26.08.2017

GewaltStrategie des Aufstands

Die einen wollen den Gottesstaat, die anderen wollten die Weltrevolution: Islamistische Täter und RAF-Terroristen haben unterschiedliche Motive – die Radikalisierung verläuft ähnlich.
Vier überlebten, immerhin. Vier junge Männer, die angeblich am Anschlag von Barcelona beteiligt waren. Vielleicht reden sie, vielleicht geben sie seltene Antworten auf Fragen, die sich nach jedem Anschlag stellen: Woher der Hass? Woher die Hemmungslosigkeit? Was war das Ziel?
Das frühe 21. Jahrhundert etabliert sich als Zeitalter des Terrorismus. Kaum ein Tag ohne islamistischen Anschlag, kaum ein Tag ohne Tote. Paris, Brüssel, Istanbul, Berlin, London, Manchester, aber auch Burkina Faso, Afghanistan, Ägypten, neulich ein Messerstecher in Hamburg, nun einer in Finnland, ein weiterer in Sibirien.
Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer, die Erinnerung verblasst schneller, wer kann die Orte des Schreckens noch in die richtige Reihenfolge bringen? Auch das Entsetzen stumpft ab, unsere Empathie für die Opfer, doch die Fragen werden drängender: Wo liegen die Ursachen des Terrors, welche Dynamik beschleunigt ihn, wie ist er endlich zu bremsen? Dass er bald zu stoppen ist, daran glaubt ohnehin kaum noch einer.
Die Antworten fallen schwer. Viele islamistische Attentäter töten sich oder werden von Polizisten getötet wie der Todesfahrer von Barcelona, Younes Abouyaaqoub. Die Überlebenden schweigen meist, selbst dann, wenn sie sich vom Terrorismus losgesagt haben. Nur wenige sprechen.
Das ist heute so, im Sommer 2017, das war vor 40 Jahren so, im Deutschen Herbst 1977, als die Rote Armee Fraktion (RAF) einen Höhepunkt ihrer Brutalität erreichte. "Zu den Bullen kein Wort", gab Andreas Baader die Losung aus. Das Einhalten der Omertà, damals wie heute, zählt zu den Tugenden eines Terroristen.
Ein Mann wie Peter-Jürgen Boock, der von 1975 bis 1980 der RAF angehörte, ist daher eine Ausnahme. Er legte vor 25 Jahren eine von ihm sogenannte Lebensbeichte ab. Heute reflektiert er ausführlich sein Leben und sein Morden. "Es ist nicht zu rechtfertigen", sagt Boock. "Ich empfinde bis heute Scham und manchmal auch Hass auf mich selber" (siehe Seite 14).
Man kann einen RAF-Terroristen von damals nur schwer mit einem Dschihadisten von heute vergleichen, man kann religiös-extremistischen nicht mit sozialrevolutionärem Terrorismus gleichsetzen. Zu unterschiedlich sind die Ideologien, die Motive, die Taten, die Opfer.
Die RAF wollte die Spitzen aus Politik, Militär und Wirtschaft treffen, ermordete dabei aber auch deren Personenschützer und Polizisten. Dschihadisten dagegen töten willkürlich und wahllos, friedliche Muslime sind am häufigsten ihre Opfer. In der RAF waren die Ideologen auch die Täter, die Dschihadisten trennen Prediger und Attentäter. Die RAF verband ihre Taten oft mit politischen Forderungen, wollte mit Entführungen die Freilassung ihrer inhaftierten Genossen erpressen.
"Dem dschihadistischen Terror fehlt dieses Erpressermoment", sagt Sebastian Winter von der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie, einem Zusammenschluss von Sozialwissenschaftlern, die zu kollektiver Gewalt forschen. Stattdessen locke der Dschihadismus mit apokalyptischem Heilsversprechen. Er imaginiere eine Welt wie bei "Herr der Ringe": Wir gegen die, nur eine Gruppe kann überleben. Indem er das Kollektiv über das Individuum stelle, sei er dem rechtsextremen Terror ähnlich, sagt Winter.
