19.08.2017

Nils MinkmarZur ZeitNeue deutsche Kunst

Am besten ist der Moment, kurz nachdem ein ICE-Wagen durch beide Türen zugleich bestiegen wurde: Dann treffen die bunten Haufen der Platzsuchenden in der Mitte des Großraumabteils frontal aufeinander, Ausweichen unmöglich. Die Peinlichkeit. Das Zögern. Das Gemurmel. Der fassungslose Blick, wenn der Pionier der Eintretenden auf sein Gegenüber wie in ein Spiegelbild schaut und sieht, was er selbst nie sein wollte: ein angestrengter, beladener, irre blickender Bahn-Kunde ohne Reservierung und ohne Plan. Dem ein Zwilling den Weg versperrt. Hinter ihnen drängt je ein rüstiger Rentnerverein mit Reservierung. Nun beginnt das allgemeine Herumgefuchtel mit Reservierungen, teils für diesen Zug, teils für gestrige, teils für ganz ausgefallene, von der Bahn bloß erdachte Züge. Paranoia breitet sich aus: Der Sitzende verdächtigt den Suchenden, der Reservierungsinhaber den Spontanreisenden und alle gemeinsam die Bahn.
Die Sache mit der Bahn ist wie die Beziehung zu einem persönlichkeitsgestörten Menschen: Man weiß nie, was kommt. Mal vergisst man die Fahrt noch vor der Ankunft, so glatt lief sie. Mal ist es anders. Dann entwickelt sich das Drama. Es beginnt mit einer merklichen Verspätung, es folgen Überfüllung, Zugausfall, Irrfahrt, Umleitung und totaler Stillstand bei gleichzeitigem Kollaps von Klima und Klo. Das Fahrtziel hat man dann längst vergessen, es geht nur noch ums Überleben. Solche Dramen erinnern an die epischen Bahnfahrten der Kindheit. Damals allerdings beflügelte einen die Hoffnung – und hätte jeder darauf gewettet –, dass Züge, Autos, Flieger erst immer schneller und dann durch neue, elegante Transporttechniken ersetzt werden: dunkelgraue Nachtzüge, die lautlos Paris und Berlin verbinden. Egal, in diesem Sommer spätestens hätte man die Wette verloren.
Jedes Transportmittel kollabiert. Deutschland steht nicht nur politisch, sondern tatsächlich still. Flugreisende gehen jede Reise wie ein Abenteuer an. Einstürzende Flughäfen und bankrotte Airlines rauben jegliches Vergnügen und die Hoffnung auf planbare Ankunft. Die Infrastruktur des Luftverkehrs zeigt ächzend ihre Grenzen. Dafür, dass so viele fliegen wollen und zu so niedrigen Preisen, ist die Sache nicht gemacht, niemand hat das so geplant. Aber natürlich fliegt man, weil die Bahn solch ein Chaos ist. Und die bleibt, wie sie ist, weil immer noch so viele das Flugzeug wählen. Auch der Versuch, einen Pkw zu bewegen, endet diesen Sommer oft in völliger Verzweiflung. In mancher Stadt befindet sich jede breitere Fahrbahn im Zustand einer immerwährenden Baustelle, als wäre es ein Wettbewerb oder plötzlich illegal, die Straße intakt zu lassen. Man kommt eh nicht weit, denn Staus sind zur neuen deutschen Kunstform geworden, im Stile von Bayreuth: episch, imposant und sehr, sehr lang.
So wird der Verkehrsminister zum Guru einer neuen Achtsamkeit. Schon wenn man die Tasche packt, hört man Dobrindt flüstern: Ist das wirklich nötig? Reise besser zu dir selbst.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.

DER SPIEGEL 34/2017
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