19.08.2017

OstpolitikKurskorrektur am Schwarzen Meer

„Wandel durch Annäherung“ charakterisierte die Neuorientierung der Bonner Ostpolitik durch Bundeskanzler Willy Brandt. Bereits als Außenminister suchte Brandt den Kontakt zu den Staaten des Warschauer Pakts. Doch seine Strategie war anfangs eine andere.
Seit Ende des Weltkriegs hatte Deutschland praktisch darauf verzichtet, eine eigene Ostpolitik zu entwickeln, der Blick ging nach Westen, Washingtons Politik gegenüber den "Soffjets", wie der Altkanzler sie nannte, war auch die Politik Adenauers. Doch mit dem Krieg in Vietnam drohten die Schutzgarantien der USA wegzubrechen, argumentierte zumindest Rudolf Augstein in seinem Kommentar, in dem er auf zwei Spalten durch die Chancen und Risiken der chinesisch-russisch-amerikanischen Ménage-à-trois irrlichterte. Westberlin sei die "Geisel der Sowjets in einem Krieg zwischen den Atommächten USA und China", höchste Zeit, die "Hausmeister-Schikanen des Herrn Walter Hallstein über Bord zu werfen".
Darin war er sich mit dem Außenminister und seinem Spindoktor Egon Bahr einig: Die beiden wollten seit Jahren Kontakt mit den Ostblock-Staaten aufnehmen, um in "vielen kleinen Schritten" einen "Wandel durch Annäherung" und letztlich die Wiedervereinigung zu erreichen. Die Voraussetzungen für diese Wiedervereinigung seien nicht in Ostberlin, sondern nur "mit der Sowjetunion zu schaffen", wie Bahr bereits 1963 in seiner Tutzinger Rede formuliert hatte.
Ein erster vorsichtiger Versuch, mit dem Osten anzubandeln, war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Rumänien 1967: Brandt trieb zumindest anfangs das von seinem christdemokratischen Vorgänger übernommene Ziel um, Ostberlin im Warschauer Pakt zu isolieren. Aber so freundlich die rumänische Regierung den mit Sohn Lars angereisten Außenminister auch aufnahm – Außenminister Corneliu Manescu legte dem "Excelenta Domnull Vizekanzler" sogar eigens einen gestreiften Pyjama und rote Lederslipper im Gästehaus bereit – die "geschäftstüchtigen Rumänen" behielten stets ihr Ziel fest vor Augen, "zuvörderst ihr wachsendes Defizit im Handel mit der Bundesrepublik abzubauen". In den Zwist zwischen "West- und Ostgoten" – so der Bukarester Diplomatenjargon – wollten sie sich keinesfalls hineinziehen lassen. Es könne keine "europäische Lösung ohne die DDR" geben, mahnte Rumäniens KP-Chef Nicolae Ceausescu. Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen hatte die Stellung der DDR im Ostblock "nicht erschüttert – im Gegenteil".
"An den Gestaden des Schwarzen Meeres", wohin sich Brandt und Bahr zur Beratung zurückgezogen hatten, "entschloss sich Bonns Außenamtskapitän zur Kurskorrektur". Solange Bonn auf seinem Alleinvertretungsanspruch beharrte und weder die Teilung noch die deutschen Ostgrenzen akzeptierte, konnte es keine ernstzunehmende Ostpolitik geben, so die Erkenntnis.
Man müsse die Realitäten akzeptieren, verkündete Brandt mit einer "rhetorischen Abweichung vom eingefahrenen Bonner Ost-Kurs" in Bukarest, das gelte auch "auch für die beiden politischen Ordnungen, die gegenwärtig auf deutschem Boden bestehen". Soviel Anerkennung hatte die DDR zuvor von der Bundesregierung nicht erfahren. Und so kann man mit einem bisschen guten Willen in dem rumänischen Badeausflug einen Vorboten für den Kniefall von Warschau sehen.

DER SPIEGEL 34/2017
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