19.08.2017

NordirlandDer Grenzfall

Seit fast 20 Jahren herrscht in der Unruheprovinz Frieden. Der Brexit droht nun alte Wunden wieder aufzureißen. Die britische Regierung legte diese Woche einen ersten Plan vor.
Declan Fearon steht mit einem Bein am Grab, mit dem zweiten in einem anderen Land. "Genau hier verläuft die Grenze", sagt er und zeigt auf eine bemooste Mauer. Sie gehört zur Herz-Jesu-Kirche von Jonesborough, der dahinter liegende Friedhof eigentlich auch. Nur dass dazwischen eine Linie verläuft, die nicht zu sehen ist. Sie trennt die Betenden von den Toten – und seit fast hundert Jahren auch das überwiegend protestantische Nordirland vom katholischen Süden.
Fearon geht hinüber zu einem Grabstein. Gold auf schwarz steht "Brian Fearon" darauf und "Ruhe in Frieden". Sein Sohn schmunzelt: "Nach dem Brexit werde ich sicherheitshalber meinen Pass mitnehmen, wenn ich Dad besuche."
Declan Fearon, 60 Jahre alt, ist ein Katholik mit sanftem Gemüt und hartem Akzent. Er war elf, als seine Heimat quasi über Nacht zum schlimmsten Kriegsgebiet Europas wurde. Damals brach der jahrhundertealte Konflikt um Nordirland wieder auf, das zu Großbritannien gehört, aber von einem Großteil der Inselbewohner als rechtmäßiger Teil Irlands betrachtet wird. In einem 30-jährigen Gemetzel, das Briten wie Iren in grandioser Untertreibung "Troubles" nennen, starben rund 3500 Menschen, Hunderte davon in der Provinz Armagh, wo Fearons Vater begraben liegt.
"Schlechte Tage", sagt Declan Fearon, aber "vorbei, aus, finito". Er betreibt eine Küchenmanufaktur an der Demarkationslinie von einst und verkauft seine Einbauschränke hüben wie drüben. Die Grenze ist offen; wo man gerade ist, lässt sich nur daran erkennen, ob die Briefkästen rot sind oder grün.
Menschen aus dem Norden trinken ihr Guinness im Süden, Eltern aus dem Süden schicken ihre Schulkinder in den Norden. In manchen Häusern schlafen die Bewohner im Norden und putzen ihre Zähne im Süden. Oder umgekehrt. Man stößt hier überall an Grenzen. Ohne es zu merken. "Wir wollen, dass es so bleibt", sagt Fearon. Er ahnt, dass es nicht so bleiben wird.
Seit die Bürger Großbritanniens vor gut einem Jahr mit knapper Mehrheit für einen Austritt aus der Europäischen Union gestimmt haben, ist die Grenze zurück in den Köpfen der Iren. Und künftig wohl nicht mehr nur dort. Verlässt Großbritannien 2019 die Union, verläuft die Landgrenze zur EU von da an mitten durch die irische Insel. 500 Kilometer, rund 300 Straßenübergänge, darunter Brücken, die erst in den vergangenen Jahren mit EU-Mitteln errichtet wurden. "Investing in your future" steht auf den angenieteten Plaketten.
Die Zukunft der Insel aber war schon lange nicht mehr so ungewiss. Erst allmählich scheint der Regierung in London zu dämmern, welche gewaltige Aufgabe sie von ihrem Volk gestellt bekommen hat. Schon für England, Schottland, Wales bedeutet der Brexit Hunderte ungelöster Probleme. Drüben, auf der anderen Seite der Irischen See, finden sie sich alle in potenzierter Form.
Vor allem für die 1,8 Millionen Nordiren droht das Leben nach dem Brexit zu einer Kafka-Erzählung zu werden. Seit dem sogenannten Karfreitagsabkommen, mit dem die Konfliktparteien 1998 eine Art Frieden begründeten, sind sie nicht mehr nur Briten. Die Regierung in Dublin garantiert ihnen auch die irische Staatsbürgerschaft und damit die Zugehörigkeit zur EU. Ein Recht, auf das vor allem die Katholiken im Norden pochen. Nach dem Brexit werden sie EU-Bürger außerhalb der EU sein – zwischen ihnen und ihren Landsleuten im Süden wird eine Grenze verlaufen, die wohl nicht mehr zu übersehen sein wird.
