26.08.2017

JakobAugsteinIm Zweifel linksGroße Schläfrigkeit!

Der Diplomat, Dichter und Widerstandskämpfer Stéphane Hessel hatte, als er schon sehr alt war, einen phänomenalen Bucherfolg mit seinem Essay "Empört Euch!". Darin schrieb er: "Ich wünsche jedem Einzelnen von Ihnen einen Grund zur Empörung. Das ist sehr wertvoll. Wenn etwas Sie empört, wie mich die Nazis empört haben, werden Sie kämpferisch, stark und engagiert."
Kämpferisch? Stark? Engagiert? Die Deutschen sind eher weich, schlapp und gelangweilt. Das Institut Allensbach hat jedenfalls herausgefunden, dass annähernd die Hälfte der Bundesbürger zwar einerseits nicht weiß, wen sie wählen soll – gleichzeitig aber fast ebenso viele der Meinung sind, die Wahl sei bereits gelaufen. Das erscheint paradox und lässt sich vielleicht so erklären: Der Patient, den Allensbach da untersucht hat, befindet sich in Narkose. Frau Dr. Merkel, die Chefanästhesistin im Kanzleramt, hat ganze Arbeit geleistet.
Es heißt ja immer, Merkels Erfolgsgeheimnis bestehe darin, dass sie nicht polarisiere. Bei mir funktioniert das nicht. Diese Frau macht mich wahnsinnig. Sie versteckt ihren hochmütigen Spott hinter einem gespielten stoffeligen Gleichmut. Sie ist wie ein grinsendes Stück Watte, und wenn man sie fassen will, verliert sie die Form.
Aber die meisten meiner Mitbürger scheinen inzwischen so schläfrig zu sein, dass man alles mit ihnen machen kann. Die "Bild"-Zeitung befragte Merkel neulich zum Dieselskandal. Sie antwortete: "Ich hätte nicht erwartet, dass die, sagen wir mal, Unklarheiten in den Abgastests in derartiger Weise ausgenutzt wurden. Das ist nicht in Ordnung, und ich bin darauf auch sauer, muss man sagen, und sehr verärgert. Aber wir haben auch Vorsorge getroffen. Die Diskussion, dass diese Abgastests nicht der realen Situation entsprechen, ist ja schon lange geführt worden, und deshalb gibt es ab 1. September auch realitätsbezogenere Tests. Aber der Vertrauensbruch, der bleibt einfach."
Ausgenutzt? Sauer? Vertrauensbruch? Das klingt so, als hätte Merkel mit den Bossen eine Liebesbeziehung, als wäre Politik ihre Form der Paartherapie. Tatsächlich gehört diese Gefühlssimulation zu Merkels Strategie der Entpolitisierung. Sie hatte Wache, als Deutschlands wichtigster Industriezweig systematisch und absichtsvoll das Recht brach – und jetzt ist sie sauer?
Es gäbe so viel zu tun. Aus dem Wirtschaftsministerium kommt gerade die Nachricht, dass die realen Bruttolöhne der unteren 40 Prozent der Lohnempfänger im Jahr 2015 zum Teil deutlich niedriger waren als 1995. Obwohl so vieles auf dem Spiel steht, ist die Stimmung so, als ginge es um nichts.
Nach Hessels Maßstab ist es vielleicht kein Wunder, dass große Empörung bei den Deutschen nicht zu finden ist – immerhin ist die Bedrohung durch Nazis bei uns zurzeit überschaubar. Also, wenn schon nicht "Empört Euch!" – dann wenigstens: "Interessiert Euch!"
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 35/2017
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