02.09.2017

Eine Meldung und ihre GeschichteDickschädel

Wie ein totes Rüsseltier die Amerikaner eint
Vor einigen Monaten spazierte im Bundesstaat New Mexico in den USA ein Junge mit dem Namen Jude in die Wüste. Er war auf der Suche nach einem Versteck, das ihm geeignet schien, ein wenig im Dreck zu liegen und mit seinem Bruder per Walkie-Talkie zu kommunizieren. Er kletterte über einen Hügel und stolperte über etwas gelbes Langes, das, wie sich später rausstellte, ein Stoßzahn war. Jude fiel und schaute auf Knochen und Zähne, die größer waren als alles, was er bisher an Knochen und Zähnen kannte.
Jude hat für einen Zehnjährigen eine erstaunliche Kenntnis prähistorischer Skelette. Seine Eltern sagen, Jude habe zwischen sechs und neun Jahren eine "Dinosaurierphase" erlebt, in der er sich Bücher über Dinosaurier anschaute, Dokumentationen zur Kreidezeit sah und mit einem Allosaurus aus Plastik spielte.
Die Sparks, Judes Eltern, haben ein leicht angespanntes Verhältnis zum Thema Dinosaurier: Sie sind strenggläubige Christen. Sie glauben, Gott habe den Menschen und die Dinosaurier auf die Erde gesetzt. Die Sparks glauben nicht an die Evolutionstheorie.
Jude, der Sohn dieser Eltern, lag also da im Staub und dachte, so sagt es Ms Sparks: "Das sieht hier nicht aus wie der Schädelknochen einer Kuh." Er nahm sein Walkie-Talkie und funkte seinen Vater an. Der Vater kam, machte ein paar Fotos und schickte sie an einen Professor der nahen Universität.
Es war ein Freitagabend, 22 Uhr, in Las Cruces, New Mexico. Professor Peter Houde saß vor seinem Computer und schrieb an einem Kapitel für ein Buch über Vogelgene. Er las die E-Mail des Mr Sparks, angehängt waren Fotos eines Unterkiefers, der aus der Wüste ragte. In der E-Mail stand der Satz: "Ist das was?"
Houde schaute auf das Foto und schrieb zurück: "Haben Sie morgen früh Zeit?"
Peter Houde, 60, ist Professor für Biologie. Er hat schon auf jedem Kontinent in der Erde gewühlt und Skelette prähistorischer Tiere ausgegraben, jüngst buddelte er in China nach toten Vögelchen. Nebenher leitet er ein Museum für Dinosaurier und Mammuts. Nach Houde ist ein Tier benannt, weil er der Erste war, der es im Boden fand, die Mimoperadectes houdei, eine Art Baumbeutelratte. Er fand sie in Wyoming in einem Stück Kalkstein, das er in Säure auflöste, weil er ahnte, darin könnte sich irgendetwas verstecken.
Die Evolution ist Houdes Spezialgebiet.
Houde und die Sparks bewohnen ein Land, die Vereinigten Staaten, das zurzeit so uneinig wirkt wie lange nicht mehr. Als könnte es nichts geben, was die Menschen zusammenbringt: die East-Coast-Elite, die Trump-Supporter, die Schwarzen, die Sioux, die Hispanics, die Neonazis, die fundamentalistischen Christen und die Professoren.
Zwischen Houde und den Sparks liegen Welten.
Andererseits war auch Houde mal ein Junge, der sich für Skelette interessierte, genauso wie Jude Sparks.
Als Houde zehn Jahre alt war, damals noch Bewohner New Yorks, fing er damit an, Kadaver zu sammeln, sagt er am Telefon. Er kratzte überfahrene Katzen von den Avenues und suchte am Strand nach angespülten Möwen. Der kleine Peter präparierte ihre Schädel. Seine Eltern brachten ihn mit den Präparatoren des Museum of Natural History zusammen, und mit 13 Jahren begann Peter, in seiner Freizeit dort in der Vogelabteilung zu arbeiten.
Er studierte, promovierte, wurde Professor, forschte, buddelte. Er liebt seine Arbeit bis heute, aber wer forschen will, muss auch lehren, und das kann manchmal ein wenig frustrierend sein. In Las Cruces gibt Houde unter anderem einen Kurs in menschlicher Anatomie. Menschen sind zwar eigentlich keine Vögel, aber Skelett ist Skelett, und außerdem ist das Niveau niedrig, niemanden kümmert es, dass Houde kein Humanmediziner ist. Seine Studenten, das hat er festgestellt, interessieren sich in der Theorie ohnehin nicht für den Unterschied zwischen Schlüsselbein und Schambein, sondern nur für ihre Note.
"Man kann ein Leben lang nach seinesgleichen suchen, und manchmal findet man ihn nie", sagt Houde.
Er besuchte Jude Sparks und seine Eltern am Morgen, nachdem er die E-Mail bekommen hatte. Die Sparks, Jude und der Professor gingen gemeinsam in die Wüste. Houde nahm eine Schaufel und begann, vorsichtig damit zu graben, so weit, bis er sehen konnte, dass der Stoßzahn in einem Schädel steckte. Dann schaufelte er alles wieder zu. Knochen können über die Jahrhunderte porös werden. Wenn die Stabilisierung durch die Erde fehlt, kann es passieren, dass ein alter Knochen zerbröselt.
Houdes Herz klopfte. Jude hatte den Schädel eines Stegomastodons gefunden, eines prähistorischen Rüsseltiers, das vor einigen Zehntausend Jahren durch die Weiten Amerikas stapfte.
Manchmal reichen die Überreste eines ausgestorbenen Tieres, um Menschen zusammenzubringen. Ein Zeichen Gottes, wie die Sparks sagen.
Das Stegomastodon liegt jetzt in Gips gegossen in der New Mexico State University, weil der Knochen gehärtet werden muss, bevor er ausgestellt wird. Erst vor ein paar Wochen konnte der Schädel gehoben werden. Peter Houde und Jude Sparks gruben ihn gemeinsam aus.
Von Takis Würger

DER SPIEGEL 36/2017
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