Und das in einer labilen Region, die mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt hat und wo die Frage, auf welcher Seite man steht, über Jahrhunderte mit brutaler Gewalt beantwortet wurde. Bisweilen immer noch wird.
Nordirland ist ein Grenzfall. Selbst Brexit-Minister David Davis räumt ein: "Wir haben das Problem nicht mal ansatzweise gelöst." Das lang erwartete Positionspapier, das die Regierung am Mittwoch veröffentlichte, verriet wenig mehr als guten Willen. Man wolle eine Grenze, die "für Menschen und Geschäfte so durchlässig wie möglich" sein soll und keinesfalls den Frieden gefährden, heißt es darin. Wie das gehen soll, wird nicht verraten. Dabei hat die EU klargemacht, dass Austrittsverhandlungen ohne eine Lösung der irischen Frage scheitern werden. London aber scheint ratlos. Wenn der EU-Austritt für Großbritannien so etwas wie Simultanschach gegen 27 nationale Meister bedeutet, dann ist er für Nordirland dasselbe – mit verbundenen Augen.
In McNamee's Backstube führen Männer mit weißen Hauben ein perfekt einstudiertes Ballett auf. Einer wirft Teiglappen in Blechformen, zwei rütteln sie zurecht. Vier leeren und befüllen den garagengroßen Ofen. 14-mal am Tag, 21 000 Laibe Sodabrot täglich. Gebacken für den irischen und britischen Markt.
"Das ist ein eingespieltes Team", sagt Michael Waddell, der Chef, über sein Ballett, das aus fünf Nationen stammt.
Die Backstube liegt in Crossmaglen, einem nordirischen Grenzdorf, das gerade erst dabei ist, sich von seiner düsteren Vergangenheit zu erholen. Ab den Siebziger-jahren machten republikanische Paramilitärs und die britische Armee den Ort zum Schlachtfeld. Aus der eingebunkerten Kaserne im Stadtzentrum trauten sich Soldaten nur mit Helikoptern heraus, auf Dachstühlen lauerten Sniper, in Paddy Shorts Pub soff sich die Weltpresse Mut an und beschrieb danach den Horror aus dem Herzland der Troubles. Wer konnte, zog weg.
Was der Brexit für McNamee's, heute der größte Arbeitgeber im Ort, bedeutet, erläutert Waddell mit einem Kuchengleichnis: Wenn ein Kunde in einer Filiale im Süden eine Geburtstagstorte bestelle, werde der Auftrag in die Zentrale nach Crossmaglen geschickt. Dort beschäftigt Waddell vier Kuchenbäcker: einen Letten und einen Litauer, die in Nordirland leben, und zwei in der Republik ansässige Kroaten. Das Mehl stammt aus Deutschland, die Margarine aus Belgien, der Zucker aus Frankreich, die Früchte aus Griechenland und der Türkei.
Der fertige Kuchen wird tags darauf über die Grenze transportiert, wo der Kunde ihn in Euro bezahlt. Verbucht wird das Geld im Norden, die Umsatzsteuer zahlt die Firma in Pfund. "Klingt kompliziert?", fragt Waddell. "Ist aber ganz einfach, solange es keine harte Grenze gibt."
Er würde gern mal mit Außenminister Boris Johnson sprechen. Von dem stammt eine der eingängigsten Formulierungen in der an Plattitüden reichen Brexit-Historie: Großbritannien, so Johnson, werde nach dem Brexit seine Kuchen behalten "und selber essen".