Viele Mitglieder der RAF stammten aus der Mitte der Gesellschaft, sie entwuchsen der Studentenbewegung. Sie und ihre Taten sind zu einem Kapitel der Zeitgeschichte geworden. Später wurde die RAF in der Popkultur romantisiert: Baader als "Dandy des Bösen" ("Kursbuch"), der "Prada Meinhof"-Schriftzug auf hippen T-Shirts eines Hamburger Labels, eine Punkband, die einst die RAF als "geilen Haufen" bejubelte. Zu den runden Jahrestagen des Deutschen Herbstes sind routiniert Bücher und historische Serien erschienen.
Diesmal ist es anders. Der Terror aus der Vergangenheit lässt sich nicht mehr nur aus akademischer und kulturhistorischer Distanz betrachten, wenn der Terror der Gegenwart fast jeden Tag seine tödlichen Schneisen schlägt. Zwangsläufig stellt sich die Frage, was eine Gesellschaft aus den Gewaltexzessen der Vergangenheit lernen kann. Was verbindet den Terror von einst mit dem von heute? Was bringt Menschen dazu, den zivilisatorischen Konsens über die Grundwerte zu verlassen, was treibt sie an, andere zu töten, damals wie heute?
Trotz nötiger Differenzierung, es gibt Gemeinsamkeiten, es gibt einen Bogen, der sich von den Anarchisten und Nihilisten des 19. Jahrhunderts über die RAF, über 9/11, über den Rechtsterror des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) bis zu Anis Amri, dem Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, und weiter bis nach Barcelona spannt.
"Terrorismus ist keine Ideologie, sondern eine Strategie des Aufstands", schrieb schon vor über 40 Jahren der Historiker Walter Laqueur in seinem Standardwerk "Terrorismus". Daran hat sich fast nichts geändert, höchstens dass das Gefühl der Demütigung bei heutigen Terroristen ausgeprägter scheint als noch vor 40 Jahren.
Terror entstehe aus dem Empfinden von Ohnmacht, sagt der Bremer Jurist und Psychoanalytiker Lorenz Böllinger, er ende häufig in Allmachtsfantasien, nicht selten im Tod. Böllinger gehörte zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die Ende der Siebzigerjahre im Auftrag der sozialliberalen Bundesregierung das Phänomen RAF ergründen sollten. Heraus kam 1982 eine bemerkenswerte Studie in fünf Bänden mit dem Titel "Analysen zum Terrorismus". Ihre Aussagen missfielen dem damaligen Innenminister der CSU, weshalb ein Teil der Studie zunächst in der Schublade verschwand. Ihre Ergebnisse, sagt Böllinger, seien aber noch heute relevant.
Er hatte 150 Linksterroristen im Gefängnis angeschrieben, sieben erklärten sich zu Tiefeninterviews bereit. Aus diesen Gesprächen und weiteren Recherchen erarbeitete Böllinger mehrere Entwicklungsstufen, die aus seiner Sicht terroristische Karrieren kennzeichnen.
Die Lebensläufe der späteren Täter begannen demnach mit frühen Belastungen in der Familie oder in Heimen. Viele der RAF-Terroristen, oft aus dem Bildungsbürgertum, wuchsen ohne Vater auf. Es folgte der Bruch mit der bisherigen Umwelt und der Rückzug in einen Kreis Gleichgesinnter. Dort entwickelte sich ein Konformismus. Man sah sich als Kämpfer und übernahm die Metaphorik des Krieges. Wer im Gefängnis landete, radikalisierte sich womöglich weiter, auch durch die harte Behandlung der RAF-Gefangenen durch die Justiz. Diese Stufen, sagt Böllinger, seien bei einem RAF-Terroristen genauso zu finden wie bei einem IS-Kämpfer. Sie führten im Extremfall zur Bereitschaft zu morden.
