20.12.1999

HOCHSCHULEN„Die Frau hat die Wahl“

Frauen haben bisher kaum Chancen auf Lehrstühle an deutschen Universitäten. Einige ungewöhnlich junge Professorinnen haben es dennoch geschafft.
Wie wird man Disco-Queen? Miriam Meckel, 32, kann es ihren Studenten am eigenen Fall vorführen. Mit Overheadprojektor und Folien demonstriert die Medien-Professorin, wie die Zeitungen aus einer harmlosen Äußerung die Zeile machten: "Sie tanzt gern durch die Discos, am liebsten nächtelang." Auf die Frage, was denn so im Privatleben laufe, hatte Meckel einem Reporter nur geantwortet: "Ich gehe auch mal tanzen."
Als Meckel im Mai dieses Jahres auf einen Lehrstuhl für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Wilhelms-Universität Münster berufen wurde, ist die Medien-Wissenschaftlerin selbst zum Medienereignis geworden, als "jüngste Professorin Deutschlands".
Die Medien reizt das Ungewöhnliche, erklärt sie den Studenten. Frauen auf einem Lehrstuhl sind selten, junge Professorinnen noch seltener, tanzende Profs ganz ungewöhnlich. Die journalistische Wortverdrehung, so Meckel, ist das Ergebnis von "Themenselektion".
Neben einem Lehrbeispiel, das Professorin wie Studenten gleichermaßen amüsiert, brachte ihr das Presse-Echo auch einige spitze Bemerkungen von Kollegen ein: "Wenn ich vormittags mal nicht in der Uni war, weil ich zum Beispiel irgendwo einen Vortrag gehalten habe, wurde ich schon mal gefragt, ob ich zu lange in der Disco war."
Doch meistens kommen die männlichen Lehrstuhlinhaber in Münster mit der akademischen Ausnahmeerscheinung gut aus. Im Bundesschnitt sind nur 5,5 Prozent der Professorenstellen von Frauen besetzt. Das ist eine der niedrigsten Quoten in Europa. In Deutschland wirkt unter anderem das langwierige Habilitationsverfahren abschreckend auf Frauen. Das Qualifikationsmarathon fällt meistens in die Phase der Familienplanung der 30- bis 40-jährigen Akademikerinnen. Das durchschnittliche Berufungsalter liegt bei 41 Jahren, bei Frauen in der Regel noch höher.
Meckel sieht sich noch nicht als Vorbotin eines Trends. "Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Platz, hatte die richtigen Qualifikationen und die dazugehörige Portion Glück." Nach dem Tod eines Professors erhielt die ehemalige WDR-Mitarbeiterin 1995 das Angebot einer Vertretung. Meckel wurde wegen ihrer ausgezeichneten Doktorarbeit "Fernsehen ohne Grenzen" und vor allem wegen ihrer Praxiserfahrung ausgewählt.
Ihr half, was anderen eher schadet: Die Bürokratie der Universität verschleppte eine Ausschreibung der vakanten Professorenstelle. So hatte Meckel Zeit, sich zu beweisen. Die vierjährige "Probezeit" brachte aber auch Nachteile: "Man ist ständig auf dem Präsentierteller." Als die Stelle dann Anfang dieses Jahres offiziell vergeben werden sollte, bewarb Meckel sich mit ihren diversen Veröffentlichungen über internationale Kommunikation und Redaktionsmanagement und bekam den Zuschlag.
Auch der wenig aufmunternde Kommentar eines Kollegen anlässlich ihrer Berufung - "Mit Ihrem Aussehen werden Sie es nicht leicht haben in der Wissenschaft" - konnte die damalige Moderatorin von "RTL West Live" nicht abschrecken.
Eine Traumkarriere? Meckel hasst das Wort Karriere. Zu geradlinig, engstirnig und eingeschränkt klingt ihr das. Sie ging einen Weg, den sie "so nie geplant hatte".
