02.09.2017

ItalienIm Wartesaal Europas

Der Brenner ist der Ort, an dem die Träume zerplatzen. Hier, in Südtirol, verläuft die neue Grenze, undurchdringlich für Migranten. Zurück bleiben die Verzweifelten.
Der Bahnhof von Bozen, Südtirol, ist in diesen Wochen ein Wartesaal Europas, ein Durchgangslager für zwei Arten von Passagieren. Beide reisen mit leichtem Gepäck, ihre Welten berühren einander selten.
An einem Mittwochmorgen Ende August steht der junge Gambier Zacharias am Fenster des Schnellzugs von Verona nach München, er schaut auf bunt gekleidete Bergsteiger, Feriengäste, Interrailer, die in Bozen aussteigen, erwartet werden, angekommen sind. Zacharias fährt weiter. Die Polizisten und Grenzsoldaten, die die Abteile durchkämmen und jeden herausfischen, der nach Flüchtling aussieht, entdecken ihn nicht, der Zug rollt an.
Zacharias, 18 Jahre alt, ist einer von knapp 100 000 Flüchtlingen, die in diesem Jahr in Italien angekommen sind, er will nach Österreich, dann weiter nach Deutschland, obwohl sie ihm gesagt haben, dass dieser zweite Teil seiner Flucht schwer werde und Asyl im Norden unmöglich sei.
Während in diesen Tagen im Süden nur noch wenige Flüchtlinge ankommen, ist hier im Norden eine neue Grenze entstanden. Das österreichische Bundesheer hat Mitte August 70 Mann an den Brenner geschickt, die mit Eisenstangen Güterzüge nach blinden Passagieren abstochern; dazu Polizisten, die gründlicher denn je jeden Zug kontrollieren. Denn in Österreich ist Wahlkampf, lange vorbei sind die Zeiten, da hier täglich um die 200 Afrikaner, Pakistaner und Afghanen gen Norden durchgewinkt wurden und die Bozener Essen und Kleidung brachten. Heute, sagt ein Eisenbahner, zeigten sie unter die Sitzbänke, "schauen Sie, Herr Schaffner, da hat sich wieder einer versteckt".
In Fortezza, Franzensfeste, vier Stationen vor dem Brenner, ist Zacharias' Reise zu Ende. Italienische Polizisten fordern ihn auf, den Zug zu verlassen. Auf dem Bahnsteig sitzen bereits fünf Somalier, sie sind auf dem Rückweg aus Österreich, fünf von bis zu tausend Flüchtlingen, die Tirol pro Monat aufgreift und zurück über den Brenner schickt. Auf der Tiroler Polizeistation gab man ihre Fingerabdrücke in die Eurodac-Datenbank ein, beschlagnahmte Bargeld und Handys und teilte ihnen mit, dass sie sich beim Ausländeramt in Bozen zu melden hätten. Mit Zacharias fahren sie zurück, der Bahnhof ist nun Endstation.
Es ist, als verliefe hier in Bozen eine neue Trennlinie im grenzenlosen Europa. Für Afrikaner wie Zacharias, die es wieder und wieder versuchen, wie Flipperkugeln abprallen und zurückgeschossen werden. Täglich stranden hier 20, 30 Flüchtlinge, seit Monaten geht das so, und nichts deutet darauf hin, dass es bald ein Ende hat.
Im Bahnhofspark von Bozen sitzen nun Somalier, Afghanen, Ghanaer, sie kiffen und dealen; an der Schlachthofstraße prostituieren sich Nigerianerinnen; am Ufer des Eisack waschen sich all jene, die kein Bett für die Nacht bekommen haben. Gut ein Dutzend Helfer kümmert sich um sie, eine bunte Truppe aus Südtirolern, die meisten selbst Migrantenkinder, sie können nur lachen über Innenminister Marco Minniti, der sagt, endlich sehe er ein "Licht am Ende des Tunnels". Sie sähen nur Tunnel, sagen die Helfer von Bozen, ihre Arbeit fange gerade erst an.
Es sind zwei dieser Helfer, die Zacharias nach seiner Irrfahrt in Bozen in Empfang nehmen, sie besorgen ihm ein Feldbett in einer Kirche für die Nacht, danach sitzt er auf der Straße. Zacharias ist trotz aller Hindernisse selbstbewusst und siegessicher, er hat gut Italienisch gelernt. Wer ihm zuhört, begreift, dass niemand ihn auf seinem Weg nach Norden aufhalten kann. Nicht seine Mutter, die zum Abschied sagte: Verschwende nicht dein Leben bei Menschen, die dich nicht haben wollen. Nicht die Uniformierten, die sich ihm hier zum dritten Mal auf seiner Odyssee entgegenstellen.
