02.09.2017

LeitkulturMidwest

Alexander Osang denkt darüber nach, was er anzieht.
Heute Morgen habe ich mein Fahrrad zu einem Fahrradhändler in die Winsstraße gebracht. Zur Durchsicht. Früher hat man so was nur bei Autos gemacht, aber das ist eine andere Geschichte.
Die Winsstraße liegt im Winsviertel, das Winsviertel liegt im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, der Fahrradladen heißt Ostrad. New Yorker wissen: Wenn ihre Nachbarschaft plötzlich einen Namen trägt wie "Gowanus" oder "South Slope", dann sollte man sich seinen Mietvertrag noch mal genau anschauen. Winskiez und Bötzowkiez sind Verkaufsschilder. Immobilienhändler brauchen Labels. Es gibt das "Herz des Bötzowkiezes", wie es "Prime Slope" gibt. Vor ein paar Jahren geisterte in Berlin mal das Wort "Noto" herum, was eine Abkürzung für North of Torstraße sein sollte. Aber das war dann doch zu blöd. Auch Ostrad ist natürlich ein Label, funktioniert bei mir aber. Würde ich vor zwei Fahrradläden stehen, von denen einer Ostrad hieße und einer Westrad, würde ich immer Ostrad wählen. Vor 30 Jahren hätte ich mich noch andersrum entschieden, was die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung schön zusammenfasst.
Ich berlinerte im Gespräch mit dem Fahrradmonteur noch stärker als ohnehin. Auch er berlinerte. Noch mehr berlinert wird nur im Fahrrad Konsum auf der Danziger Straße, wo ich mein erstes Rad kaufte, das aber schnell geklaut wurde. Da ist man nicht nur örtlich, sondern auch politisch auf der richtigen Seite. Es ist, als legte man dem Monteur seine Geburtsurkunde und seinen Parteiausweis auf den Tisch.
"Kannste heute Abend wieda abholen", sagte der Mann am Tresen. "Wenn wat iss, rufen wa an." "Jut", sagte ich.
Die Sonne schien, ich lief gut gelaunt die Marienburger Straße hinunter, überquerte die Greifswalder, die ursprünglich eine Gletscherrinne war, heute aber die Grenzlinie zwischen den Verkaufsobjekten Wins- und Bötzowkiez bildet. Ich kenne übrigens keinen einzigen Berliner, der ernsthaft das Wort Kiez sagt. Ich habe mal nachgeschaut: Kiez haben die Nazis benutzt, um Arbeiterviertel mit vorwiegend kommunistischer Bevölkerung zu markieren. Die SA würde sich in der Hufelandstraße nicht mehr zurechtfinden. Keine Kommunisten mehr, von Arbeitern ganz zu schweigen. Irgendwann spürte ich, dass mich die Leute seltsam ansahen. Ich dachte erst, es liegt an meiner guten Laune, später dachte ich: Es liegt an meinem T-Shirt. Ich trug ein blaues T-Shirt mit den Umrissen des Mittleren Westens der Vereinigten Staaten von Amerika, darunter steht: Midwest.
Der Mittlere Westen besteht aus zwölf Bundesstaaten, von denen die meisten Trump gewählt haben. Das auf dem Leib zu tragen ist in diesen Tagen so, als würde man mit der Konföderiertenflagge durch Prenzlauer Berg reiten. Gerade ist der "Stern" mit einem Titelbild erschienen, auf dem Donald Trump, eingehüllt in eine amerikanische Fahne, den Hitlergruß macht. Daneben steht: "Sein Kampf". Bestimmt gab es auch eine Variante, bei der die Titelbildredaktion Trump zusätzlich ein Führerbärtchen angemalt hatte, damit wirklich alle verstehen, was gemeint ist.
Ich habe das T-Shirt nicht angezogen, um das "Stern"-Titelbild zu kommentieren. Es lag einfach oben auf dem Berg der blauen T-Shirts, die ich besitze. Am Tag nach dem 11. September 2001 kam ein Kollege von mir mit einem Pearl-Harbor-T-Shirt ins Büro. Das war eine T-Shirt-Entscheidung, die mit dem Herzen getroffen wurde. Meine nicht. Ich hasse Trump, würde aber kein T-Shirt tragen, auf dem das steht. Es wäre mir zu naheliegend. Ich würde auch kein T-Shirt tragen, auf dem steht: Kim Jong Un ist ein gefährlicher Irrer. Außerdem: Alle beklagen sich über den Narzissten Trump, aber unsere Straße hängt voller Plakate, auf denen der FDP-Chef Lindner Werbung für sich selbst macht. Auf einem scheint er sich die Manschettenknöpfe zu schließen. Er könnte sich auch auf die Uhr schauen. Alle machen sich über Trumps Frisur lustig, aber niemand erinnert sich, dass Lindner seine Haare gekauft hat.
Ich habe das Midwest-T-Shirt vor drei Jahren in Durango, Colorado, gekauft, in einem alternativen Plattenladen, direkt neben einem der Headshops von Durango. Es wurde in Chicago hergestellt, der Heimatstadt von Obama, die in Illinois liegt, einem der beiden Midwest-Staaten, die demokratisch gewählt haben. Meine Tochter ist in Durango für ein halbes Jahr zur Highschool gegangen, in eine der besten Schulen, die ich kenne. Sie hat in der schulischen Dunkelkammer gelernt, wie man Fotos entwickelt. Wir haben Freunde in Durango, die dort mal eine alternative Zeitung herausgegeben haben. Parallel dazu betrieben sie eine Biobäckerei. Heute ist er Chefredakteur einer Monatszeitschrift für Umweltschutz, sie ist Lehrerin.
Das ist natürlich eine ziemlich lange Erklärung für ein T-Shirt. Es fragt mich ja auch niemand. Die Leute gucken nur komisch, und auch das bilde ich mir sicher nur ein. Als Teenager bin ich mal versehentlich im FDJ-Hemd zum Religionsunterricht gegangen. Ich saß dann mit Winterjacke im gut geheizten Religionszimmer von St. Josef in Berlin-Weißensee. Am Hals leuchtete der blaue FDJ-Kragen meines Judashemds. Eine Stunde lang musste ich es ertragen, die verschiedenen Seelen in meiner Brust gleichzeitig auszustellen.
So schlimm ist es heute nicht, aber ich bin doch froh, als ich mit meinem Midwest-Shirt wieder zu Hause bin.
Später checke ich noch, wen ich eigentlich wählen sollte. Der Wahl-O-Mat empfiehlt mir die DKP. Der letzte Kommunist im Bötzowkiez. Allerdings mit Eigentumswohnung, die er sich in 25 Jahren als Lohnschreiber des Kapitals zusammengeschmiert hat.
Alles nicht einfach.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 36/2017
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