19.08.2017

SommerDas Geheimnis der Glut

Erhitzung, Gewalt, Revolte – aber auch lichte Tage am See, Kindheitsglück und Sehnsucht nach einem anderen Leben: das Porträt einer zwiespältigen Jahreszeit. Von Georg Diez
Der Sommer ist der Anarchist unter den Jahreszeiten. Er ist Sonne, Hitze, Haut, ist Leere, Liebe, Langeweile, ist Kindheit und Jugend und Regennachmittage, ist gestohlene Küsse, Revolutionen und Ausbrüche von Gewalt, der Sommer ist ein Flirren vor den Augen, bis alles verschwimmt. Wer den Status quo schützen will, der sollte den Sommer unter Extremismusverdacht stellen oder einfach verbieten.
Denn der Sommer bringt die Verhältnisse durcheinander, erotisch, biografisch, politisch, es ist eine Zeit der Ferien und der Verwüstungen, in der Dinge passieren, die sonst nicht passieren würden, Freundschaften, Liebschaften, Aufstände, Kriege, Morde. Alles scheint möglich, alles ist erlaubt. Lange Nächte, Menschen auf den Straßen, die Lust, die Wut. Freiheit kann auch gefährlich sein.
Albert Camus erzählt davon, der Philosoph der Freiheit, der Sonne, des Sommers und der Sinnlosigkeit, der seinen Romanhelden Meursault so lange in der Mittagshitze am Strand herumirren lässt, bis der durchdreht und einen sinnlosen Mord begeht, einen der berühmtesten Morde der Literaturgeschichte und des Sommers überhaupt, ein Fanal des Augenblicks und der Tat, die alles zerreißt.
"Ich ging langsam in Richtung der Felsen und fühlte meine Stirn unter der Sonne anschwellen", schreibt Camus in "Der Fremde". "Und jedesmal, wenn ich ihren starken heißen Atem auf meinem Gesicht fühlte, biß ich die Zähne zusammen, ballte die Fäuste in den Hosentaschen, spannte mich ganz an, um die Sonne und diesen aufdringlichen Taumel, den sie über mich ergoß, zu bezwingen."
Meursault gibt dem Taumel nach, er erschießt den Araber, der einsam am Strand liegt, "die Hände unter dem Nacken, den Kopf im Schatten des Felsens, mit dem Körper ganz in der Sonne". Die Offenheit und Bedrohung des Lebens verdichten sich in diesem Bild der Begegnung am Meer. Der Strand als Drama, der Strand als existenzieller Nullpunkt, an dem das Leben seinen Anfang und sein Ende nimmt. Es sind Romane wie "Der Fremde" oder "Bonjour tristesse" von Françoise Sagan, in denen die Sehnsucht universell wird, aber auch die Gefahr, kulturell kodiert und ohne direktes persönliches Risiko konsumierbar.
Doch der Sommer hat auch eine andere, eine dezidiert politische Dimension, es ist eine Jahreszeit der gesellschaftlichen Gewalt und der Kriege, und diese spezielle Sprengkraft der Sonnenmonate, diese Wucht, erweist sich gerade wieder, wie ein historischer Flashback, bedrohlich, manichäisch, hitzegetrieben.
Da ist das Kriegsgetrommel des von Vernunft und Verantwortung völlig losgelösten amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der "fire and fury" beschwört, Feuer und Vernichtung für Nordkorea, und dass der Erste und der Zweite Weltkrieg in heißen Sommern begannen, gibt der nur scheinbar tölpelhaften, mit realpolitischer Ranküne aufgeladenen Rhetorik eine dräuende Dringlichkeit.
Denn es war der August 1914, als junge Männer in ganz Europa singend und euphorisiert mit ihren Tornistern an die Front zogen, um sich gegenseitig abzuschlachten. Die Bilder sind noch wach im kollektiven Gedächtnis des Kontinents, könnte man meinen, die katastrophale Kettenreaktion eigentlich auch, was damals begann, hallt bis heute nach.
Und es war der Sommer 1939, der Nachsommer schon fast, als am 1. September Hitlers Panzer nach Polen rollten und der Startschuss fiel für die beispiellose Hybris, die im Holocaust endete. Die beiden Kriege rahmen diesen Monat ein, August, der das Herz des Sommers bildet, blutig, pochend, wild.
