19.08.2017

Der AugenzeugeIn die Luft gesprayt

Haarspray galt bisher nicht als der gefährlichste Gegenstand im Haushalt. Doch Ingo Nestler, 57, Kreisbrandmeister im Landkreis Meißen, musste feststellen, dass schon eine Dose ausreicht, um ein ganzes Wohnhaus in die Luft zu jagen. Im sächsischen Weinböhla explodierte ein Spray-Luft-Gemisch im Bad.

"Es war ein verrücktes Wochenende. Erst hatten wir einen Großbrand in einer Fabrik, dann wollte ich eigentlich gemächlich zum Wettkampf der Kinderfeuerwehr. Doch um 6.22 Uhr am Samstag ging der Piepser los: Brand mit Explosionsfolge in Weinböhla. Nach 25 Minuten war ich dort. Ich stand vor einem Trümmerfeld, wie ich es noch nicht gesehen hatte. Das Fachwerkhaus war zur Hälfte eingestürzt, das Dach zum Teil abgedeckt. Eine 78-jährige Frau im Erdgeschoss blieb unverletzt, eine 55-Jährige aus dem Obergeschoss kam mit schweren Verbrennungen an Gesicht und Armen in die Klinik.
Mein erster Gedanke: Gasexplosion. Doch die Ermittlungen erwiesen sich als schwierig. Das Erdgeschoss war kaum zu betreten, das Treppenhaus verschüttet und das Obergeschoss nicht zu erreichen. Wir konnten nur über die Drehleiter nach dem Grund für die heftige Explosion suchen. Ein Gasanschluss war nirgends zu finden. Der Gasversorger rückte an, Pläne wurden studiert, dann war klar, dass das Haus nicht mit Gas versorgt wird. Inzwischen musste das Technische Hilfswerk das Haus abstützen, es drohte der Einsturz. Der Havariedienst prüfte mit einer Sonde, ob vielleicht Gas aus einem Nachbarhaus herübergeströmt war. Doch es konnte nichts gemessen werden. Nach einigen Stunden war das Gebäude so instabil, dass wir Dachstuhl und Obergeschoss zur Sicherheit abtragen mussten.
Beim Aufräumen entdeckten wir im Obergeschoss in einem kleinen Bad ein Dutzend Sprayflaschen. Wir gehen davon aus, dass die 55-Jährige Haarspray benutzte. In dem Raum von fünf Quadratmetern kann sich sehr schnell ein explosives Haarspray-Luft-Gemisch bilden. Bei den Sprays wird oft Butan oder Propan als Treibmittel verwendet. Beide Stoffe sind hochentzündlich. Dann reicht ein Funke vom Föhn oder dem Lichtschalter. Das Haus war alt, aus Fachwerk und hatte dünne Wände. Das erklärt die verheerende Wirkung der Explosion. Die Gefährlichkeit der Sprays sollte jedem bewusst sein. Bei Gebrauch müssen Räume immer schnell gelüftet werden."
Von Steffen Winter

DER SPIEGEL 34/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der Augenzeuge:
In die Luft gesprayt

  • "Lady Liberty": Demokratie-Aktivisten errichten Statue in Hongkong
  • Filmstarts: "Man kriegt, was man verdient hat."
  • Webvideos der Woche: Kajakfahrer entgehen Felssturz knapp
  • Historische Bestmarke: Marathon in unter zwei Stunden