19.08.2017

GlosseAlles sehende Wollmilchkameras

Warum ich meine 360-Grad-Knipse gern Gassi führe
Es war Liebe auf den ersten Klick. Eine niedliche kleine 360-Grad-Kamera mit zwei riesigen Glupschaugen, eines vorn, eines hinten, knuddelig wie ein Zwitter aus R2D2 und Pandabär. Und so praktisch: Einfach abdrücken, schon fängt die alles sehende Wollmilchkamera die gesamte Szene in 360 Grad ein – meine Freunde vor mir, die Berge hinter mir, das Tal unten und über uns eine Wolke, weiß und ungeheuer oben. Kein Scharfstellen, kein Zoomen, kein Grübeln! Halleluja, die Verheißung von Kodak aus dem Jahr 1888 wird wahr: Sie drücken das Knöpfchen, wir machen den Rest!
Doch heute weiß ich: Der Rest ist die Pest. Ständig stehe ich dumm im Bild herum, weil es nervt, sich vor der eigenen Rundumkamera zu verstecken. Und wo soll ich sie anfassen? Sie besteht ja fast nur aus Linse, und die ist schneller angekratzt als ein Porzellanpüppchen. Die Videolaufzeit ist kurz, die Hitzeentwicklung groß, der Grund einfach: Größere Batterien oder Kühlrippen würden den Rundumblick verbauen. Schließlich die narzisstische Kränkung: kaum Likes auf Facebook. Banausen! Oder liegt diese Missachtung daran, dass selbst Viertausender muckelig wie Maulwurfshügel wirken? Erschwerend kommt hinzu, dass die Menschen im Vordergrund oft kaum von Ameisen zu unterscheiden sind, außer man zählt die Beinchen. Natürlich gibt es auch passende Rundummotive, ungefähr einmal im Jahr. Nicht einmal Innenaufnahmen helfen: Das alles sehende Auge zeigt vor allem Wände und Böden von galaktischen Dimensionen. Wer alles sieht, erkennt, wie öde die Welt eigentlich ist. Trotzdem führe ich meine 360-Grad-Kamera weiter regelmäßig aus, denn bei Fotosafaris entwickeln sich daraus oft angenehme Gespräche, wie beim Gassigehen mit einem Golden Retriever. Muss ja nicht jeder wissen, dass ich die 360-Grad-Bilder nie wieder ansehe.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 34/2017
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