Wer sich im Krieg sieht, der schafft sich eine Legitimation dafür. Die Ohnmacht verwandelt sich in Hass und mitunter rauschhafte Größengefühle. Hemmungen werden abgebaut, Schuldgefühle ausgeschaltet, immer im Glauben, für eine höhere Sache zu kämpfen, eine Ideologie, eine Religion. Terroristen sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, sie sind getrieben von der Arroganz der Adoleszenz, von der Unsicherheit, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist.
Der Kreis der Gleichgesinnten nimmt ihnen diese Unsicherheit ab und bietet Orientierung. Der Gegner wird entmenschlicht, Polizisten werden zu Schweinen, Christen zu minderwertigen Ungläubigen, die eigenen Ziele überhöht. In der Gruppendynamik entsteht ein Wettbewerb der Agitation. Für die Weltrevolution erscheint am Ende Töten gerechtfertigt, für den Sieg des Kalifats ebenso. Manchmal entwickelt sich ein romantisierender Todeskult. Alle Terroristen, sagt der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, Autor des Buchs "Der Mensch als Bombe", griffen auf eine archaische Rachefantasie zurück.
Nur wenige Tage nach dem Barcelona-Anschlag lag erneut das Wort Krieg in der Luft. EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani forderte eine bessere Zusammenarbeit der europäischen Behörden, um den "Krieg gegen den Terror" zu gewinnen.
Auch Fritz Sack war an der RAF-Studie der Siebzigerjahre beteiligt. Der Kriminologe würde das Wort Krieg nie verwenden, weil es von den Ursachen des Terrorismus ablenke. Er erinnert an die Vorgeschichte der RAF, die unterbliebene Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die Notstandsgesetze, die Wiederbewaffnung. Heute sieht der 86-Jährige ähnliche Mechanismen am Werk: "Die fortschreitende Ungleichheit zwischen dem Westen und anderen Gesellschaften bildet den Nährboden, auf dem islamistischer Terror gedeiht." Gefährder könnten, heute wie damals, nicht allein durch polizeiliche Mittel gebremst werden. "Der Westen darf sich nicht länger weigern, diese Ungerechtigkeiten zu thematisieren", sagt Sack, sonst drohe eine weitere Eskalation.
In der Studie legte Sack sein Augenmerk auf das Wechselspiel zwischen den Revolutionären und der Polizei. Schon in der Studentenbewegung der Sechzigerjahre habe die Interaktion der Polizei mit den Protestierenden die "Bedingungen des endgültigen Schritts in die Gewalt" eher begünstigt als beseitigt. Andere Forscher fanden heraus, dass die meisten späteren Terroristen zuvor bei Demonstrationen von Polizisten zusammengeschlagen worden waren. Lorenz Böllinger erinnert daran, dass auch viele Flüchtlinge, die zu Dschihadisten werden, zuvor gedemütigt wurden und häufig traumatisiert sind.
Doch nicht alle Gedemütigten werden zum Attentäter, nur eine Minderheit. Die meisten bleiben friedlich. Andere schaffen den Ausstieg. Auch wenn die Wege aus der Gewalt lang, verworren und schmerzhaft sind, wie das Beispiel von Peter-Jürgen Boock zeigt. Kann man aus seiner Geschichte, aus den Erfahrungen mit der Roten Armee Fraktion lernen?
Gerhart Baum war vier Jahre lang als liberaler Innenminister mit der Bekämpfung der RAF beschäftigt. Das Bewahren der Freiheit angesichts terroristischer Bedrohungen ist sein Lebensthema. Heute, mit 84 Jahren, engagiert er sich für Programme, die Islamisten beim Ausstieg aus der Gewalt unterstützen sollen.
"Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung" junger Menschen seien die entscheidenden Wurzeln des Terrorismus, sagt Baum.
So war es damals, so ist es heute.

"Der Westen darf sich nicht länger weigern, Ungerechtigkeiten zu thematisieren."

* Links: 1881, historische Illustration; rechts: World Trade Center, 2001.
Von Frank Hornig, Martin Knobbe und Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 35/2017
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