Es war auch im August, als der Prager Frühling niedergeschlagen wurde, am 21. August 1968 zerstörten russische Panzer die Hoffnungen einer ganzen Generation, die sich aufgebaut hatten über viele Jahre und auch jahreszeitlich, Mai, Juni, Juli, als die Möglichkeiten noch strahlend schienen, bis zum brutalen Ende, 500 000 Soldaten und Panzer auf dem Altstädter Ring in Prag.
Und es war im August, als die Gezi-Proteste in der Türkei gewaltsam beendet wurden, sie hatten in Istanbul im Mai 2013 begonnen, der Park, die warmen Nächte, die Romantik der Revolution, die Wut einer ganzen Generation. Die ersten Toten gab es im Juni, die Massenproteste vereinten zeitweise 2,5 Millionen Menschen, die Gewalt der Regierung zerstört auch hier die Hoffnung einer Stadt, eines Landes, der Welt, die Camps werden geräumt, zum Ende des Sommers ist der Protest vorbei.
Der Sommer also als Schauplatz von Umbrüchen, die vorher begannen und hinterher weitergingen. Diese Dinge passieren nicht, weil es Sommer ist. Aber sie passieren im Sommer. Die Hitze, die langen, schönen, leeren Tage sind Auslöser, sie sind nicht Grund der Veränderungen. Die Logik der Geschichte ist nicht linear. Die Logik der Gewalt ist es ebenfalls nicht.
Daran erinnern auch die Bilder aus Charlottesville, die Fackelmärsche, die bürgerkriegsähnlichen Zustände. Es sind Bilder, die von dem verdrängten, vergessenen Rassismus erzählen, der die amerikanische Gesellschaft immer noch durchdringt – es sind Bilder, die direkt auf andere Bilder verweisen, die vor 50 Jahren gemacht wurden, als die USA von Rassenunruhen erschüttert wurden, damals, im heißen Sommer des Jahres 1967, der für manche auch der Sommer der Liebe war.
All die Widersprüche, all die Energie dieser Monate waren damals greifbar, die Sehnsucht nach einem anderen Leben, eine bunte Utopie – und andererseits die Wut, die Verzweiflung, der Widerstand gegen eine Ungerechtigkeit, die die Sklaverei mit anderen Mitteln fortzusetzen schien.
Das eine, was in diesem Sommer geschah in San Francisco, im Stadtteil Haight-Ashbury, war eine Erschütterung der amerikanischen Gesellschaft von innen – gegen Konformismus und Konsumdruck, gegen Hierarchien und Karrieren, gegen Autorität und den Staat, gegen die Vorstellungen von Liebe und Leben, wie sie die Eltern und deren Eltern recht einfallslos übernommen hatten.
Es war also, mit LSD, Happenings, turn on, tune in, drop out, be sure to wear some flowers in your hair, eine Revolte der Jugend im Zeichen der Liebe und des Lifestyle – der vor allem weißen Jugend allerdings, denn die Revolte der schwarzen Jugend, in anderen Teilen der USA, war weit weniger friedlich oder selbstbezogen oder spirituell motiviert, sie war echter Kampf und Krieg.
In Detroit etwa, wo die Unruhen am 23. Juli damit begannen, dass die Polizei eine illegale Bar räumte – gefeiert wurde die Rückkehr zweier GIs aus Vietnam, festgenommen wurden 82 Partygäste, alle schwarz. Es war der Funken, der in diesem heißen Sommer die Explosion bedeutete. Fünf Tage dauerten die Straßenschlachten, es waren Panzer und Soldaten in den Straßen, 43 Menschen starben.
Der Gouverneur von Michigan nannte es einen "Aufstand", Präsident Lyndon B. Johnson hatte Truppen nach Detroit geschickt, als wäre die Stadt in Vietnam, 2000 Gebäude wurden zerstört. Es war Weiß gegen Schwarz. Die Diskriminierung, die Armut, die Chancenlosigkeit, der tägliche und der strukturelle Rassismus, all das brachte die USA an den Rand des Bürgerkriegs, so schien es in diesen Sommertagen 1967, dem Gegenstück zum Sommer der Liebe, der Sommer der Wut – diese Bilder und diese Erinnerungen kommen heute wieder hoch durch den Neonazi-Aufmarsch von Charlottesville, die Fackelzüge, die Gewalt.