In Gambia hat Zacharias aus Europas Elektroschott funktionierende Computer gebastelt; er komme nicht mit leeren Händen, sagt er, er habe etwas zu bieten. Er wolle eine Ausbildung machen, hart arbeiten, "ein unabhängiger Mann werden".
Noch ist er lange nicht am Ziel. Nach Schlägen und Schikane in libyschen Lagern gelang die Überfahrt, ein halbes Jahr lebte er in einem Erstaufnahmelager bei Brindisi, dann erntete er als Tagelöhner Tomaten, fühlte sich ausgebeutet wie früher die Sklaven. Er hat keine sehr hohe Meinung von Italienern, er findet sie unorganisiert und verwöhnt, er hingegen wolle etwas leisten in seinem Leben.
Und er wird es schaffen, er wird ein Leben in Wohlstand und Würde in Deutschland führen, davon ist Zacharias fest überzeugt. Andere Afrikaner schafften es doch auch, sagt er, fast täglich schickten sie ihm Beweisfotos, Erfolgsgeschichten per Facebook und WhatsApp. Er will nicht glauben, dass das eine geschönte Wahrheit ist, dass aus Scham keiner vom wahren Leben in Europa berichtet. Lieber lügen sie oder fotografierten sich vor einem dicken Auto, statt von ihrer Einsamkeit zu berichten, der Hoffnungslosigkeit, dem Herumgeirre.
So kommt es, dass der Flüchtlingsstrom nicht versiegt und immer neue Routen gefunden werden, wenn die alten abreißen, wie erst der Weg über den Balkan oder nun der aus Libyen über das Mittelmeer.
Anderthalb Zugstunden von Bozen entfernt sitzt eine Frau in einem kargen Büro gegenüber vom Bahnhof am Brenner, die diesen Drang ins vermeintlich bessere Leben jeden Tag vor Augen hat. Sie hat dunkle Haut und geflochtene Zöpfe, Zineb Essabar, 38, Marokkanerin aus Casablanca, vor zwölf Jahren als Archäologiestudentin gekommen; für sie ist Italien kein Durchgangslager, es ist ihre zweite Heimat.
Seit Januar arbeitet sie für die Hilfsorganisation Volontarius, eine Afrikanerin auf 1300 Höhenmetern. Fast stündlich läuft sie an diesem unwirtlichen Ort die Bahnsteige entlang, hält Ausschau nach Flüchtlingen, die sich unter die Güterzüge gequetscht haben. Essabar tröstet, berät, bietet ein Bett für eine Nacht, mehr kann sie nicht tun. Essabar sagt, dies sei ein Ort, an dem Träume zerplatzen.
Sie sieht, wie die Männer aus Zügen geworfen werden, am Ende des Gleises stehen sie und schauen sehnsüchtig Richtung Norden, all den Porsches und SUVs hinterher, hinüber zum gigantischen Outletcenter mit all seinen Versprechungen. Habt Geduld, würde sie ihnen am liebsten zurufen, ihr könnt nicht alles auf einmal haben. Sie sagt, die Unwissenheit über das wahre Leben in Europa, dieser hartnäckige Mythos Deutschland, der mache sie rasend.
Sie fleht die Jungs an, in Italien zu bleiben, "hier seid ihr registriert, nur hier habt ihr eine Chance". Es gebe Härtefallkommissionen, Asyl aus humanitären Gründen, es werde anerkannt, wenn sie Italienisch lernten, sich anstrengten, fleißig seien. Italiens Asylpraxis sei da wesentlich flexibler und fantasiereicher als die deutsche, glaubt mir, ich kenne mich aus.
Und doch weiß Essabar, dass ihre Worte verhallen wie das Echo an den Felswänden der Alpen. Die Flüchtlinge werden es trotzdem wieder versuchen, wenn nicht am Brenner, wenn nicht im Zug, dann für 150 oder auch 300 Euro im Auto über den Grenzübergang im Pustertal. Oder zu Fuß, über die grüne Grenze, wie früher die Juden auf der Flucht aus Nazideutschland.
Wenn ihr wieder mal alles vergebens erscheint, tröstet sie sich mit der spröden Poesie dieses Ortes, macht Fotos von den Alpenveilchen zwischen den Gleisen, den schneeverhangenen Gipfeln. Und schickt dann wieder die Jungs zurück nach Bozen.