Wie Waddell geht es derzeit Hunderten Unternehmern diesseits und jenseits der Grenze: Sie rechnen mit dem Schlimmsten. In 20 Jahren relativen Friedens ist die irische Insel für fast alle zu einem ökonomischen Gesamtgebilde geworden. Mehr als ein Drittel der nordirischen Milch wird im Süden verarbeitet, rund 400 000 irische Schafe werden jährlich im Norden geschlachtet. Selbst die in Dublin ansässige Guinness-Brauerei lässt ihr Bier in Belfast abfüllen. 30 000 Pendler überqueren täglich die Grenze, darunter viele EU-Bürger, vor allem aus Osteuropa.
Scheidet Großbritannien jedoch aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion aus, werden Waren und Güter nicht mehr ohne Weiteres die Grenze passieren können. Menschen erst recht nicht. Schließlich haben die Brexit-Hardliner hoch und heilig geschworen, ihr Land vor der "Masseneinwanderung" aus der EU zu schützen. "Es wird keine Rückkehr zu den Grenzen der Vergangenheit geben", hat Premierministerin Theresa May zwar versprochen. Aber alle fragen sich: zu welchen sonst?
Dass es irgendeine Form von Grenzkontrolle wird geben müssen, ist unvermeidlich. Auch die EU will verhindern, dass amerikanische Chlorhühnchen über den Umweg Großbritannien nach Europa kommen. In London ist die Rede von einer "E-Border", einer technologisch überwachten Grenze. Klingt verführerisch, funktioniert aber nicht, sagt die irische Regierung. Im Übrigen werde man den Briten ganz sicher nicht beim Bau einer Grenze helfen.
So fürchten sich alle vor einem Teufelskreis. Sollte auch nur ein Zöllner in der Region postiert werden, wird er irgendwo untergebracht werden müssen. Und jedes Grenzgebäude wäre ein mögliches Ziel für Hitzköpfe auf beiden Seiten. Es müsste gesichert werden durch Polizisten, womöglich Soldaten. Stück für Stück würde die Grenze wieder sichtbar. Und mit ihr alte Wunden und neue Ziele. Der Weg zur Gewalt ist ein kurzer. Niemand sollte sich täuschen: Auch wenn die Trennlinie zwischen den beiden Irlands heute unsichtbar ist – sie ist immer noch da.
Nirgendwo lässt sich das besser beobachten als in Belfast, Nordirlands Hauptstadt. Dort steht an einem aschfahlen Sommertag Garrett Carr vor einem acht Meter hohen Monstrum aus Stein und Stahl und sagt: "Wenn das keine Grenze ist."
Carr hat Short Strand als Treffpunkt vorgeschlagen, eine katholische Enklave im protestantischen Osten Belfasts. Hier stößt man alle paar Minuten auf Wände, die so hoch sind, dass es sehr viel Mühe kostet, Abfall, Flaschen oder Scheiße auf die andere Seite zu bugsieren. Nordirlands Schönredner haben die Wälle "Peace Walls" getauft, sie zerschneiden die Wohnviertel katholischer Republikaner und unionistischer Protestanten. Es gibt gut hundert davon in der 340 000-Einwohner-Stadt, mehr sogar als vor dem Karfreitagsabkommen. "Aber die neuen sind etwas schöner", sagt Garrett Carr und deutet auf ein zitronengelbes Mauerstück am Woodstock Link. "Hope" steht darauf.
Der 42-Jährige ist ein Grenzgänger. Für sein Buch "The Rule of the Land" hat er die gesamte 500-Kilometer-Linie zwischen Nordirland und Irland abgeschritten, aber nirgendwo hat er so viel Trennendes gesehen wie daheim. "In Belfast zeigt sich, wie grenzbesessen wir sind."
Noch heute, fast 20 Jahre nach dem Friedensabkommen, schicken 90 Prozent von Belfasts Eltern ihre Kinder auf rein katholische oder rein protestantische Schulen. Republikaner und Unionisten heiraten jeweils nur untereinander, feuern unterschiedliche Fußballklubs an, werden auf getrennten Friedhöfen begraben. Und längst nicht jeder landet dort auf natürlichem Weg. Zwischen Juli 2016 und Juni 2017 zählte die nordirische Polizei vier Tote und knapp hundert Verletzte durch paramilitärische Angriffe, 54 Schießereien und 32 "Bombenvorfälle". Anderswo mag die dominierende Form des Terrorismus inzwischen islamistisch sein. Auf der irischen Insel ist sie noch immer hausgemacht.