Es gab auch damals, 1967, Straßenschlachten und Tote, Mitte Juni in Cincinnati, Mitte Juli in Newark und in vielen anderen Städten der USA. Die Getto-Politik der amerikanischen Regierungen war in ihrer fatalen Wirkung zu besichtigen, und James Brown lieferte den Soundtrack der jugendlichen Wut: "Cold Sweat" hieß der Song, mit dem er sich dem Aufruf des Produzenten Clyde Otis widersetzte, der schwarze Sänger dazu aufgerufen hatte, doch bitte milde Balladen zu singen, damit sich die Stimmung nicht noch weiter verschärfe.
James Brown erfand den Funk mit diesem Song, er brach mit dem soften Rhythm and Blues und brachte den Sex, die Wut, die Revolte in die Musik. "Say It Loud", sang er im Sommer darauf, "I'm Black and I'm Proud". Die kulturelle Form des Protests im 20. Jahrhundert, die Musik von Blues und Jazz bis zu Funk und Punk und Rap, hatte in diesem Sommer eine neue Stufe erreicht.
An der Westküste passierte etwas Ähnliches, beim Musikfestival von Monterey, einem der Schlüsselereignisse des "Summer of Love", wo unter anderem The Who, The Grateful Dead und The Jimi Hendrix Experience auftraten: Hier formierte sich eine klare Gegenposition zur Gesellschaft der Nachkriegszeit, allerdings im Ende weniger klar politisch und mehr lebensweltlich, kulturell, weicher. Die schwarze Wut war härter, und sie wurde härter unterdrückt – erst zusammengenommen ergibt sich aus Hell und Dunkel das wahre Bild des Umsturzsommers von 1967, die Janusköpfigkeit dieser Jahreszeit, aus der Hitze geboren.
Und es gibt sogar wissenschaftliche Studien, die diesem Zusammenhang nachgehen, zwischen Hitze und Gewalt: Eine im amerikanischen Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlichte Untersuchung versucht zu belegen, dass es eine direkte Verbindung gibt zwischen einer Veränderung der Temperatur und der Wahrscheinlichkeit von Krieg, Revolution, Umsturz.
Jeder Anstieg der Temperatur erhöht danach die Gefahr von Morden, Schlachten, Bürgerkrieg. Für Äquatorialafrika steige mit einem halben Grad die Gefahr gewalttätiger Auseinandersetzungen um 11 bis 14 Prozent – wenn man nun davon ausgeht, dass bis Mitte des Jahrhunderts die Temperatur weltweit infolge des Klimawandels um etwa zwei Grad ansteigt, würde das für Afrika eine 40 bis 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit bedeuten, dass es zu Krieg kommen werde, so Edward Miguel, Wirtschaftswissenschaftler der Universität von Kalifornien in Berkeley und Koautor der Studie. Der Sommer wird, wenn man dieser Logik folgt, in den kommenden und weltweit immer wärmeren Jahren womöglich extremer, noch extremer, als er es eh schon ist.
Auch das gehört zur großen Erzählung, die der Sommer ist, voller Metaphorik, die eine eigene Realität erschafft, der Mythos des Sommers, der Ereignisse und Emotionen erzeugt, das Versprechen, die Verweigerung, die Aufladung und Entladung, das große Gewitter. Der Sommer ist immer beides, Fanal und Fest, Party und Protest: die Love Parade und der Christopher Street Day als friedliche Beispiele – der Sommer ist die Jahreszeit der Jugend, und die Jugend erfindet sich selbst im Sommer.
"Der Sommer hatte mich mit der ganzen Gewalt seiner Hitze in den Sand gedrückt", schreibt Françoise Sagan in ihrem Roman "Bonjour tristesse", der von beiläufiger Lust handelt und von einer müden Intrige, aus der ein Reigen des Begehrens wird mit Todesfall – "etwas in mir war mit sanftem Schmerz zerrissen. Ich wandte ihm den Kopf zu. Er blickte mich an. Und ich begann ihn zu sehen, wie er war".
