02.09.2017

Erziehung„Getrennte Paare lässt der Staat allein“

Familienministerin Katarina Barley, 48, will Väter stärker in den Blick der Politik nehmen.
SPIEGEL: Frau Barley, wenn eine Familie zerbricht, gilt plötzlich ein Elternteil als "alleinerziehend" – nämlich der, bei dem die Kinder gemeldet sind. Wie heißt der andere Elternteil?
Barley: Es wäre sicherlich zeitgemäßer, zunächst von getrennt Erziehenden zu sprechen. Viele Menschen sind sich der Tücken solcher Begrifflichkeiten nicht bewusst. Ich habe mich selbst nach meiner Scheidung als Alleinerziehende betrachtet. Wenn ich meine Kinder hatte, war ich ja auch allein mit ihnen. Allerdings haben sie von Anfang an die Hälfte der Zeit bei ihrem Vater verbracht.
SPIEGEL: Ihr Ministerium ist dem Namen nach zuständig für: Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Können Sie verstehen, dass sich manche Männer diskriminiert fühlen?
Barley: Ich halte die Probleme von Frauen auch außerhalb des familiären Bereichs noch für so gravierend, dass es den Namen rechtfertigt. Trotzdem müssen wir Jungen, Väter und Männer auch in den Blick nehmen.
SPIEGEL: Inwiefern?
Barley: Ich bin Mutter zweier Söhne und kenne das Problem, dass Jungs mit ihren Verhaltensweisen beispielsweise in der Grundschule mit überwiegend weiblichen Lehrkräften oft anecken. Da muss stärker hingeguckt werden, sage ich als Mutter. Aber auch als Familienministerin will ich Väter stärker einbeziehen.
SPIEGEL: Väterverbände monieren, dass vor allem getrennte Väter vom Gesetz, in Jugendämtern und in den Familiengerichten benachteiligt werden. Wie lässt sich das ändern?
Barley: Die Verbände, von denen Sie sprechen, fordern in erster Linie, das sogenannte Wechselmodell im Gesetz als bevorzugtes Lebensmodell nach einer Trennung zu verankern ...
SPIEGEL: ... also ein Erziehungsmodell, bei dem die Kinder abwechselnd bei Vater und Mutter wohnen und sich die Eltern die Betreuung hälftig teilen ...
Barley: ... aber die grundsätzliche Frage ist ja, ob es überhaupt sinnvoll ist, einen gesetzlichen Regelfall aufzustellen. Das Wechselmodell ist für manche richtig, aber nicht in allen Fällen, zum Beispiel bei häuslicher Gewalt. Es gibt so unterschiedliche Formen von Familie und so unterschiedliche Bedürfnisse von Kindern – und um die geht es ja in erster Linie –, da muss für jeden Fall bei einer Trennung eine individuelle Lösung gefunden werden. Idealerweise natürlich von den Eltern selbst.
SPIEGEL: In der Realität herrscht Kritikern zufolge in vielen Gerichtssälen allerdings noch das pauschale Leitbild, dass ein Kind zur Mutter gehöre. Und entsprechend wird entschieden.
Barley: Wir brauchen einen stärkeren Fokus auf die Besonderheiten jeder Familie. Ich glaube nicht, dass neue Gesetze das Allheilmittel sind. Mir ist diese Diskussion um das Wechselmodell zu eindimensional. Ich würde gern an anderer Stelle ansetzen, zu einem früheren Zeitpunkt: Am besten ist es doch, wenn Paare bei einer Trennung selbst entscheiden, wie man sich die Kindererziehung teilen will. Dabei sollten wir sie unterstützen.
SPIEGEL: In welcher Form?
