02.09.2017

GlosseSpoiler-Warnung

Die Ängste der „Game of Thrones“-Fans
Es war Sonntagabend kurz vor 23 Uhr in Malibu, als Thomas Gottschalk unwissentlich eine Todsünde beging. Er twitterte: "Mein Sohn hat mir 100-mal erklärt, warum Jon Snow auf einmal Aegon Targaryen ist und mit seiner Tante im Bett liegt, aber ich kapier's nicht." Die Fans waren in Rage. Gottschalk hatte eine zentrale Szene des Saisonfinales der Serie "Game of Thrones" verraten. Er hatte: gespoilert.
Gottschalk, der auch schon mal im Fernsehen eine "Tatort"-Mörderin vorab verraten hat, macht sich offenbar wenig aus einer Obsession, die absurde Züge angenommen hat: die Angst des modernen Menschen vor "Spoilern". Es scheint im Leben eines Serienschauers keine größere Furcht zu geben, als dramatische Wendungen vorab zu erfahren. Deshalb mussten Medien ihre "Game of Thrones"-Kritiken mit sorgfältigen Warnungen versehen: "Achtung! Spoiler!" Und dann verrät Gottschalk trotzdem alles auf Twitter. Die Furcht vor Spielverderberei hat etwas Rührendes, aber auch etwas Neurotisches. Es soll Menschen geben, die tagelang durchs Leben gehen, in der Hoffnung, dass niemand ihnen erzählt, dass der Night King im Finale von "Game of Thrones", auf einem Drachen reitend, die große Eismauer einreißt (huch, Spoiler!).
Das gleicht dem Versuch, durch Berlin zu gehen, ohne in Hundekot zu treten. Er ist nun mal überall. Man kann Spoilern in der heutigen Medienwelt nicht entgehen – sie lauern im Internet und sogar im SPIEGEL. Es gibt im Grunde nur drei Lösungen: alle Folgen sofort zu schauen, Medien und Menschen zu meiden – oder zur Einsicht zu gelangen, dass man sich auch über etwas freuen kann, was man schon weiß.
Von Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 36/2017
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