Ihr Traumjob war Auslandskorrespondentin, darauf arbeitete sie hin: Praktika bereits als Schülerin, eine Hospitanz beim ZDF, freie Mitarbeit beim WDR, Studium der Kommunikationswissenschaft. Anschließend bekam Meckel mit 27 Jahren einen Vertrag als Chefin vom Dienst bei RTL.
Da war sie bereits Dr. phil. Ihre Dissertation schrieb sie nach sechs Jahren Studium, innerhalb eines Jahres. Schon vor Abschluss wurde ihre Magisterarbeit für so gut befunden, dass der betreuende Professor sie aufforderte, gleich zu promovieren.
Das Überspringen des ersten akademischen Grades ist in manchen Fakultäten möglich. Miriam Meckel jedoch wurde sogar ohne Habilitationsschrift Professorin, obwohl die Geisteswissenschaftler in der Regel auf dem großen wissenschaftlichen Werk beharren. Doch das langwierige Großwerk verliert an Ansehen. Forscher und Bildungspolitiker kritisieren die Undurchsichtigkeit der Qualitätsmaßstäbe. Die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission zur Reform des Hochschuldienstrechts hält den Durchschnittsprofessor für zu alt. Ziel der Kommission ist eine Verjüngung der Professorenschaft. Bis zum Jahr 2006 werden voraussichtlich etwa 50 Prozent der deutschen Hochschullehrer pensioniert, die Jungen haben also echte Chancen.
Den Titel "jüngste Professorin Deutschlands" verlor Meckel inzwischen an Kerstin Thurow, 30. Im Oktober wurde die auf den Lehrstuhl für Laborautomation an die Uni Rostock berufen. Ihre Habilitation in Ingenieurswissenschaft hatte die Diplomchemikerin schon mit 29 Jahren vorgelegt.
Die Rostockerin arbeitet zwölf Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Zeit fürs Privatleben bleibt ihr kaum. "Es ist schwierig - mit einem Partner, der immer nur jammert, dass man zu wenig Zeit hat, wäre es die Hölle." In der Habilitationsphase eine Familie zu gründen hält Thurow für ausgeschlossen. Danach sei es - wie in anderen Berufen auch - ein lösbares Problem.
Doch für Akademikerinnen, die erst mit über 40 eine Stelle antreten können, stellt sich die Frage nach Kindern oft gar nicht mehr. Der Anteil der Professorinnen, die allein leben, ist dreimal so hoch wie bei den männlichen Kollegen.
Dass sie "besser sein muss als die Männer", ist für Thurow eine Selbstverständlichkeit. "Aber wenn man das will, schafft man das auch." Quotenregelungen hält sie für kontraproduktiv. Sie glaubt, dass es zu wenig Frauen gibt, die sich bewusst für eine wissenschaftliche Laufbahn entscheiden, und hofft, dass ihr Beispiel Schule macht.
In der Wissenschaftswelt - wie sonst oft auch - mangelt es an weiblichen Vorbildern. Pionierarbeit zu leisten kostet Kraft. Ehrgeizige Frauen werden schnell als Karrierefrauen abgestempelt. Den entsprechenden Begriff für Männer im Chefsessel gibt es nicht.
"Wenn man dann aber mal drin ist", sagt Thurow, "wird es leichter." Die Kooperation mit den Kollegen am Institut laufe großartig. Außerdem habe es auch Vorteile, Frau zu sein: "Mit einem charmanten Lächeln kann man manchmal auch etwas erreichen."
Damit ist das Repertoire noch nicht erschöpft. Und darin sieht die Kulturwissenschaftlerin Claudia Benthien, 34, einen großen Vorteil für Frauen im Berufsleben.
Neben dem Spiel mit Äußerlichkeiten stünden ihnen auch die so genannten männlichen Verhaltensmuster zur Verfügung. Denn Frauen seien wandelbar und anpassungsfähig, und das müsse kein Nachteil sein. "Rollenzuschreibungen müssen nicht passiv ''erlitten'' werden. Die Frau hat die Wahl und sollte sie nutzen", so Benthien.
