02.09.2017

TourismusWie schläft es sich unterm Altar, Herr Brettel?

Horst Brettel, 70, Gemeindekirchenrat in Neustadt am Rennsteig in Thüringen, über die Kirche als Hotel
SPIEGEL: Herr Brettel, Sie vermieten Schlafplätze in Ihrer Kirche über Airbnb. Hat Ihre Gemeinde es so nötig?
Brettel: Viele Kirchen bleiben leider häufig leer. Wir haben in unserem Kreis 100 Kirchen, aber viel zu wenige Mitglieder. Deswegen sucht die evangelische Kirche nach Alternativen, neben Gottesdiensten, Trauerfeiern und Konzerten kochen wir zum Beispiel auch im Pfarrhaus. Ganz neu ist die Idee mit dem Übernachten ja nicht, auch Maria und Josef kamen nach Bethlehem und brauchten eine Unterkunft.
SPIEGEL: Eine Übernachtung kostet sechs bis zwölf Euro pro Person. Was bietet die Kirche dem Gast dafür?
Brettel: Eine Küche mit Kaffeemaschine und Wasserkocher, 20 Meter entfernt im Pfarrhaus. Auch Toiletten gibt es dort. In der Kirche stehen ein Doppel- und ein Einzelbett aus Holzlatten. Von da aus können die Gäste den Altarraum sehen und auch die fünf bunten, sehr schönen Betonglasfenster des Malers Medardus Höbelt.
SPIEGEL: Ist es nicht gruselig, unterm Jesuskreuz zu übernachten?
Brettel: Im Gegenteil. Der erste Gast, eine Dame aus Salzburg, hat uns erzählt, dass sie sich mit all den bunten Fenstern und der Höhe des Raums richtig heimelig gefühlt habe. Nur über die Turmuhr beschweren sich die Besucher manchmal, die schlägt jede Stunde, auch nachts.
SPIEGEL: Benehmen sich die Leute in Ihrer Kirche?
Brettel: Bis jetzt wurde nichts geklaut. Wir sind ja notfalls auch versichert über Airbnb und die Gemeinde. Partys dulden wir aber nicht.
SPIEGEL: Geht es nach dem Check-out am Sonntagmorgen dann direkt in den Gottesdienst?
Brettel: Um neun Uhr müssen die Gäste raus sein. Die Leute gehen lieber frühstücken als in den Gottesdienst.
Von Cat

DER SPIEGEL 36/2017
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