Freund, ebenfalls Marokkaner, wurde in Ripoll am Freitagfrüh festgenommen; am gleichen Ort wurde auch der Bruder des Audi-Fahrers, ein weiterer Marokkaner, verhaftet.Die Beschreibung, die Zeugen des Attentats von Barcelona vom Fahrer des weißen Lieferwagens gegeben hatten, würden auf Moussa Oukabir passen. Der Täter flüchtete zu Fuß von den Ramblas in die engen Gassen der Altstadt. Er habe keine sichtbare Waffe getragen und sich nicht als Islamist zu erkennen gegeben, so Zeugen. Vor zwei Jahren soll er gesagt haben, sein Ziel sei es, Ungläubige zu töten.Das Auswärtige Amt in Berlin hat bisher 13 verletzte Deutsche bestätigt, von denen einige in Lebensgefahr schwebten. Der katalanische Zivilschutz gab bekannt, dass drei Deutsche, zwei Italiener, ein Belgier und eine Portugiesin unter den Toten sind. Auch 26 Franzosen wurden verletzt, 11 seien in kritischem Zustand, so der französische Außenminister.
Stand: Freitag, 17.30 Uhr
Von Samiha Shafy und Helene Zuber

DER SPIEGEL 34/2017
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