Entscheidend sind natürlich Leistungen und Qualifikationen. Benthien, die für ihre Arbeit über die Kulturgeschichte der Haut den diesjährigen Joachim-Tiburtius-Preis des Landes Berlin erhielt, ist überzeugt, dass Publikationen, Lebenslauf und Auslandserfahrungen wichtigere Faktoren für die Karriere sind als das Geschlecht*.
Intelligenz, Ehrgeiz und Erfolg werden bei einer Frau oft als irritierend und unweiblich empfunden. Doch nicht nur Äußeres und Auftreten sind festen Vorstellungen unterworfen. Auch die Inhalte, mit denen Frauen sich wissenschaftlich beschäftigen, unterliegen einer unausgesprochenen Kontrolle der männlichen Mehrheit.
"Es wird besser toleriert", so die Geschichtsprofessorin Martina Kessel, 40, "wenn Frauen so genannte frauenspezifische Themen bearbeiten. In diesen Bereichen bekommen sie auch leichter eine Stelle." Die Kluft zwischen männlichen und weiblichen Akademikern, meint die im De-
zember letzten Jahres an die Universität Bielefeld berufene Historikerin, zeigt sich bereits in den Sprachregelungen der Uni: Für Frauen werden "Sonderprogramme" und "Sonderförderungen" aufgelegt, die "normalen" Stellen bleiben den Männern vorbehalten.
Die Zentrale Frauenbeauftragte der Technischen Universität Berlin, Heidemarie Degethoff de Campos, 53, sieht die Ursache für den Mangel an weiblichem Nachwuchs aber nicht als "quantitatives Problem", wie gerade in den Naturwissenschaften gern behauptet würde, sondern als ein "qualitatives des Uni-Systems". Alle Personalauswahlkommissionen sind nach wie vor überwiegend mit Männern besetzt, und dass diese eher ihre Geschlechtsgenossen auswählen, sei "ein ganz alter Hut".
Degethoff macht dafür nicht, wie viele andere, die Existenz von Seilschaften verantwortlich, sondern eine sozialpsychologische Disposition: Das Selbstbild des stets präsenten, machtbewussten, ehrgeizigen Wissenschaftlers sei für die Männer nicht durch eine Frau auszufüllen. "Dass Karriere für Frauen planbar, durchsetzbar und legitim ist", so Degethoff, "muss auch den Frauen selbst klar werden."
Damit hat Marion Kiechle, 39, kein Problem. Die Leitende Oberärztin an der Uni Kiel hat bereits vor vier Jahren habilitiert. "Noch nie", behauptet die Fachärztin für Gynäkologie, "hatte ich das Gefühl, benachteiligt zu sein, weil ich eine Frau bin."
An dieser Meinung ließ sie auch nicht zweifeln, dass ihre Bewerbung ein klassischer Fall von Benachteilung einer Frau zu Gunsten eines Mannes zu sein schien. Seit Oktober dieses Jahres stand sie auf der Vorschlagsliste der Technischen Universität München nur an zweiter Stelle.
Der Vorsitzende der Berufungskommission, Jörg Rüdiger Siewert, hatte dafür gekämpft, dass sein persönlicher Favorit Wolf Kreienberg, 53, auf Platz eins kam. Die Abstimmung endete mit dem ungewöhnlich knappen Ergebnis von 26 zu 22 Stimmen - obwohl die Universitätsleitung und auch das Wissenschaftsministerium für Kiechle waren.
Kiechles Stolz und Ausdauer wurden belohnt. Seit vergangenem Dienstag ist sie Deutschlands erste Frau mit einer Professur für Frauenheilkunde. Bayerns Wissenschaftsminister Hans Zehetmair erklärte, warum er sich über die Entscheidung der Berufungskommission hinweggesetzt hatte: "Entscheidend war nicht, dass es sich um eine Frau handelt, sondern um eine glänzend qualifizierte Wissenschaftlerin." KATHARINA STEGELMANN
* Claudia Benthien: "Haut. Literaturgeschichte - Körperbilder - Grenzdiskurse". Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1999; 320 Seiten; 24,90 Mark.
Von Katharina Stegelmann

DER SPIEGEL 51/1999
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