Es ist eine sehr französische Sicht auf den Sommer, die hier durchscheint, der Strand als Ort der Verführung, zum Tod, zur Liebe, die Flüchtigkeit des Strandes. In Frankreich, wo der Beginn des Sommers als rituelle Autokarawane mit Massenstau zelebriert wird, schwingt da immer die Sehnsucht mit nach einer leicht verschwenderischen Eleganz, wie Brigitte Bardot sie verkörpert hat, eine hedonistische und erotisch aufgeladene Gegenwelt zur bürgerlichen Ordnung.
Andere Länder haben andere Sommererzählungen, der schwedische Sommer etwa, der karge, nachthelle nordische Sommer, der eine Art Gegenmodell ist zum französischen Verführersommer – es ergibt sich aus diesen Geschichten ein europäisches Panorama der verschiedenen gesellschaftlichen Aggregatzustände.
In Skandinavien ist Licht das große Thema, die Sehnsucht nach Licht nach den langen dunklen Winternächten, die Freude und die Feier des Lichts in der Mittsommernacht – und die Erkenntnis, dass danach die Tage schon wieder kürzer werden und das Versprechen des Lichts langsam erlischt. Eine Melancholie macht sich breit, die besonders die Geschichten des skandinavischen Sommers durchzieht, die Jagd nach dem Hellen, die in der schwedischen Metaphorik auch immer eine Geschichte des Todes erzählt.
Davon ist etwa Tove Janssons "Das Sommerbuch" geprägt, einer der schönsten Romane über die Verwandlung von Leere und Langeweile in Leben, wie es in dieser Jahreszeit bevorzugt passiert: Jansson erzählt von einer Großmutter und ihrer Enkelin, die Mutter ist gestorben, der Vater sehr abwesend, und die Tage sind erfüllt vom Spiel in der Natur, vom Reden über Moos, den Geisterwald und Preiselbeeren, die beiden sitzen in der Abenddämmerung und sehen den Zugvögeln zu.
"Sie fingen an, im Moortümpel zu bauen", das ist der schlichte und schöne Sommerklang dieses Buchs. "Sie errichteten die Piazza San Marco auf Pfählen, indem sie viele kleine Holzpflöcke hineinsteckten und mit flachen Steinen bedeckten, sie zogen noch mehr Kanäle und bauten Brücken darüber. Die Waldameisen wanderten über die Brücken hin und her, und unter den Brücken glitten die Gondeln im Mondschein dahin."
Es sind Kinderwelten, die hier aufgeblättert werden, wie in den Klassikern von Astrid Lindgren, "Wir Kinder aus Bullerbü" etwa, und auch das ist ein Unterschied zur französischen Sicht auf den Sommer, der deutlich mehr von der Erwachsenenperspektive geprägt ist und der Frage, was man an Unschuld verliert, wenn man die Jugend hinter sich lässt.
Und auch diese Differenz bietet eine sehr europäische Erfahrung – das Nachdenken über den Sommer ist in Europa damit auch ein Nachdenken über kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten, ist automatisch politisch und schärft den Blick für die sozialen Dimensionen und die Macht des Ökonomischen gerade, wenn es um so etwas vermeintlich Unpolitisches geht wie Ferien.
Auch der deutsche Sommer ist ein Spiegel der Realität des Landes und eröffnet einen Blick auf das Selbstbild und die Widersprüche dieser Nation. Er ist zerklüfteter, dieser Sommer, weniger einheitlich, weniger mythologisch aufgeladen als andere europäische Sommer, er ist pragmatischer und auch föderalistischer.
Es gibt keinen gemeinsamen Rhythmus des Sommers über die einzelnen Bundesländer hinweg, wenn die einen anfangen mit den Ferien, gehen die anderen schon wieder zur Schule. Es gibt auch keinen wirklichen Schwerpunkt, kein Zentrum, wie es die Mittsommernacht in Schweden ist, der 4. Juli für die USA, mit Picknick und Feuerwerk, oder der 14. Juli in Frankreich, der an das sommerliche Revolutionsdrama von 1789 erinnert. Es gibt in Deutschland eher die düstere Verbindung zur August-Begeisterung von 1914, als die Männer dieses Landes marschierten, um Europa zu unterwerfen oder wenigstens den "Erbfeind" zu massakrieren.