Barley: Viele Menschen fühlen sich in der Trennungsphase alleingelassen. Die ersten und oft einzigen Personen außerhalb des Freundeskreises, mit denen sie darüber sprechen, sind Anwälte. Deren Job ist aber nicht die Vermittlung zwischen Ex-Partnern, sondern die Vertretung einer Partei. Deshalb müssen wir das Beratungsangebot für Eltern, die sich trennen, ausbauen. Eltern sollten darin unterstützt werden, Eltern zu bleiben, auch wenn sie sich als Paar trennen. Wenn Eltern dann miteinander ein Wechselmodell vereinbaren, finde ich das wunderbar. Ich lebe es ja wie gesagt selbst in meiner Familie.
SPIEGEL: Etliche Paare landen trotz Beratung im Gerichtssaal. Dort wird der Streit Kritikern zufolge eher geschürt als deeskaliert. Was läuft da schief?
Barley: Juristen haben gelernt, Rechtsvorschriften auf den Einzelfall anzuwenden. Einige wenige bilden sich auf dem Gebiet der Mediation weiter. Aber Juristen sind nun einmal keine Kinderpsychologen oder Sozialpädagogen. Und wenn man die Eltern in diesem schwierigen und komplizierten Prozess begleiten will, braucht man Zeit und die entsprechende Qualifikation.
SPIEGEL: Die Überzeugung, dass ein Kind eher zur Mutter gehört als zum Vater, spiegelt sich in der Gesetzgebung wider. Beispiel Sorgerecht: Unverheiratete Väter müssen die elterliche Sorge für ihr Kind erst von der Mutter oder von einem Gericht übertragen bekommen. Warum?
Barley: Das hat historische Gründe. Hier geht es in erster Linie darum, die Mutter und das Kind zu schützen. In Beziehungen ohne Trauschein übernehmen Väter heute oft genauso Verantwortung wie in Ehen. Die Rechtsprechung darf nicht dazu führen, dass sie in diesem unterstützenswerten Wunsch strukturell benachteiligt werden. Deswegen müssen wir uns solche Regelungen genau anschauen.
SPIEGEL: Auch das deutsche Unterhaltsrecht geht noch vom Prinzip aus: Einer zahlt, einer betreut. Fragt man die Fachpolitiker von Grünen, SPD und CDU, fordern alle Reformen. Warum findet sich davon nichts in den Wahlprogrammen?
Barley: Weil das Thema Trennung immer noch tabubehaftet ist und deshalb weder in der Politik noch in der Gesellschaft ausreichend diskutiert wird. Getrennte Paare lässt der Staat ziemlich allein. Beispiel Steuerrecht: Da existiert das Modell "gemeinsam getrennt erziehen" gar nicht, das ist einfach nicht vorgesehen.
SPIEGEL: Es gibt lediglich einen Entlastungsbetrag für Alleinerziehende.
Barley: Und auch der hilft je nach Einkommenshöhe relativ wenig. Dabei steigen nach einer Trennung die Kosten für Familien rasant an. Bei meiner Scheidung hatte ich eine halbe Stelle, und plötzlich fehlte das Einkommen meines Mannes im Haushalt. Das machte einen gravierenden Unterschied aus. Bei mir war das verkraftbar, aber in weniger gut bezahlten Jobs wird das schnell existenziell. Plötzlich müssen zwei Haushalte finanziert und womöglich noch hohe Fahrtkosten gestemmt werden, wenn die Eltern weit voneinander entfernt wohnen. Wir müssen als Politiker und als Gesellschaft darüber sprechen, ob man solche Ausgaben nicht steuerlich berücksichtigen sollte.
SPIEGEL: Mehr Beratungsangebote für Familien, bessere Schulungen für Richter, Steuererleichterungen für getrennte Paare – haben Sie mal ausgerechnet, was das alles kosten würde?
Barley: Wir sprechen hier von Kosten im Millionen-, nicht im Milliardenbereich. Und es wäre gut investiertes Geld. Denn wenn sich getrennte Väter stärker an der Erziehung beteiligen, entlastet das ja auch die Mütter. Davon haben alle etwas.
Interview: Anne Seith
Von Anne Seith

DER SPIEGEL 36/2017
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