Die Provinz Bozen hat bisher offiziell 1700 Asylsuchende aufgenommen, das macht bei 500 000 Einwohnern weniger als ein halbes Prozent. Dazu kommen nun mehrere Hundert Illegale, die meist keine Chance auf Asyl haben.
Und was tut eine Stadt, der die Welt ins Haus gestolpert ist? Sie schottet sich ab und zeigt Härte. Mehrmals die Woche gibt es jetzt Razzien im Park, mit Blaulicht und Hundestaffel, die nach Drogen schnüffelt und meist welche findet. Unbequeme Zeiten sind das im wohlhabenden Südtirol, das selbst ein Land der Hin- und Hergeschobenen ist, wo noch Anfang des 20. Jahrhunderts arme Bauern ihre Kinder zu Fuß über die Alpen schickten, damit sie sich als "Schwabenkinder", als Mägde und Hütejungen, in Württemberg und Baden verdingten. Heute mag sich, scheint es, kaum noch einer daran erinnern.
Wenn in Bozen die Nacht hereinbricht, so schwarz und sternenklar wie in Afrika, startet Gina Quiroz aus Kolumbien, Essabars Kollegin bei Volontarius, ihre Schicht. Ihr Arbeitsplatz ist ein Caravan, zwei Nächte pro Woche tuckert sie um den Bahnhof, die Straße zur Rittner Seilbahn, die Schlachthofstraße entlang des Eisack. An Bord hat sie Thermoskannen mit Tee und Kondome. Quiroz betreut Prostituierte auf dem illegalen Straßenstrich von Bozen. Jeden Abend reisen sie mit dem Zug an, aus Trient, Verona, 40 bis 50 Pendlerinnen, meist aus Nigeria, noch nicht lange im Land. Auf der Bahnhofstoilette machen sie sich zurecht. Nach getaner Arbeit warten sie auf den Stufen unter den faschistischen Statuen auf den ersten Zug morgens um fünf Uhr.
Im Gegensatz zum nimmermüden Zacharias träumen sie nicht mehr vom großen Glück in Europa. Sie nehmen rund 30 Euro pro Kunde, mit dem Geld zahlen sie ihre Schulden ab bei Schleppern und Zuhältern.
So wie Blessing, eine Nigerianerin mit glatter Langhaarperücke, Hotpants und Kunstnamen, sie steht an einer Bushaltestelle im Industriegebiet. "Ciao", ruft sie und läuft auf den Caravan zu, "tutto bene?" Dann klingelt ihr strassverziertes Handy, das in ihrem BH steckt, der nächste Kunde rollt an.
Gina Quiroz dreht ihre Runden, bis Rita anruft, noch keine Prostituierte, aber auf dem besten Weg dahin. Rita aus Lagos, einer der vielen Härtefälle in Bozen, eine von über 11 000 Nigerianerinnen, die zuletzt nach Italien kamen, vielleicht schwanger. Die Caritas hat ihr ein Hotelzimmer besorgt, vorübergehend. Rita heult ins Telefon, sie habe sich verlaufen. Ein Passant, der sie aufgelesen hat, nennt die Adresse, Quiroz rast hin.
Rita steigt ein, klein, rundlich, Blumenrock, sie wirkt wie ein verlorenes Kind. Sie spricht von dem Tag, an dem sie der Anruf der "Madame" erreichte: Entweder du gehst auf die Straße mit den anderen Mädchen, oder wir holen dich, und das überlebst du nicht.
"Madame", so nennen sie die Frauen, die ihnen das Geld für die Reise durch die Sahara und die Überfahrt nach Italien leihen, bis zu 35 000 Euro. Besiegelt wird dieser Handel mit einer Art Voodoozauber, bei dem Haare und Blut der Mädchen und ihrer vermeintlichen Beschützer verbrannt und getrunken werden. Wer seine Schuld nicht begleicht, den soll ein Fluch treffen, der die Familie ins Unglück reißt.
Rita weint jetzt nicht mehr, sie sagt, es sei wohl ein Fehler gewesen, diese Reise nach Europa. "Warum?", fragt Quiroz, die Helferin. "Weil ich hier niemanden habe, weil ich sie so sehr vermisse, meine Kinder, fünf und acht, die Oma passt auf sie auf."
Am nächsten Tag wird Rita bei der Caritas einen Antrag zur Rückführung nach Nigeria stellen. Darum, sagt Quiroz, habe sie noch keines der Mädchen gebeten. Sie findet, das ist ein guter Anfang.

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Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 36/2017
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