Die deutschen Sommerbücher der vergangenen Jahre waren deshalb wohl auch nicht leicht oder beschwingt, sie handelten von einer Zeit vor der Katastrophe, wie Florian Illies in seinem Buch "1913. Der Sommer des Jahrhunderts" erzählt, oder von einer Welt vor dem Verschwinden, wie es Volker Weidermann in "Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft" tut. Der Krieg, das zeigen diese beiden Bücher, bleibt die bestimmende Sommermetapher dieses Landes.
Und so ist das Bild der Sommer-Deutschen im Ausland dann auch – wenig überraschend – das von Invasoren geblieben, die mit Handtüchern statt mit Haubitzen ankommen und sich den Platz nehmen, den sie brauchen, unangenehm eingeengt in der Mitte Europas. Die Schichtungen des expansiven Drangs sind dabei immer auch Spiegel dessen, was das Land prägte, wie es mit sich rang und wie es sich veränderte.
Erst sangen sie Käfer-fahrend in den Fünfzigerjahren "Pack die Badehose ein" und versuchten, ihre auch kulturelle Unsicherheit nach dem Krieg durch die affirmative Aneignung der Fremde zu überspielen, was sich in einer etwas einseitigen Italienbegeisterung ausdrückte. Dann brachen die enttäuschten Revolutionäre der Siebzigerjahre nach Griechenland auf, um dort auszusteigen und ein Leben mit sich im Reinen zu führen. Und seit der Wiedervereinigung ist der Urlaub wieder eine nationale Sache, von der Ostsee bis zu den Alpen.
Judith Hermanns "Sommerhaus, später" fand dann 1998 einen Ton für eine neue Nachwendegeneration, die viel gesehen hatte und wenig wollte. "Die Abende waren warm, wir zählten unsere Mückenstiche, und ich brachte ihr bei, auf einem Grashalm zu blasen. Der Sommer war eine Kette aus hellen, blauen Tagen, ich tauchte in ihn hinein und wunderte mich nicht. Wir verbrachten die Nächte in Sonjas Wohnung, durch deren hohe, große Fenster man die Spree sehen konnte, wir schliefen nicht miteinander, wir küßten uns nicht, wir berührten uns kaum, eigentlich nie."
Selbst im Sommer steckt keine Energie, die Lethargie, die diese Jugend erfasst hatte, mündete dann in das Biedermeier, das manche mit der Firma Bionade verbanden. Dabei waren deutsche Sommer oder deutsche Sommersehnsucht eigentlich immer genau das: kleine Fluchten in den Schrebergarten oder zum Baggersee, größere Fluchten in gegenkulturelle Utopien am Mittelmeer, Rentnertrecks nach Spanien. Und selbst Mallorca, einerseits echtes Pauschal- und Rambazamba-Klischee und andererseits von Naturfreunden so geliebt, wurde zu einer biografisch widersprüchlichen Gegenwelt, wie der Journalist Alexander Gorkow in seinem gerade erschienenen autobiografischen Buch "Hotel Laguna" erzählt – doch auch hier lassen Krieg und Vergangenheit die Deutschen nicht los.
"Im Sommer 1952 lernte er am Strand auf Elba den Juden Edmondo Lanzmann kennen, einen Architekten und Casanova aus Mailand", schreibt Gorkow über seinen Vater, der auch Jude war. "Im Sommer 1959 lernte mein Vater am Strand von Zandvoort gemeinsam mit meiner Mutter die Jüdin René Hennis und ihren Mann kennen, deren Eltern keine fünfzehn Jahre zuvor vergast worden waren, sie wurden Freunde." Was für eine Heiterkeit wäre das, die sich über solche Sommer legte, in solch einer Zeit?
Sie kam 1967 nach Mallorca, die Familie Gorkow, und die kleine Bucht von Canyamel zwischen Cala Ratjada und Son Servera im Nordosten der Insel wurde für den Sohn zum Paradies seiner Kindheit. Das Buch beschreibt damit nicht nur eine exemplarische Geschichte dieser Generation der heute 40- bis 50-Jährigen, es erzählt auch von der Zeit, in der der Sommer demokratisiert und in gewisser Weise neu erfunden wurde.
