02.09.2017

Hüte dich vor diesem Kerl

Die ersten Seiten von Salman Rushdies neuem Roman „Golden House“. Ein Vorabdruck.
Am Tag der Amtseinführung des neuen Präsidenten, als wir Sorge hatten, er könnte, während er Hand in Hand mit seiner außergewöhnlichen Frau durch die jubelnde Menschenmasse ging, ermordet werden, als so viele von uns wegen der geplatzten Hypothekenblase kurz vor dem wirtschaftlichen Ruin standen und als Isis noch eine ägyptische Göttin war, traf ein ungekrönter etwa siebzigjähriger König mit seinen drei mutterlosen Söhnen aus einem fernen Land in New York City ein, um seinen Palast im Exil zu beziehen, dabei verhielt er sich, als gäbe es an dem Land oder an der Welt oder an seiner eigenen Geschichte nichts auszusetzen, und begann wie ein gütiger Herrscher, seine Nachbarschaft zu regieren – doch trotz seines charmanten Lächelns und der Fähigkeit, seine Guadagnini-Geige von 1745 zu spielen, trug er ein schweres, billiges Parfum, den unverkennbaren Geruch von krasser, despotischer Gefahr, diese Art Duft, der uns warnt, hüte dich vor diesem Kerl, denn er könnte jeden Augenblick deine Hinrichtung anordnen, wenn du zum Beispiel ein T-Shirt anhast, das ihm nicht gefällt, oder wenn er mit deiner Frau schlafen will. Die nächsten acht Jahre, die Jahre des vierundvierzigsten Präsidenten, waren auch die Jahre der zunehmend unberechenbaren und alarmierenden Herrschaft des Mannes über uns, der sich selbst Nero Golden nannte, der nicht wirklich ein König war, und am Ende dieser Zeit brach ein großes – und metaphorisch gesprochen, apokalyptisches – Feuer aus.
Der alte Mann war klein, ja man könnte sagen, gedrungen und kämmte sein Haar, das trotz seines fortgeschrittenen Alters noch durchwegs dunkel war, ölig glatt nach hinten, um seinen diabolisch spitzen Haaransatz zu betonen. Seine Augen waren schwarz, sein Blick stechend, doch was die Leute als Erstes wahrnahmen – meistens hatte er seine Hemdsärmel aufgerollt, damit sie es auch tatsächlich bemerkten –, waren seine Unterarme, die so dick und stark wie die eines Wrestlers waren und in großen, gefährlichen Händen mit klobigen, smaragdbesetzten Goldringen mündeten. Nur wenige Leute hatten ihn je die Stimme heben hören, obwohl wir nicht bezweifelten, dass in ihm eine Stimmgewalt lauerte, die man besser nicht herausforderte. Er kleidete sich teuer, doch er hatte etwas Lautes, Animalisches an sich, sodass man an das Biest im Märchen denken musste, das sich in menschlicher Kleidung unbehaglich fühlt. Wir alle, seine Nachbarn, fürchteten uns ziemlich vor ihm, obwohl er gewaltige, plumpe Anstrengungen unternahm, sich freundlich und nachbarschaftlich zu zeigen, er winkte uns energisch mit seinem Stock zu und beharrte zu unpassenden Zeiten darauf, dass die Leute für einen Cocktail zu ihm kamen. Er beugte sich vor, wenn er stand oder ging, als müsste er ständig gegen einen starken Wind ankämpfen, den nur er spürte, ein wenig in der Hüfte abgeknickt, aber nicht sehr. Das war ein mächtiger Mann; nein, mehr als das – ein Mann, der die Vorstellung, mächtig zu sein, überaus liebte. Der Stock schien eher dekorativen als funktionalen Zwecken zu dienen. Wenn er durch die Gärten ging, erweckte er den Eindruck, er versuche, unser Freund zu sein. Oft streckte er den Arm, um unsere Hunde zu tätscheln oder das Haar unserer Kinder zu verwuscheln. Aber Kinder und Hunde zuckten vor seiner Berührung zurück. So manches Mal, wenn ich ihn beobachtete, dachte ich an Dr. Frankensteins Monster, ein Abbild des Menschlichen, dem es ganz und gar misslang, wahre Menschlichkeit zu zeigen. Seine Haut war ledrig dunkel, und sein Lächeln blitzte vor Goldfüllungen. Sein Auftreten war derb und nicht unbedingt höflich, aber er war unermesslich reich, und darum war er natürlich akzeptiert; aber in unserer urbanen Gemeinschaft aus Künstlern, Musikern und Autoren alles in allem nicht beliebt.