Der Brexit ist der tückischste Sprengsatz, der in den vergangenen 20 Jahren auf der Insel platziert wurde. Und weit und breit ist niemand zu sehen, der die Lage beruhigen könnte. Seit Januar gibt es in Nordirland keine Regionalregierung mehr. Die katholische Partei Sinn Féin und die protestantische DUP – durch das Karfreitagsabkommen dazu verdammt, eine Koalition zu bilden – sind heillos zerstritten. Jetzt wird die Region von London aus verwaltet, wo die glücklose Theresa May nur deshalb weiterregieren darf, weil sie einen Pakt mit den zehn DUP-Abgeordneten geschlossen hat. Seither schäumen die Katholiken.
Wer kann unter diesen Umständen einen fairen Kompromiss für die irische Frage aushandeln? Und wie könnte er aussehen?
Wenn es nach den nord- und südirischen Katholiken geht, sollte Nordirland einen "Spezialstatus" erhalten, der es der Region ermöglichen würde, gleichzeitig in Großbritannien und der EU zu bleiben. Die Grenze würde in dem Fall durch die Irische See verlaufen, alle Kontrollen würden an den Flug- und Seehäfen durchgeführt – auf der Insel selbst bliebe fast alles wie gehabt. Eine schöne Idee. Aber wohl zu schön, um wahr zu werden.
Damit sie wahr würde, müssten nicht nur London und alle 27 restlichen EU-Staaten dieser Zwitterlösung zustimmen. Sondern auch die fast eine Million nordirischen Protestanten, die meisten von ihnen königstreu bis ins Mark. Für sie wäre jede Lösung, die eine irische Vereinigung wahrscheinlicher macht, Verrat. "Viele von uns haben dem Vereinigten Königreich in Uniform gedient und sind für das Vereinigte Königreich gestorben, das darf niemals vergessen werden", sagt Howard Brooker.
Er sitzt in einem alten Mercedes-Bus am Ufer des Lough Erne, ein perfekter Regenbogen überspannt den See. Es ist eine Landschaft wie aus der Kerrygold-Werbung, sattgrün, einsam, idyllisch. Brooker aber hat ihr den Rücken zugewandt. Er blickt auf ein Farmhaus und erzählt die Geschichte von Doreen, einer jungen Frau, die hier im Februar 1980 von zwei Kämpfern der katholischen Terrorgruppe IRA niedergeschossen wurde. "Weil sie Protestantin war", sagt Brooker. Hinter ihm nicken 30 Menschen betreten. Dann fährt der Bus wieder los – zum nächsten Tatort.
Vier Stunden dauert diese bizarre Tour durch die nordirische Provinz Fermanagh, immer entlang der Grenze. Organisiert hat sie die South East Fermanagh Foundation, gegründet von "Opfern und Überlebenden", die nicht vergessen wollen – und nicht vergeben können. Viele von ihnen sind, wie Brooker, als Angehörige der britischen Armee an die Grenze gegangen.
Für sie gab es hier stets nur einen Aggressor: katholische Terroristen, die den Norden "ethnisch säubern" wollten. Und so erzählt Brooker unermüdlich, wer hier wann von wie vielen Kugeln durchsiebt wurde, während der Bus durch die friedvollste Landschaft zuckelt, die man sich denken kann. Leichen pflastern seinen Weg, und als der Bus spät am Abend wieder hält, ruft Brooker zum Abschied: "Lasst uns nicht vergessen: Wir haben sie geschlagen. Wir haben sie geschlagen!"
Es klingt nicht danach, als würden er und die anderen es einfach hinnehmen, sollte Nordirland jetzt oder in Zukunft auch nur ein Stück näher an den Süden heranrücken. Dann lieber eine harte Grenze. Egal, zu welchem Preis.
Mail: joerg.schindler@spiegel.de
Von Jörg Schindler

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