Vor dem Ersten Weltkrieg noch war das Reisen in den Süden ein Privileg für wenige gewesen. Die Tradition war von der Oberschicht geprägt, die allerdings meistens nicht den Strand suchte oder die Sonne, sondern eher die Kathedralen und Tempel der alten Welt. Wer braun gebrannt war, musste offensichtlich arbeiten, wer weiß blieb und hellhäutig, der konnte sich den Schatten leisten.
Erst in den Zwanzigerjahren entdeckten jene, denen ihr Reichtum die Langeweile oder den Spaß oder beides finanzierte, dass die Sonne ihren Reiz hat, und zogen an den Strand. Ein berühmtes Beispiel dafür und ein Sittengemälde jener Übergangszeit ist F. Scott Fitzgeralds Roman "Zärtlich ist die Nacht", der an dem "freundlichen Gestade der französischen Riviera" beginnt, eine Erfindung der Engländer des 19. Jahrhunderts.
"Ehrerbietige Palmen kühlen seine gerötete Stirn", so beschreibt Fitzgerald diesen Ort, an dem eine, natürlich, Dreiecksliebesgeschichte beginnt, "und ein kurzes, strahlend weißes Stück Strand liegt ihm zu Füßen. Neuerdings kommen prominente und mondäne Gäste hierher zur Sommerfrische; noch vor einem Jahrzehnt stand es, wenn die englische Klientel im April gen Norden gezogen war, praktisch leer."
Was sich verändert in dieser Zeit, das ist die Massengesellschaft, die das Leben und die Träume der Menschen mehr und mehr bestimmt. Und nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Wohlstand sich ausbreitete und die Autos die friedliche Eroberung Europas ermöglichten, als die Fremde ihren Schrecken verlor und die Freizeit zu einer Art demokratischer Ideologie wurde, in den Fünfzigerjahren ist der Sommer endgültig zum gesellschaftlichen Sehnsuchtsort geworden.
Der Sommer also als Bild des Lebens überhaupt, ein zwiespältiger Höhepunkt, an dem sich wichtige Dinge entscheiden: Wer war ich? Wer will ich sein? Wer werde ich sein? Sommer als die Veränderung, die das Menschsein ausmacht, Sommer als Schlüsselzeit, metaphorisch und real.
Das ist das Problem: Was im Sommer beginnt, muss den Herbst und den Winter überdauern. Was von der Hitze befeuert wird, muss die ersten Stürme überstehen. Wenn also der Frühling die Hoffnung ist und der Sommer die Tat, dann ist der Herbst die Autorität, die sich der Dinge wieder bemächtigt. Schluss jetzt, sagt der Herbst. Es folgt der Winter.
Zurück bleiben Erinnerungen, an die Küsse, an den Strand, an die Musik, an die Wärme, an die Menge, an die Bewegung, an das Wogen, an den Protest, an die Macht, die wankt. Zurück bleiben das Erbe und das Vermächtnis der Tat: Es kann jederzeit wieder beginnen, der nächste Sommer kommt bestimmt, das ist der Rhythmus des Lebens.
Ob damit die Sehnsucht der Menschen nach dem Strand sogar evolutionsbiologisch zu begründen ist, also als eine Art Wallfahrt zu dem Ort, aus dem alles Leben entsprungen ist, das Handtuch als Betteppich und der Sonnenschirm als Minikapelle? Etwas sehr Ursprüngliches und damit zivilisatorisch Bedrohliches birgt dieser Ort auf jeden Fall, der Strand, an dem Camus' Tat geschah, diese Jahreszeit, die den Anarchisten im Menschen hervorbringt.
Der Sommer ist das Leben in der Möglichkeitsform. ■

Der Sommer 1967 war ein Sommer der Revolte – der Sommer 2017 ist ein Sommer des Rassismus.

Krieg, Rebellion, Umsturz – der Sommer bringt die gesellschaftlichen Widersprüche ans Licht.

Von Georg Diez

DER SPIEGEL 34/2017
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