Wir hätten ahnen müssen, dass ein Mann, der den Namen des letzten julisch-claudischen Kaisers von Rom annahm und sich dann in einer domus aurea niederließ, sich öffentlich zu seinem Irrsinn, seinem Fehlverhalten, seinem Größenwahn und dem bevorstehenden Untergang bekannte und dem Ganzen ins Gesicht lachte; dass so ein Mann dem Schicksal den Fehdehandschuh vor die Füße warf und den sich nähernden Tod verhöhnte, wobei er rief, "Ja! Vergleicht mich, wenn ihr wollt, mit diesem Ungeheuer, das Christen in Öl tauchte und anzündete, um des Nachts seinen Garten zu beleuchten! Das auf der Lyra spielte, während Rom brannte (damals gab es keine Geigen)! Ja: Ich selbst habe mir den Namen Nero, aus dem Hause Caesars, gegeben, der Letzte dieser blutigen Dynastie, und macht damit, was ihr wollt. Mir gefällt einfach der Name." Er ließ seine Bösartigkeit vor unseren Nasen baumeln, schwelgte darin, forderte uns heraus, sie zu erkennen, voll Verachtung für unsere Auffassungsgabe und überzeugt von seiner Fähigkeit, jeden zu besiegen, der sich gegen ihn erheben sollte. Und es stimmt: Lange Zeit verstanden wir ihn nicht, und als wir ihn allmählich verstanden, stellten wir uns ihm nicht entgegen, bemühten uns nicht, ihn zu Fall zu bringen.
Er kam wie einer dieser gestürzten europäischen Monarchen in die Stadt, diese Oberhäupter von abgesetzten Häusern, die noch immer die großen Ehrentitel als Nachnamen nutzten, von Griechenland, von Jugoslawien oder von Italien, und die die düstere Vorsilbe Ex- so behandelten, als gäbe es sie nicht. Sein Auftreten zeigte, er war kein Ex-Irgendwas; er war durch und durch majestätisch, mit seinen steifkragigen Hemden, mit seinen Manschettenknöpfen, den maßgefertigten englischen Schuhen, mit seiner Art, auf geschlossene Türen zuzugehen, ohne den Schritt zu verlangsamen, da er wusste, sie würden sich für ihn auftun; auch mit seinem misstrauischen Wesen, das ihn jeden Tag Einzelgespräche mit seinen Söhnen führen ließ, um sie zu befragen, was ihre Brüder über ihn sagten; und mit seinen Autos, mit seinem Gefallen an Spieltischen, seinem unhaltbaren Aufschlag beim Tischtennis, seiner Vorliebe für Prostituierte, Whiskey und höllisch scharf gewürzte, gefüllte Eier und mit seinem oft wiederholten Spruch – an dem absolute Herrscher von Caesar bis Haile Selassie Gefallen hatten –, die einzige Tugend, die es wert sei, beachtet zu werden, sei die Loyalität. Er wechselte oft sein Handy, gab fast niemandem die Nummer und ging nicht dran, wenn es klingelte. Er verweigerte Journalisten oder Fotografen den Zutritt zu seinem Haus, aber in seiner regelmäßig stattfindenden Pokerrunde waren oft zwei Männer zugegen, silberhaarige Schwerenöter, die man stets in hellbraunen Lederjacken und mit breit gestreiften Krawatten sah, denen der Verdacht anhing, ihre reichen Ehefrauen getötet zu haben, obwohl in einem Fall keine Anklage erhoben wurde und sie im anderen Fall nicht standhielt.
Über seine eigene nicht vorhandene Ehefrau schwieg er. In seinem Haus mit den vielen Fotografien, dessen Wände und Kaminsimse von Rockstars, Nobelpreisträgern und Adeligen bevölkert waren, gab es kein Bild der Mrs. Golden, oder wie auch immer sie sich genannt hatte. Ganz eindeutig, es musste etwas mit Schande zu tun haben, und wir tratschten zu unserer Schmach darüber, was das wohl gewesen sein mochte, wir stellten uns das Ausmaß und die Schamlosigkeit ihrer Treulosigkeiten vor, beschworen sie als eine höchst wohlgeborene Nymphomanin herauf, deren Sexleben anstößiger war als das eines Filmstars, von deren Abschweifungen ein jeder wusste, nur ihr Ehemann nicht, der sie, vor Liebe blind, weiterhin anbetungsvoll betrachtete, sie für die liebende, keusche Ehefrau seiner Träume hielt, bis zu dem schrecklichen Tag, als seine Freunde ihm die Wahrheit aufdeckten, sie kamen in Scharen, um sie ihm zu offenbaren, und wie er tobte!, wie er sie beschimpfte!, er nannte sie Lügner und Verräter, sieben Mann mussten ihn festhalten und daran hindern, denen, die ihn gezwungen hatten, der Realität ins Gesicht zu sehen, etwas anzutun, und schließlich sah er ihr ins Gesicht, er akzeptierte sie, er verbannte sie aus seinem Leben und untersagte ihr, jemals wieder ihre Söhne anzusehen. Schlampe, sagten wir uns, hielten uns für weltklug, und die Klatschgeschichte stellte uns zufrieden, und wir beließen es dabei, da wir in Wahrheit mehr mit unseren eigenen Dingen beschäftigt und nur bis zu einem bestimmten Punkt an den Angelegenheiten des N. J. Golden interessiert waren. Wir wendeten uns ab und führten unser Leben weiter.
Welch schrecklichen Fehler wir machten. ■

Sein Auftreten war derb, aber er war unermesslich reich, und darum war er natürlich akzeptiert.

DER SPIEGEL 36/2017
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