02.09.2017

KommentarSechs Millionen Tote pro Jahr

Warum Tabakkonzerne niederländische Staatsanwälte fürchten müssen
Anne Marie van Veen war 15, als sie zu rauchen begann. Jetzt ist sie 44, verheiratet, hat vier Kinder und raucht nicht mehr; denn im Juli 2014 bekam sie die Diagnose Lungenkrebs. Seither kämpft sie – gegen die Krankheit und deren Verursacher.
Vor einem Jahr hat van Veen bei der Staatsanwaltschaft in Amsterdam Strafanzeige gestellt gegen vier Konzerne: Philip Morris International, British American Tobacco, Japan Tobacco International und Imperial Tobacco Benelux. Van Veen will kein Geld, sie will mehr: Ihre Anwältin wirft den Konzernen neben schwerer Körperverletzung mit Todesfolge auch versuchten Mord oder Totschlag vor. Sie will erreichen, dass die Justiz die Tabakindustrie ein für alle Mal verbietet.
Ein solches Strafverfahren hat es bisher weder in Europa noch in den USA gegeben. In Kürze dürfte die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob sie Anklage erhebt; wenn ja, gebührte ihr Applaus. Warum dürfen Tabakkonzerne ein Produkt verkaufen, von dem sie wissen, dass es mehr als die Hälfte seiner Nutzer töten wird? Warum dürfen sie Teenagern Freiheit und Abenteuer versprechen, sie in Wirklichkeit aber süchtig und krank machen? Wenn sich bei Medikamenten in seltenen Fällen tödliche Nebenwirkungen zeigen, müssen sie oft vom Markt verschwinden. Die Erzeugnisse der Tabakkonzerne aber bringen im Jahr weltweit sechs Millionen Menschen um – ungestraft.
Volkswagen-Manager haben Diesel mit zu hohen Abgaswerten verkauft, manche werden dafür vor Gericht stehen. Tabakmanager sind schlimmer: Der Zigarettenfilter ist so konstruiert, dass er im offiziellen Laborversuch einen relativ niedrigen Schadstoffgehalt vorgaukelt. Reale Raucher nehmen aber trotz Filter weitaus mehr Nikotin und krebserregende Substanzen auf, als die Hersteller angeben. Es ist Zeit, die Verbrechen der Tabakindustrie gerichtlich auszuleuchten, auch in Deutschland.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 36/2017
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